22.04.2020 11:55 |

krone.at-Kolumne

Jetzt keine Flüchtlinge aufnehmen: Ist das falsch?

Obwohl uns mit unserem großen Bruder Deutschland recht viel verbindet, haben wir in Sachen Migationspolitik ein völlig anderes Verständnis. Während Deutschland nämlich - trotz oder gerade wegen der Corona-Krise - Flüchtlingskinder aufnimmt, beteiligt sich Österreich nicht an der ausgerufenen „Koalition der Willigen“. Zu Recht oder ein Fehler?

Am Sonntag sind nach langem Hin und Her und trotz Corona-bedingt eingestelltem Flugverkehr rund 50 Flüchtlingskinder und -jugendliche in Hannover gelandet. Es sind Kinder, die auf der Flucht von ihren Eltern oder Geschwistern getrennt wurden, oder auch solche, die sich alleine bis nach Europa durchgeschlagen haben und danach in einem der tristen Flüchtlingscamps in Griechenland ihr Dasein fristeten. So weit die Fakten.

Während sich zehn EU-Staaten, darunter eben Deutschland, aber auch Frankreich oder Luxemburg, sowie die Schweiz dazu bereit erklärt haben, Flüchtlingskinder als Zeichen einer solidarischen Gemeinschaft aufzunehmen, lehnen das die Visegrad-Staaten dezidiert ab. Und so auch Österreich. Sind wir in Sachen Solidarität und Migrationspolitik also Ungarn näher als Deutschland? Es scheint so.

Gerade Corona lehrt uns Humanität, ...
Klar ist: Gerade in Zeiten, in denen ein Virus unser gesamtes Weltgefüge auf den Kopf stellt, muss man sich auch fragen, wie es zu unseren Werten passt, einerseits - trotz aller Distanz - ein neues Zusammenrücken einzuläuten, aber auf der anderen Seite auf jene zu vergessen, die in desolaten Flüchtlingscamps ohne die geringste Chance auf die von uns eingeforderten Hygienestandards in eine doppelt ungewisse Zukunft blicken. Das kann für keinen stolzen Europäer ein akzeptabler Zustand sein.

… aber punktuelle Hilfsaktionen sind keine nachhaltige Lösung
Dennoch ist auch die Haltung Österreichs in dieser Frage mehr als nachvollziehbar. Obwohl es ein sicherlich lobenswerter Akt ist, insgesamt rund 1600 Kinder und Jugendliche aus dem griechischen Elend herauszuholen, ist es keine Lösung, die Nachhaltigkeit verspricht. Viel mehr als punktuelle Aktionen braucht es eine tragfähige Gesamtantwort auf die Frage, wie die europäische Union einerseits ihrer Rolle als solidarisches Vorbild gerecht wird und andererseits aber auch verhindert, dass sich eine Situation wie 2015 wiederholt. Es ist ein Spagat.

Eine gemeinsame europäische Antwort - ein Wunschtraum?
Ein Gedanke könnte sein, jene Länder, die die Hauptlast der europäischen Flüchtlingspolitik stemmen, vermehrt zu unterstützen. Es ist unfair, wenn Länder wie Griechenland rein aufgrund ihrer geografischen Lage diese Verpflichtung alleine tragen und sich dann auch noch den Fingerzeig anderer gefallen lassen müssen, für nicht genügend Humanität in den Flüchtlingscamps zu sorgen. Dazu braucht es eine gemeinsame europäische Antwort. Wenn es die schon nicht beim Krisenfahrplan zum Coronavirus gibt, dann vielleicht in der Migrationspolitik. Gerade in Zeiten wie diesen stirbt die Hoffnung zuletzt.

Katia Wagner

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