19.07.2020 13:00 |

Großer Umbau

Dem Tiroler Parlament geht ein neues Licht auf

Sommerpause im Landtag. Trotzdem wird im barocken Plenarsaal des Alten Landhauses in Innsbruck fleißig gearbeitet. Besuch auf einer Baustelle, auf der die Geschichte anschafft.

Politisch verwaist ist derzeit der Sitzungssaal des Tiroler Landtages. Es ist Corona-Zeit, es ist Sommer-Zeit. Keine Gesetzesbeschlüsse, keine parteipolitischen Scharmützeln, keine mehr oder weniger geschliffenen Reden. Endlich Zeit, im Plenarsaal Nägel mit Köpfen zu machen. Von Handwerkern, die das barocke Juwel aus dem frühen 18. Jahrhundert bis Herbst aufpolieren. Seit 1734 (!) tagen hier die Tiroler Volksvertreter. Die ehrwürdigen Mauern haben schon viel gehört und gesehen. Jetzt ist es Zeit für ein Update. „Einrichtung und technische Ausstattung genügen den Anforderungen an einen funktionalen Sitzungssaal nicht mehr“, sagt Landtags-Präsidentin Sonja Ledl-Rossmann. Sie steht auf der Baustelle und ist zufrieden mit den Fortschritten. Die Präsidentin zeigt sich auch erleichtert, dass trotz Corona-Pandemie dieses Großprojekt abgewickelt werden kann.

1,5 Millionen Euro für Umbau bis Herbst
1,5 Millionen Euro kostet das neue Innenleben des Landesparlaments im Alten Landhaus, dem künstlerisch bedeutendsten barocken Profanbau in Innsbruck. Im Herbst soll der Umbau fertig sein. Jeder Eingriff in dem denkmalgeschützten Ensemble ist eine heikle Mission. Koordinator Andreas Sprenger zeigt auf die zweiflügelige Eingangstür – dunkles Holz, aufwendige Reliefschnitzereien. Als sie eingebaut wurde, machte man sich über Fluchtwege noch keine Gedanken. Die Tür geht nach innen auf. Das geht heute gar nicht. „Dank findiger Handwerker können wir das nun ändern, ohne die Substanz und die Optik zu beeinträchtigen.“

Erstmals Technikraum und ein Rednerpult
Kleiner Eingriff, großer Gewinn? Das gilt auch für andere Details. Neue Sessel sind bestellt. Gut gepolstert – so eine Landtagssitzung kann dauern. Endlich ein eigener Technikraum – der im Kamin versteckte Kabelsalat ist damit gegessen. Eine Lüftung – gut fürs Verhandlungsklima. Neue Arbeitstische – inklusive Rednerpult. Eine kleine Sensation! Bisher mussten die Abgeordneten ihre Kritik an der Regierung von ihrem Sitzplatz aus üben.

Die für den Raum wohl substanziellsten Veränderungen passieren aber an der Decke und am Boden. Sprenger schaut nach oben, wo der mit 4800 Swarovski-Kristallen bestückte Luster das Deckenfresko erhellt. Ein 400 Kilo schweres Geschenk der Industriellenvereinigung aus dem Jahr 1984. Schön anzusehen, aber wenig funktional. „Trotz Aufrüstung mit LED-Lichtern bringen wir damit nicht die vorgeschriebene Helligkeit zusammen“, erklärt Sprenger, woran es hakt. Der Luster muss weg. Er wird in Zukunft die Georgskapelle erleuchten. Den Abgeordneten wird ab Herbst ein neues Licht aufgehen. Die Wahl fiel auf ultramoderne Leucht-Ovale als spannender Kontrast zur barocken Raumgestaltung.

Mit Stabparkett zurück zu den Ursprüngen
Zurück zu den Ursprüngen heißt es am Boden. Gemeinsam balancieren die Landtagspräsidentin und ihr Mitarbeiter über die bereits offengelegte Unterkonstruktion, über der Jahrzehnte ein profaner Teppichboden gespannt war. Jetzt geht es zurück zu edlem Stabparkett. Eine Änderung, die für die Regierungsmitglieder einen Niveauverlust bedeutet. Sie sitzen in Zukunft nicht mehr erhöht. Das wird dem Landeshauptmann, der Landtags-Präsidentin und einem administrativen Mitarbeiter vorbehalten bleiben.

Leider nicht mehr Platz für die Zuschauer
Stuckmarmor, Fresken, Statuen und Co. bleiben unangetastet. Sie wurden vor einigen Jahren aufwendig restauriert. Die Funktionalität steht 2020 im Mittelpunkt. Doch da stößt man in dem mit 166 Quadratmetern vergleichsweise kleinen Raum an Grenzen. Platz für Zuschauer – für die Bauherren hatte das keine Priorität. Deshalb muss sich nun auch die Demokratie bescheiden. „Bei 40 Zuschauern wird es schon eng. Im Zuge der Debatten um die Agrargemeinschaften kamen schon mal 100 Leute. Das war eine Herausforderung“, umreißt Sprenger die Problematik, die heute mit einer Video-Übertragung in einen anderen Saal gelöst wird.

Vorfahren hängten einfach Balkon ein
Anfang des 20. Jahrhunderts gab es noch keine elektronischen Helferlein. Und auch keinen ausgeprägten Denkmalschutz. Die Vorfahren waren findig und hängten einen Balkon im Raum ein, erreichbar über eine Luke. Ein altes Foto dokumentiert die Bausünde, die wieder weichen musste. Der Balkon ist Geschichte. Ebenso die Idee einer Galerie an der Außenfassade. Wer also als Bürger einmal im Tiroler Parlament sitzen will, wird auch in Zukunft rechtzeitig aufstehen müssen. Mit einem Landtagsmandat klappt’s natürlich auch.

Claudia Thurner, Kronen Zeitung

 Tiroler Krone
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