20.03.2021 05:00 |

Experten-Interview

Durch Umweltzerstörung gefährden wir uns selbst

Die gesundheitliche Belastung, die wir durch unsere Lebensweise in Kauf nehmen oder gar selbst herbeiführen, wird meist unterschätzt.

Luftverschmutzung, Einsatz diverser Schadstoffe wie Pestizide, Lärm, Handystrahlung, etc. - all das wirkt täglich unbemerkt auf unser Wohlbefinden. In seinem neuem Buch „Sind wir noch zu retten?“ erklärt Umweltmediziner Hans-Peter Hutter, Zentrum für Public Health der MedUni Wien, anschaulich, wie Umwelteinflüsse zum Gesundheitsrisiko werden. Wir haben beim Experten genauer nachgefragt.

Wir gefährden also unsere eigene Gesundheit, indem wir das Klima schädigen. Was sind hier die stärksten Einflüsse?
Bei der Klimakrise laufen viele Faktoren zusammen, direkt sowie indirekt. Zu den direkten Gesundheitsbelastungen zählen etwa häufigere und stärkere Hitzewellen. Wenn wir z. B. unser Mobilitätsverhalten - verstärkte Nutzung von Autos, Flugreisen - nicht ändern, führt dies einerseits zu einer Beschleunigung des Klimawandels und dessen Folgen wie etwa die Verbreitung von (neuen) Krankheitserregern. Andererseits wirken Abgase, Feinstaub sowie hohe Ozonwerte negativ auf unsere Gesundheit.

Aber der Verkehr ist ja nicht der einzige „Klimakiller“.
Das stimmt. Ebenso vermehrte Landnutzung, Monokulturen, Roden der Wälder für unsere Ernährung, die gekennzeichnet ist durch übermäßigen Fleischkonsum. Dies hat negative Auswirkungen auf das Klima durch erhöhten CO2- und Methan-Ausstoß sowie Biodiversitätsverlust oder zusätzlich durch den Einsatz von Pestiziden und Düngemitteln. Durch diesen Raubbau erhöht sich auch die Wahrscheinlichkeit, dass Viren von Tieren auf Menschen übertragen werden. Wenn der Mensch durch die intensive Landnutzung immer weiter in Ökosysteme eindringt, kommt es zu Kontakt mit verschiedenen Tierarten, die diverse potenzielle Krankheitserreger in sich tragen können. Sie sind für die Tiere meist ungefährlich, stellen jedoch für Menschen mitunter ein bedeutendes Gesundheitsrisiko dar - ein aktuelles Beispiel ist SARS-CoV-2.

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Jetzt haben wir noch die Chance, den Klimawandel zu bremsen. Daher können wir nicht so weitermachen wie bisher.

Assoc. Prof. Priv.-Doz. Dr. Hans-Peter Hutter, Zentrum für Public Health der MedUni Wien

Aber Epidemien und steigende Temperaturen sind nicht das einzige Problem. Durch Monokulturen und vermehrten Einsatz von Pestiziden leidet nicht nur das Ökosystem mit seinen Lebewesen. Die giftigen Stoffe bedeuten für Landarbeiter, die ihnen direkt und häufig auch ungeschützt ausgesetzt sind, erhebliche gesundheitliche Risiken. Zudem stellen sie als Rückstände in Nahrungsmitteln eine gewisse Belastung der Gesamtbevölkerung dar. Es ist daher notwendig, hier über seinen eigenen Tellerrand zu blicken.

Die Ursachen für große Krisen kennen wir, Teil davon ist unsere Lebensweise - alles möglichst billig und bequem. Sind wir überhaupt noch zu retten?
Stoppen lässt sich der Klimawandel nicht mehr, aber bremsen. Dafür haben wir jetzt ein Zeitfenster, das wir nicht ungenützt verstreichen lassen dürfen. Ob es sich ausgeht, hängt davon ab, wie wir alle dazu beitragen. Hier ist es nötig, Engagement, Aktivität und Willen modern und klug einzusetzen. Die Zeit drängt!

Wir können unsere Lebensweise doch nicht von einem Tag auf den anderen komplett ändern.
Verhaltensänderungen sind schwierig. Aber es geht nicht um kompletten Verzicht. Wichtig sind möglichst viele kleine Schritte, je nach Alltag. In meinem Buch werden Grundlagen fundiert dargestellt. Es soll einerseits immunisieren gegen Fake-News, aber auch einfache Maßnahmen aufzeigen, die leicht in den Alltag integrierbar sind. Fleischkonsum reduzieren, biologisch, regional, saisonal einkaufen. Das Auto öfters stehen lassen und kurze Wege zu Fuß oder mit dem Rad erledigen, Rolltreppe statt Aufzug. Auch die Politik ist gefragt und muss Rahmenbedingungen so legen, dass es uns leichter fällt, das einzuhalten, z. B. den öffentlichen Verkehr ausbauen. Trotz gewisser Verbesserungen ist hier noch viel Luft nach oben, vor allem am Land. Die Corona-Krise hat gezeigt, dass vieles geht. Es müssen nur die entsprechenden Prioritäten gesetzt werden. Eines dürfen wir nicht vergessen: Auch wenn jetzt Corona im Vordergrund steht, die Klimakrise stagniert nicht. Dabei geht es nicht nur um die Umwelt, sondern um unser eigenes Wohlbefinden sowie die Gesundheit der nächsten Generationen.

Interview auf krone.tv

Umweltmediziner Assoc. Prof. Priv.-Doz. Dr. Hans-Peter Hutter deckt im Interview mit krone.tv im Interview mit Moderatorin Raphaela Scharf brisante Aspekte im Zusammenhang mit der Zerstörung der Umwelt auf, berichtet über dadurch verursachte gesundheitliche Belastungen und das mögliche Ausstiegsszenario. Nähere Informationen zum Empfang finden Sie hier.

Regina Modl
Regina Modl
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