Bereits am Samstag war bekannt geworden, dass "Universum"-Redaktionschef Walter Köhler und ein Großteil seiner Mitarbeiter eine eigene Produktionsfirma gegründet hatten. ORF-Kommunikationschef Pius Strobl kalmierte jedoch: "Für den Seher ändert sich nichts. Es wird die gewohnte 'Universum'-Qualität geben". Hintergrund: Die Marke "Universum" gehört dem ORF.
Die ORF-Redakteure sehen darin eine Bagatellisierung des Verlusts. Darüber hinaus sei Strobl "schon von seiner Funktion her zweifellos mitverantwortlich dafür, dass das öffentliche Image des ORF noch nie so schlecht war wie derzeit".
"Keine deutlichere Disqualifikation eines Sprechers denkbar"
Das von Strobl beauftragte Mitschneiden von Gesprächen vor dem Stiftungsratsaal (siehe Infobox) bezeichnete der Redakteursrat als "besonders peinliche 'Spitzelaktion'". "Es gibt keine deutlichere Disqualifikation eines 'Kommunikationschefs', als verantwortlich dafür zu sein, dass Tonaufzeichnungen von informellen Gesprächen, die Medienjournalisten mit Geschäftsführungsmitgliedern führten, hergestellt wurden." Strobl versuche nun in Erklärungen gegenüber Zeitungen die Verantwortung für das inakzeptable Vorgehen auf die von ihm damit Beauftragte abzuschieben.
Die ORF-Journalisten erwarten von der nächsten Geschäftsführungssitzung am Donnerstag, "dass dabei eindeutige Konsequenzen gezogen werden". Unabhängig davon, wie diese ausfallen, machten Redakteursvertreter darauf aufmerksam, dass Pius Strobl keinerlei Legitimation für Stellungnahmen zu journalistischen ORF-Belangen habe, die Zuständigkeit dafür liege ausschließlich bei den gewählten Vertreterinnen und Vertretern der ORF-Journalisten.
Betriebsratschef: "Absolut inakzeptabel"
ORF-Zentralbetriebsratschef Gerhard Moser zeigte sich ebenfalls kritisch, was die Aktion angeht: "Wenn das so war, ist das absolut inakzeptabel", sagte Moser. Er betonte aber, dass bei der vergangenen Stiftungsratssitzung auch der Informationsfluss "von innen nach außen zu einzelnen Journalisten ein äußerst durchlässiger gewesen" sei. Auf diversen Webseiten habe man "sogar Inhalte einzelner Wortmeldungen mitverfolgen können". Dabei sei die Sitzung eigentlich nicht öffentlich, betonte Moser.
Die Abwahl von Informationsdirektor Elmar Oberhauser sei "selbstverständlich ein rabenschwarzer Tag für den ORF und für den Stiftungsrat" gewesen, so Moser. "Der Generaldirektor hätte die Sache lange vorher und vor allem selbst lösen müssen." Den auf die Abwahl folgenden offenen Brief der Redakteure sieht er mit gemischten Gefühlen: "Das Schreiben hat mich und auch die anderen Stiftungsräte nie erreicht. Es ist direkt an die Öffentlichkeit und nicht an die Mitglieder des Gremiums gegangen. Wie also soll man darüber diskutieren?"
Kommt jetzt Neuwahl der Geschäftsführung?
Es stehe "außer Zweifel, dass wir jetzt eine veritable Führungskrise im Unternehmen haben, dass gleich zwei Riesenbereiche, die Fernseh-Information und die Technik, interimistisch geführt werden. Das kann es nicht sein", so Moser. Gefordert sei jetzt der Gesetzgeber, um sofortige Neuwahlen der gesamten Geschäftsführung zu ermöglichen. "Gefordert ist er auch, um dem Stiftungsrat Vertragsformen für Direktoren zu ermöglichen, die es verhindern, dass die immens hohen Gehälter auch nach Abberufungen oder vorgezogenen Neuwahlen voll weiter zu bezahlen sind."
Pröll meckert: "Führungsvakuum der Sonderklasse"
Ebenfalls am Dienstag äußerte sich Vizekanzler Josef Pröll zu der Causa. Er ortet nach den jüngsten Turbulenzen im ORF "ein Führungsvakuum der Sonderklasse", das "sehr beunruhigend und besorgniserregend" sei. "Ich muss feststellen, dass das Medienflaggschiff des Landes in einer schweren Schräglage ist, was die Führung betrifft", sagte er am Dienstag im Pressefoyer nach dem Ministerrat. Pröll erklärte, die von ihm geortete Schräglage müsse aufgelöst werden. Er gehe davon aus, dass die derzeitige ORF-Führung klarmache, wie es nun weitergehen solle. Zu der zuletzt auch innerhalb des ORF geführten Klage der politischen Einflussnahme betonte er: "Da sage ich klipp und klar, die gibt es nicht."
Kanzler Werner Faymann zeigte sich weniger beunruhigt, verteidigte die politische Besetzung des Stiftungsrates und betonte, dass er sich in einzelne Personalentscheidungen nicht einzumischen gedenke. Faymann verwies darauf, dass im ORF-Stiftungsrat die Eigentümer vertreten seien und dieser maßgeblich durch die Regierung sowie die anderen Parteien bestellt werde. Die Stiftungsräte hätten sein Vertrauen und er verlange nicht, dass ihm einzelne Personalentscheidungen vorgelegt würden.
Er habe lediglich zwei Forderungen, nämlich, dass der ORF auch künftig wirtschaftlich Bestand habe und dass die Unabhängigkeit gewährleistet sei. Zur Vorverlegung der Neuwahl der ORF-Führung erklärte der Kanzler, er würde einen solchen Wunsch aus dem Stiftungsrat entgegennehmen, nicht aber durch "Zurufe" von außen.
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