07.11.2021 06:00 |

Filzmaier fragt nach

Top-Infektiologe: „Wir sind wieder zu spät dran!“

In den Krimis von Wolf Haas heißt es: „Jetzt ist schon wieder was passiert.“ Was leider auch für die Corona-Pandemie zutrifft. Die Infektionsfälle sind explodiert, die Krankenhäuser überfüllt. Nachdem die Bundesregierung lange Zeit nur über den schönen Sommer reden wollte, kommt nun 2G. In unserer „Krone“-Serie spricht Politikwissenschafter Peter Filzmaier mit dem Top-Infektiologen Florian Thalhammer über die leidvolle Thematik.

Peter Filzmaier: Wissen Sie, dass ich vor unseren Gesprächen inzwischen immer an Mike Ryan, den Direktor in der Weltgesundheitsorganisation, denken muss?
Florian Thalhammer: Nein. Warum?

Ryan betont stets die Wichtigkeit von sofortigen Maßnahmen gegen das Virus. Sonst sei man immer zu spät dran. Er beklagt, dass Politiker zu wenig auf seine Warnungen hören würden. Auch Sie haben bereits im Spätsommer nachdrücklich vor der bevorstehenden Überlastung der Krankenhäuser gewarnt. War Österreich mit dem Stufenplan der Bundesregierung für neue Maßnahmen also zu spät dran, wenn jetzt 2G - man muss geimpft oder genesen sein - vorgezogen wird?
Im Sommer haben wir beide schon alle Maßnahmen zur Vermeidung von Risikofaktoren, die Impfquote sowie mögliche Behandlungen und Medikamente besprochen. Jetzt haben wir die vierte Welle, und alle diskutieren immer noch, was man tun soll.

Ja, Sie haben damals betont, dass neben möglichst vielen Impfungen rechtzeitige Behandlungen die Wahrscheinlichkeit eines schweren Verlaufs stark verringern könnten.
Die politisch Verantwortlichen streiten, wer zahlen soll. Zur Erinnerung: EIN Tag Lockdown kostet 190 Millionen Euro, EIN Tag auf der Intensivstation 3500 Euro, EINE Gabe eines monoklonalen Antikörpers 2000 Euro und EINE Therapie mit Molnupiravir etwa 620 Euro. In Großbritannien wurde dieses Medikament soeben zugelassen, bei uns nicht. Es reduziert bis zum dritten Tag der Behandlung die Virusausscheidung um 95 Prozent. Das kann jeder in unseren früheren Interviews nachlesen. Ja, wir sind wieder zu spät dran und hinken ständig hintennach.

Ich lerne gerade, wo abgesehen von 2G viel mehr getan werden müsste. Doch die meisten in Österreich lebenden Menschen wurden im Frühjahr zweimal geimpft. Wie gut sind sie geschützt?
Inzwischen wissen wir besser, wie gut und wie lange die Impfstoffe wirken. Daher ist es erforderlich, dass sich alle zweifach Geimpften nach sechs Monaten den dritten Stich verabreichen lassen. Die Grundimmunisierung besteht wie bei der Zeckenimpfung aus drei Teilimpfungen. Ich will als Geimpfter weder einen milden Verlauf haben, noch Ungeimpfte anstecken.

Wie soll ich mich im Alltag verantwortungsvoll verhalten? Gibt es etwas, das Sie über die bestehenden Vorschriften hinaus empfehlen würden?
Ja, Sie dürfen raten.

Maske tragen!
Richtig, die Maske. In der jetzigen Situation benötigen wir in Risikobereichen mit vielen Menschen auf engem Platz die Maske, im Gesundheitsbereich sowieso. Und noch etwas: Erkältungskrankheiten voneinander zu unterscheiden, das kann schwierig sein. Wenn wir jetzt bei trübem Novemberwetter Husten oder Schnupfen haben, soll man sich zusätzlich testen lassen.

Wie sieht die Sache aus, wenn ich bereits eine dritte Impfung habe? Was ändert sich für mich?
Im Alltag leider noch wenig. Sie dürfen bei einer 2G-Regelung ins Gasthaus essen gehen, während die nur Getesteten ohne Impfung oder Genesung vor der Tür bleiben müssen. Theoretisch. Auf die Kontrollen bin ich gespannt. Sie haben nach der Drittimpfung aber auch ein deutlich niedrigeres Risiko, an Corona zu erkranken, als alle anderen. Das ist doch was, auch wenn es kein Persilschein ist.

In Israel, von Politikern gerne als Vorbildland genannt, muss sich jeder allerspätestens - also am besten früher - sechs Monate nach dem Zweitstich die dritte Impfung holen. Wir haben in Österreich monatelang nicht reagiert und lange Zeit solche Drittimpfungen erst nach neun bis zwölf Monaten empfohlen. Auch jetzt gilt für 2G der Grüne Pass unverändert neun Monate bis zum dritten Stich. Wie soll ich mich da als medizinischer Laie auskennen? Das Virus ist ja in Israel dasselbe wie bei uns, oder?
Natürlich. Israel ist leider krisen- und kriegserprobter als wir, dafür fallen Entscheidungen schneller und konsequenter. Wir scheinen die Meinung zu vertreten: Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht nass.

Ich hätte aus meinem Fachgebiet, der öffentlichen Kommunikation, ebenfalls ein Beispiel der Widersprüche. In Portugal haben schon vor Monaten alle Bürger ein Einladungsschreiben mit einem fixen Impftermin bekommen, obwohl dieser nicht verpflichtend war. Bei uns soll das seitens der Gesundheitskasse erstmals im Dezember passieren. Viele Monate später und ohne konkreten Termin.
Wasser auf meine Mühlen. Datenschutz ist extrem wichtig, aber die Bürokratie darf nicht zum Hemmschuh werden. Ja, Einladungsbriefe wären sicher unterstützend gewesen.

Fakten

Zur Person Peter Filzmaier
Peter Filzmaier ist Professor für Politikwissenschaft an der Donau-Universität Krems und der Karl-Franzens-Universität Graz sowie Leiter des Instituts für Strategieanalysen (ISA) in Wien.

Zur Person Florian Thalhammer
Florian Thalhammer ist Infektiologe an der Medizinischen Universität Wien, stellvertretender Ärztlicher Direktor und Epidemiearzt am Universitätsklinikum Allgemeines Krankenhaus (AKH) sowie Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Infektionskrankheiten und Tropenmedizin (ÖGIT).

Als Politikwissenschafter stimme ich hier dem Chef des Roten Kreuzes zu, der sinngemäß sagte: Entweder wir haben bei der Pandemiebekämpfung so komplizierte bürokratische Vorschriften und Prozesse, dass man diese seitens der Politik schleunigst ändern müsste. Oder das mit den Vorschriften ist nur eine Ausrede, weil Bürokraten zu langsam sind. Dann müsste man beim Personal dringend etwas ändern. Halten Sie als Arzt die lange unterschiedlichen Regeln je nach Bundesland für sinnvoll?
Eine Lehre müssen wir aus der Pandemie ziehen. Richtlinien und Vorgangsweisen müssen in ganz Österreich trotz Föderalismus einheitlich sein, wir haben einen Fleckerlteppich geschaffen. Eigentlich eine Katastrophe, es kennt sich keiner mehr aus, und die Außenwirkung ist katastrophal. Jeder denkt sich, ich kann es mir aussuchen, die oben wissen es ja auch nicht.

Was nun? Wie lautet Ihre Prognose für die Entwicklung bis Jahresende und darüber hinaus?
Ich gebe keine Prognosen mehr ab. Jedoch gebe ich die Hoffnung nicht auf, dass wir lernfähig sind, die Bevölkerung sich regelmäßig impfen lässt - auch gegen Grippe - und die Therapiemöglichkeiten großzügig eingesetzt werden.

Peter Filzmaier
Peter Filzmaier
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