05.07.2020 15:31 |

Rotes Kreuz

Von Kopfzahlen und Zentimeterabstand

Bis vor wenigen Tagen suchte das Rote Kreuz noch freiwillige Mitarbeiter. Nach einem Aufruf meldeten sich unzählige Menschen. Die Frage ist nur: Wie lange werden sie bleiben?

Gleich zu Beginn unseres Gesprächs winkt der Direktor des Roten Kreuz Vorarlberg, Roland Gozzi, ab: „Bitte keine Werbung mehr machen! Wir kommen bei den vielen Bewerbungen der vergangenen Tage gar nicht mehr nach.“ Bezogen hat sich Gozzis Abwehrversuch auf die Suche nach freiwilligen Mitarbeitern, die vor wenigen Tagen noch akut war - die laufenden Corona-Tests, gerade in den Tourismusregionen, erforderten ein erweitertes Team. Nun kann Gozzi also auswählen, wem demnächst eine neue Rot-Kreuz-Jacke angepasst wird. Alles also zur vollsten Zufriedenheit?

Nicht ganz, erklärt der Direktor. Denn es sei das eine, genügend Freiwillige zu finden. Ein anderes aber, sie auch längerfristig zu halten. Längerfristig bedeutet in diesem Zusammenhang alles über drei Jahre. Früher, erklärt Gozzi, hätten sich die Menschen über Jahrzehnte hinweg verpflichtet. Heute sieht die Sache radikal anders aus. Nach drei Jahren ist im Schnitt Schluss mit dem Engagement beim Roten Kreuz. „Die Menschen verlieren dann das Interesse und wenden sich meist einer neuen Tätigkeit zu“.

Kurz und bündig statt ausdauernd

Dieses Phänomen ist übrigens keineswegs nur beim Roten Kreuz zu finden. Vereine quer durch alle Sparten und Regionen klagen über dasselbe Problem. Kurzfristige Bindungen lösen langfristige zunehmend ab. Problematisch ist das beim Roten Kreuz deshalb, weil die Neulinge erst einmal ein Jahr lang geschult werden müssen. Dann tun sie zwei Jahre lang Dienst, danach müssen schon wieder die nächsten eingeschult werden. „Einerseits kommen die Freiwilligen so nicht mehr in den Genuss weiterführender Ausbildungen, was uns natürlich wichtig wäre. Und andererseits ist die Einsatzerfahrung sicherlich genauso wichtig wie die Ausbildung.“

Tests, Tests und nochmals Tests

Wirklich viel tun lässt sich gegen diese Entwicklung kaum etwas. Österreichweit werden daher regelmäßig Kampagnen gefahren, um wieder neue Leute an Bord zu holen. „An der Einstellung junger Menschen zu ihrer Freizeitgestaltung werden wir kaum etwas ändern können, aber wir arbeiten mit Mundpropaganda - und auch über den Zivildienst lassen sich viele für uns begeistern“, lässt sich Gozzi nicht irritieren. Apropos Irritation: Die Corona-Krise hat in den vergangenen Monaten für reichlich Stress gesorgt. Das Schwierigste sei dabei gewesen, sich ständig - also von Tag zu Tag oder manchmal sogar von Stunde zu Stunde - auf neue Gegebenheiten einzustellen, weiß Gozzi.

Das Rote Kreuz war von Anfang an bei der Krisenbewältigung mit dabei. Über 22.000 mobile und Drive-in-Tests wurden durchgeführt, drei Infektionstransport-Stützpunkte betrieben, die Gesundheitshotline 1450 wurde unterstützt - die Liste der Aufgaben ließe sich fortsetzen. Allerdings hat sich trotz des gewaltigen Mehraufwands auch etwas Positives entwickelt: „Der Rückhalt unter den Mitarbeitern war enorm.“

Und dieser dürfte weiterhin dringend vonnöten sein, denn in den vergangenen Tagen stiegen die Zahlen der Testungen durch das Rote Kreuz wieder an. Hielt man nach Abflauen der Infektionskurve zwischenzeitlich bei einigen Dutzend Testungen pro Tag, so waren es zuletzt schon wieder 600. Als Grund für die steigenden Zahlen nennt Gozzi eine Grippewelle, die durchs Land zieht. Und mehr Symptome führen konsequenterweise auch zu mehr Anrufen bei der Gesundheitshotline - und damit zu Tests, Tests und nochmals Tests.

Seit Wochen lassen sich in Vorarlberg die an Corona erkrankten Menschen an zwei Händen abzählen - doch das kann sich durchaus wieder ändern. Roland Gozzi will zwar keine sogenannte „zweite Welle“ prognostizieren, gibt aber mit einem Blick nach Oberösterreich (derzeit rund 260 akut Erkrankte und über 1300 Menschen in Quarantäne) zu bedenken, dass die Sache noch nicht ausgestanden sei.

„Das ist nicht sehr intelligent"

Zwecks Bekämpfung der Pandemie würde Gozzi eine Maskenpflicht im öffentlichen Raum begrüßen. “Ich persönlich finde das Tragen einer Maske nicht angenehm, trage sie aber trotzdem.„ Mit der Einhaltung des Sicherheitsabstands nehmen es viele Menschen mittlerweile ebenfalls nicht mehr allzu genau. Dabei ist die Abstandsregel wohl jene Maßnahme, die am einfachsten durchzuführen ist. “Wenn ich sehe, wie die Menschen auf den Märkten nur noch zehn Zentimeter Abstand halten, dann muss ich sagen: Das ist nicht sehr intelligent,„ erklärt er. Und worauf hofft Gozzi? “Auf einen Impfstoff!" Damit ist er sicher nicht allein. 

Angelika Drnek
Angelika Drnek
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