Neuer Chefredakteur

Oberhauser vs. Wrabetz: Im ORF fliegen die Fetzen

Österreich
21.10.2010 19:08
Nach der Kür des ORF-Journalisten Fritz Dittlbacher (re.) zum neuen TV-Chefredakteur - krone.at berichtete - fliegen am Küniglberg nun offenbar die Fetzen: Info-Direktor Elmar Oberhauser fühlt sich von Generaldirektor Alexander Wrabetz übergangen und unterstellt ihm, er habe sich von der SPÖ die Personalentscheidung diktieren lassen. Oberhauser wollte das Amt für Anchorman Armin Wolf (li.). In einem Mail an seine Belegschaft drohte der Info-Direktor am Donnerstag sogar mit Rücktritt.

"Ich muss nun zur Kenntnis nehmen, dass ich mir meine engsten Mitarbeiter nicht selber aussuchen kann, sondern einem Diktat zu gehorchen habe", schrieb Oberhauser in dem Mail. Der Info-Direktor sieht die Parteipolitik am Drücker: "Ich muss eingestehen, dass ich offensichtlich nicht mehr in der Lage bin, völlig unzulässige Einmischungen, in diesem Fall von der SPÖ, zu verhindern."

Nach der Entscheidung gegen seinen Vorschlag habe er an Rücktritt gedacht, stellte Oberhauser klar. "Jeder anständige Mensch nimmt in so einer Situation seinen Hut und geht." Dies habe er "bisher aus zwei Gründen nicht getan. Erstens habe ich - spät aber doch - gelernt, derartige Entscheidungen nicht in einer emotional belasteten Situation zu treffen. Und zweitens habe ich gestern und heute sehr viele Reaktionen aus den Kreisen meiner Kollegen, Mitarbeiter und aus dem Stiftungsrat erhalten, die mich alle auch gebeten haben, diesen Schritt jetzt nicht zu tun". Er werde in den kommenden Tagen jedoch "viel nachdenken und mich mit Freunden beraten. Dann werde ich meine Entscheidung treffen".

Oberhauser wollte Wolf als "einmaliges Signal"
Der Chefredakteur der aktuellen TV-Information sei sein wichtigster Mitarbeiter als Informationsdirektor, betonte Oberhauser. "Mein oberstes Ziel war es immer, die Sauberkeit und Unabhängigkeit in der Berichterstattung, die wir uns gemeinsam in den letzten Jahren erfolgreich erkämpft haben, auch für die Zukunft zu sichern." Er sei daher zur Auffassung gelangt, "dass ein Chefredakteur Armin Wolf, auch nach außen hin, ein einmaliges Signal wäre zu bekunden, dass wir es mit Unabhängigkeit und Sauberkeit ganz ernst meinen".

Dittlbacher halte er aber "für einen exzellenten Journalisten und einen erstklassigen Mitarbeiter", betonte Oberhauser in dem Schreiben. Dass er Wolf vorgeschlagen habe, sei "kein Vorschlag gegen Fritz Dittlbacher, sondern eine Entscheidung für Armin Wolf" gewesen. "Es tut mir sehr leid, dass Fritz Dittlbacher hier, ohne sein Zutun, in die Mühlen der Parteipolitik geraten ist."

"Nun bin ich in einer schwierigen Situation", so Oberhauser. "Es geht nicht darum, dass ich nicht akzeptiere, dass der Generaldirektor die Letztentscheidung hat, es geht um das 'Wie'."

Wrabetz kontert Oberhausers Kritik
ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz konterte Oberhausers Aussagen am Donnerstagabend ebenfalls per Mail. In dem Schreiben an die Redakteure und Oberhauser kritisiert er die heftige Vorwürfe. "Nach meiner grundsätzlichen Auffassung sind weder Ton noch Inhalt jene Kommunikationsform, die ich für die Mitglieder meiner Geschäftsführung für angebracht halte", so Wrabetz.

Er werde "deshalb den von Informationsdirektor Oberhauser eingeschlagenen Weg nicht mitgehen und in aller Sachlichkeit und Ruhe mit diesem morgen die Angelegenheit klären". Im Anschluss werde er seine Entscheidungen mitteilen, so Wrabetz.

Der ORF-General will auch parteipolitische Zuordnungen von Mitarbeitern nicht gelten lassen, wie er schreibt: "Mit aller Entschiedenheit  weise ich die Punzierungen verdienter ORF-Journalisten und die daraus folgende öffentliche Beschädigung der Glaubwürdigkeit der ORF-Information zurück." Er werde den "von mir vorgegebenen Kurs der Unabhängigkeit und Objektivität mit allen Mitteln fortsetzen".

Dittlbacher gilt bei Kollegen nicht als Parteigänger
Dittlbachers Ernennung zum Chefredakteur war am Mittwochabend von Wrabetz kundgetan worden. Der Nachfolger des zum Radiodirektor aufgestiegenen Karl Amons gilt einerseits als dezidierter Wunsch der SPÖ-Parteizentrale und des roten Kanzleramts, zugleich trägt der 47-Jährige den Titel "Chefredakteur der Redakteursherzen", wie es kürzlich ein "ZiB"-Redakteur formulierte. Und: "Er ist ganz sicher kein Parteigänger." Dittlbacher habe als bisheriger stellvertretender Innenpolitikchef seine Kollegenschaft stets heftig gegen Punzierungsversuche und politische Attacken von außen in Schutz genommen. Dittlbacher selbst bezeichnet sich als "sozial denkend".

Die ÖVP war aber im Vorfeld gegen Dittlbachers Bestellung auf die Barrikaden gegangen, weil dieser einst bei SPÖ-Parteiblättern, nämlich der "Arbeiterzeitung", das journalistische Handwerk lernte. "Die ORF-Führung hat sich offenbar mit Haut und Haaren der SPÖ-Führung unterworfen. Sie fällt offenbar keine Entscheidung ohne Rückfrage am Ballhausplatz", meinte etwa ÖVP-Klubobmann und -Mediensprecher Karlheinz Kopf nur wenige Stunden vor der erwarteten Bestellung Dittlbachers am Mittwochabend. ORF-Chef Wrabetz bezeichnete Dittlbacher unterdessen als "klares Signal" für den weiteren Weg der Unabhängigkeit des ORF.

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