Drei Jahre nach ihrem fulminanten Debütalbum „Nothing Is Permanent“ kehrt das Wiener Electropop-Duo mit dem Zweitwerk zurück. Während die Welt in elegische Melancholie verfiel, entdeckten Viktoria Winter und Mario Wienerroither die Freude an optimistischen Klängen - freilich ohne auf Inhalt und Botschaft zu verzichten. Mehr dazu erzählen sie uns im „Krone“-Interview.
Googeln wird überbewertet, eh klar. Wenn man eine Band gründet, sollte man sich aber vielleicht doch Gedanken darüber machen, wie man am leichtesten gefunden wird. Mit dem Namen Dramas ist das vielleicht nicht ganz so einfach, aber die Wahl kann ja auch Kampfeslust in den Vordergrund stellen. Á la „wir sind gut genug, damit man uns trotzdem findet“. Von derart arrogant anmutenden Anflügen sind Viktoria Winter und Mario Wienerroither Lichtjahre entfernt. Der Bandname resultierte einst tatsächlich aus dem nicht immer friktionsfreien gegenseitigen Verständnis, wenn es um Produktion, Entscheidungen und künstlerische Visionen geht - freilich mit einer gehörigen Portion Augenzwinkern, denn die Dramatik duelliert sich bekanntlich gerne mit der Komödie. Mit „Nothing Is Permanent“ gelang dem Wiener Electropop-Duo vor drei Jahren ein Einstieg nach Maß. Obwohl Winter ursprünglich aus dem Singer/Songwriter-Bereich stammt und Wienerroither mit Klängen für Film und Werbung sowie seiner rundum erfolgreichen „Musicless Musicvideos“-Reihe genug zu tun hat. Doch die Magie zwischen den beiden war schnell spür- und sichtbar. Innen wie außen.
Einfach vergessen
Dass es fast drei Jahre bis zum selbstbetitelten Nachfolger dauerte, schieben die beiden im Gespräch mit der „Krone“ nicht nur der Covid-Pandemie in die Schuhe. „Beim zweiten Album erwarten sich die Leute schon etwas“, lacht Wienerroither, „es gibt ja schon eine Vorlage. Wir selbst wussten aber wahrscheinlich am Wenigsten, was sie erwarten. Wir haben lange nach dem richtigen stilistischen Weg gesucht und sind dann übereingekommen, dass wir einfach vergessen, was auf dem Debüt passierte. So ist ,Dramas‘ weniger konzeptioneller ausgefallen.“ Bei den Wienern hat sich auf mehreren Fronten einiges getan. Erstmals schrieb Winter ihre Texte aus der Ich-Perspektive. Ein therapeutischer, aber nicht unbedingt einfacher Zugang. Das führte sogar so weit, dass manche Nummern zu intim ausfielen und gar nicht auf dem Album gelandet sind. „Die einzelnen Songs drehen sich um verschiedene Kämpfe. Dieses Muster hat sich irgendwann ergeben. ,Ouch!‘ war der allererste Song, den wir geschrieben haben und darin geht es um den Kampf mit einer Weltanschauung.“
Da kommt dann doch die Pandemie ins Spiel, denn die hat Songs und Pläne in allen Bereichen ordentlich durchgerüttelt. „Wir waren plötzlich gezwungen, uns mit uns selbst zu beschäftigen. Wir haben uns und unsere Schattenseiten besser kennengelernt und das hört man dem Album an.“ Die von den Dramas gewohnt düsteren Nummern entstanden skurriler Weise vor Corona. Etwa „Melancholia“, das die Gefühle des Lockdowns fast schon prophezeiend vorwegnahm. „Normalerweise gehen wir selbst gerne auf Konzerte und werden inspiriert“, erinnert sich Wienerroither zurück, „aber das war nicht möglich. So habe ich ganz andere Musik gehört, meist auf meine alten Lieblingssongs zurückgegriffen, um meine Laune zu verbessern. Somit hatte ich wenig neuen Input.“ Mit dem Lockdown hatte vor allem Winter stark zu kämpfen. „Corona hat bei mir einiges ausgelöst. Ich hatte gegen Sommer mit Depressionen zu kämpfen und war mit einer sehr düsteren Zeit konfrontiert. Sehr viele sind früher oder später in ein ordentliches Loch gefallen und bei uns spiegelt sich das in den Songs wider.“
Notwendige Initialzündung
Zu den schwersten und persönlichsten Songs zählt das elegisch-dichte „Game On Over“, das aus Winter besonders viel Sensibilität herauskratzte. „Teilweise konnte ich den Song nicht singen, weil ich gerade so fertig mit der Welt war. Im Song geht es um die Einsicht, dass jede noch so harte persönliche Phase einmal vorbei sein wird. Auch wenn sie einen noch eine ganze Zeit lang begleitet und kein Licht am Ende des Tunnels zu sehen ist.“ Ausgerechnet die einzige Liveshow letzten Sommer auf dem Donauinselfestbus hat am Ende dazu geführt, dass der Song auf dem Album landete. „Er war zu der Zeit noch gar nicht fertig, aber der Gig hat mich mental einfach extrem gepusht.“ Wienerroither sieht es rückblickend noch pathetischer. „Im Prinzip war dieser Gig die Initialzündung dafür, den Song fertigzustellen und das Konzert war auch ein Zeichen, um weiterzumachen. Das klingt kitschig, ist aber die Wahrheit.“
Auf „Dramas“ ist Wundersames passiert, denn die Schwere der Realität hat jene der Songs übertroffen. So klingen Songs wie der Opener „Noday“ oder das tanzbare „Candy“ überraschend luftig und leicht. Wer noch das famose Debütalbum in den Ohren klingeln hat, wird damit nicht gerechnet haben. „Durch den Lockdown war sicher das Bedürfnis gegeben, optimistischere Songs zu verfassen. Wir haben uns das nicht bewusst vorgenommen, aber einfach mal abzuschalten und zu tanzen ist derzeit wichtiger denn je.“ Ein großer Schritt in die „neue Klangwelt“ war nicht zuletzt Winters stimmlicher Ausbruch in „Undercover Dreamer“. Ein weiterer Song, der die Dramas von ihrer optimistischen Seite zeigt. „Durch Corona hatten wir extrem viel Zeit um zu experimentieren“, erinnert sich Wienerroither, „ansonsten wäre ,Dramas‘ wohl klarer in eine bestimmte Richtung gegangen, wir wären damit aber nicht ganz so zufrieden gewesen. Irgendwann hatten wir das Bewusstsein für etwas Anderes, Verspieltes, weshalb das Album auch so bunt ausgefallen ist.“
Frust und Zorn
Die beiden Vollblutmusiker sehen trotz der klanglichen Unterschiede eine klare Fortführung vom Debüt zu „Dramas“. „Als Hörer sieht man das wahrscheinlich anders, aber auch wenn das neue Album nicht so dunkel ist, ist uns der Hang zur Düsternis nicht verloren gegangen“, erklärt die Sängerin. „Wir sind jetzt einfach lockerer und verspielter. Der Lockdown war sicher mitverantwortlich dafür, dass wir das innere Kind in uns noch stärker in den Vordergrund gestellt haben.“ Ein Schlüsseltrack ist die Single „Bloodbath“, die ungewollt ausgerechnet am Tag des Terroranschlags am Wiener Schwedenplatz das Licht der Welt erblickte. „Darin wollte ich all meinen Frust und Zorn verpacken“, führt Winter aus, „es geht einerseits um die Opfer-, andererseits um die Täterrolle in der Gesellschaft. Und auch um die Sensationsgeilen, die danebenstehen. Es geht um Zivilcourage und wie ich mich auflehne und für meine Rechte einsetze.“
Die Dramas haben sich auf ihrem Zweitwerk endgültig gefunden. Das Heil liegt in einer Mischung aus melancholischer Dunkelheit und tanzbarem Licht. Wenn Winter an den Songwriting- und Produktionsprozess zurückdenkt, muss sie lachen: „Auf die Muse warten geht vielleicht beim ersten Album, wo du jahrelang Zeit hast, danach aber definitiv nicht mehr. Das habe ich gelernt. Die Band ist Beruf und Berufung gleichermaßen, aber manchmal ist es auch harte Arbeit. Da muss man sich dann hinsetzen und nicht gleich den erstbesten Einfall für genial befinden. Der schwierigste Schritt ist immer, den ersten zu machen.“ Die Dramas interagieren heute besser miteinander, feilen gemeinschaftlicher an Texten und Musik und lassen die eingangs angesprochenen Dramen nur mehr von außen zu. „Nothing Is Permanent“ eben, außer die Band selbst? „Beständig ist nichts im Leben, aber die Musik, die bleibt.“
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