14.02.2021 12:00 |

Steiermark History

Gab es Keuschheitsgürtel im Mittelalter überhaupt?

Schlüssel-Erlebnisse im Museum: Warum man in Graz Zweifel an der Existenz mittelalterlicher Keuschheitsgürtel anmeldet - und warum es im 19. Jahrhundert en vogue war, das Eisenkorsett an die Wand zu hängen.

Es stand eine lange Reise bevor, voller Entbehrungen, Strapazen, Gefahren, vielfach eine ohne Wiederkehr. Als sich die christlichen Ritter des Mittelalters zur Kreuzfahrt nach Jerusalem aufmachten, um das Heilige Land zu befreien, ließen sie ihre Ehefrauen in den kalten Burgen zurück. Damit sie nicht in Versuchung geführt würden und treu auf die Rückkehr der Helden warteten, schnallten ihnen die misstrauischen Männer eiserne Keuschheitsgürtel um den Unterleib. Die Schlüssel zu den Schlössern darauf kamen mit in den Orient.

So lautet zumindest die Mär, die seit Jahrhunderten durch die Geschichte geistert. Viele Historiker haben aber berechtigte Zweifel an den Mythen, die sich rund um das brutale Zwangskorsett der Frauen damals ranken, angemeldet. Dichtung und Wahrheit vermischen sich wie so oft, das Reich der Fantasie ist bekanntlich ein riesiges. „Sicher hätte das eng anliegende blanke Eisen die Haut schnell wundgescheuert - und die Trägerin wäre aufgrund der damaligen Hygienesituation wohl binnen weniger Tagen an einer Infektion gestorben“, sagt Martina Pall, wissenschaftliche Direktorin des Grazer Schlüsselmuseums.

Eiserne Zierde in der Zeit der Ritter-Romantik
Unter den 13.000 Objekten der 2500-Quadratmeter-Ausstellung in der Wienerstraße 10 finden sich aber sieben „echte“ Keuschheitsgürtel. Also haben sie doch existiert? „Sie stammen nicht aus dem Mittelalter, sondern sind Anfertigungen aus dem 19. Jahrhundert, die für Museen und private Sammlungen hergestellt wurden“, klärt die Kunstsachverständige auf. In einer Zeit, in der Ritter-Romantik en vogue war, galt es auch als „schick“, wenn sich reiche Bürger oder Adelige Zier-Keuschheitsgürtel an die Wand hängten.

Was es hingegen tatsächlich gegeben haben dürfte, waren Keuschheitsgürtel, zu denen Frauen selbst griffen - und zwar zum Schutz vor Vergewaltigungen in Kriegszeiten. Ebenfalls kein Mythos: Schambinden aus Stoff mit Vorhangschlössern an der Seite. Zuhälter legten diese Prostituierten an - und sperrten erst auf, wenn der Freier bezahlt hatte.

Ein hohler Schlüssel als Geheimversteck
Derartige kuriose und faszinierende Exponate rund um Schlüssel und Schlösser gibt es zuhauf in der Schell Collection, die nach dem Lockdown wieder die Pforten für Geschichtsinteressierte geöffnet hat. „Wir haben auch einen alten Geheimschlüssel, der innen hohl war und in den man zusammengerollte Papierbotschaften verstecken konnte“, schmunzelt Museumsgründer Hanns Schell.

Seine Leidenschaft für alles Versperrbare war vor über einem halben Jahrhundert erwacht, als er bei einer Expedition nach Pakistan in den Basaren von Isfahan Vorhangschlösser kaufte. Aber es ist nicht nur Metall, das versperrt, sondern auch Holz: „Einige steirische Bauern waren so arm, dass sie Schlüssel für Truhen und Türen früher selbst schnitzten. Damit ersparten sie sich den Schmied“, erklärt Hanns Schell.

Öffnungszeiten des Museums: Montag bis Freitag 10 bis 16 Uhr. www.schell-collection.com

Jörg Schwaiger
Jörg Schwaiger
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