12.04.2020 06:00 |

Das große Interview

Ist Ostern 2020 ein Wendepunkt, Pater Karl?

Seine Corona-Gottesdienste streamen sich Zigtausende Gläubige nach Hause in ihre Wohnzimmer, auch die heutige Auferstehungs-Messe. Mit Conny Bischofberger spricht Pater Karl Wallner (57) über Einsamkeit und Nähe, die Krise als Fingerzeig und einen „Umkehrschub des Herzens“.

In der kleinen Kapelle von „Missio Österreich“ in der Wiener Seilerstätte fischt Pater Karl Fürbitten, die ihn per E-Mail erreicht haben, aus einem Brotkorb aus Burundi. Wie jeden Tag ab 12 Uhr - auch am Ostersonntag - feiert er hier ganz einsam einen virtuellen Gottesdienst, betet um Trost und Segen, Heilung und Jobs, predigt in vier kleine Kameras, neben denen ein Porträt eines Mädchens hängt. Über ihren strahlenden Augen steht: „Überzeuge mich!“ Das tut er.

Im Live-Chat zum Streaming (auf www.missio-live.at) poppen Grüße und Nachrichten im Sekundentakt auf. „Am Anfang, bei den ersten Messen ohne Volk, hätte ich heulen können“, erzählt der Zisterzienser-Mönch später bei unserem Interview und zeigt Fotos, die ihm treue Kirchenbesucher gemailt haben. Familien versammelt vor dem Fernseher oder Laptop, winkende Kinder und schlafende Katzen beim Bildschirm, er zuhause in den Wohnzimmern, Seelsorge in Zeiten der Corona-Krise. Zum Abschied gibt er mir, wie bei der Begrüßung, einen fröhlichen Kick mit den Füßen - den sogenannten „Wuhan-Shake“.

„Krone“: Fleischweihen, Osterfeuer, Ostergräber, all das gab es heuer nicht. Hat Corona uns das Osterfest geraubt?
Pater Karl Wallner: Ja, in gewisser Weise schon. So schön unsere virtuellen Gottesdienste auch sind, sie sind eine Notlösung. Ostern findet heuer anders statt. Und wir erreichen dadurch erstaunlicherweise Menschen, die vielleicht nie in die Kirche gekommen wären.

Wie kam es zu den Corona-Gottesdiensten?
Als am 13. März alles geschlossen wurde und klar war, dass eine Pandemie da ist, habe ich gesagt: Wozu hat uns der liebe Gott die Kameras hier geschenkt? Ich hätte eigentlich in den Kongo fliegen sollen, wir haben dort eine große Schule gebaut, 700 Kinder haben auf mich gewartet. Aber dann war klar, dass wir während der Krise täglich einen Gottesdienst streamen werden. Wir halten das jetzt schon über einen Monat durch.

An manchen Tagen schauen 20.000 Gläubige zu. Gibt Corona der Kirche neuen Aufwind?
Verzeihen Sie, aber zuschauen ist nicht der richtige Ausdruck. Eine Messe erfordert ein Mitfeiern. Deshalb soll das nicht eine Nebensache, sondern die Hauptsache sein. Ja, die Kirche ist aus Krisen immer gestärkt hervorgegangen. Corona macht deutlich, dass wir großartige Inhalte haben, aber mit dem Marketing hapert es gewaltig und manchmal hat uns der Drive gefehlt. - Lacht.- Ich bin deshalb stolz auf meine Kirche, denn sie hat in kürzester Zeit neue Ideen entwickelt, wie sie die Menschen trotzdem erreichen kann, einen ganz neuen Eifer.

Wie erleben Sie die neue Form der Kommunikation mit dem Kirchenvolk?
Sie ist sehr intensiv. Da die Gläubigen nicht mehr in die Kirche kommen können, muss die Kirche zu den Menschen, in ihre Wohnzimmer, gehen. Ich bekomme pro Tag bis zu vierhundert Mails. Es rufen auch sehr viele hier an. Die Leute wollen reden, reden, reden. Ich ermutige sie deshalb, dass sie Freunde und Bekannte anrufen sollen, auch wenn sie sich schon lange nicht mehr gemeldet haben. Normalerweise ist das peinlich, wenn man sich nach Jahren plötzlich wieder meldet, aber jetzt, in dieser Krise, freut sich jeder über soziale Kontakte. Ich bin deshalb ein Gegner des Wortes „Social Distancing“. Es ist nur der physische Kontakt, den wir derzeit einstellen müssen. Aber von Herz zu Herz kann jetzt eine ganz neue Nähe entstehen.

Was beschäftigt die Menschen am meisten?
Die Seuche macht Angst. Und sie macht einsam. Aber das schreiben die Leute nicht, das muss man zwischen den Zeilen herauslesen. Eine Frau hat mir gemailt, dass sie ihren Mann über Jahre gepflegt hat und dann kam er zum Sterben ins Spital und sie durfte nicht mehr bei ihm sein. Corona hat erschütternde Schicksale gefordert. Viele Leute bekommen auch eine Behandlung nicht mehr, die sie dringend brauchen würden, weil der ganze Fokus auf Covid-19 liegt.

Ist Ostern 2020 ein Wendepunkt?
Ich glaube, es ist kein Zufall, dass sich die Corona-Krise mit dem Osterfest verbindet. Durch das Virus hat es einem den Boden weggezogen, viele spüren jetzt, dass ein gutes Leben keine Selbstverständlichkeit ist. Ostern ist ja das Fest der Hoffnung und der Auferstehung. Unser Bundeskanzler hat sehr bewusst von einer Wiederauferstehung nach Ostern gesprochen. Und der Papst hat am Petersplatz, ganz allein vor Millionen Menschen an den Bildschirmen, gesagt, dass wir in dem Wahn gelebt haben zu glauben, in einer kranken Welt gesund bleiben zu können. Da hatte ich eine Gänsehaut. Wenn wir an die Armut in Afrika denken, an die Ausbeutung durch die Industrienationen, an unsere Waffenlieferungen… Über diese Welt kann Gott nicht glücklich sein.

Sehen Sie Corona als Strafe Gottes?
Nein, das wäre unchristlich. Wir erfahren es als Prüfung. Ich würde es, so wie es auch Kardinal Schönborn gesagt hat, als Fingerzeig Gottes bezeichnen. Ich glaube, Corona gibt uns die Chance, bessere Menschen zu werden. Alles bekommt jetzt einen neuen Wert. Das Gute bekommt mehr Aufmerksamkeit. Ich habe meine 81-jährige Mutter zum Beispiel noch nie so wertvoll empfunden wie in dieser Zeit, in der ich ihr nicht begegnen kann. Ich grüße sie deshalb manchmal in meinen Gottesdiensten.

Werden Sie sich heute eigentlich auch die Papstmesse anschauen?
Ja, auch die des Kardinals um 10 Uhr. Um 11 ist dann die Papstmesse und um 12 ist meine. - Lacht.

Welchen Sinn kann das Osterfest für Menschen haben, die nicht gläubig sind?
Ostern ist der Sieg des Lichtes über die Finsternis, der Beweis, dass mit dem Tod nicht alles vorbei ist. Es gibt aber auch eine ganz humane Ebene. Ostern ist auch ein Fest des Frühlings. Dieser Instinkt steckt ja in jedem Menschen. Es wird wieder heller, es blüht alles auf, es ist ein Neubeginn, ein Umkehrschub des Herzens. Gerade nach Corona ist diese Sehnsucht noch größer.

Pater Karl, Sie wurden als „Pop-Mönch“ von Heiligenkreuz bekannt. Wie klingt der Ausdruck für Sie?
Ich bin lieber ein ganz normaler frommer Priester. Ich selber habe ja bei der CD, die mittlerweile mehr als 1,5 Millionen Mal verkauft wurde, nie mitgesungen, nur darüber geredet. Aber ich bin wirklich stolz darauf. Das ist gesungenes Gebet, und der größte Erfolg, den österreichische Interpreten nach Falco und DJ Ötzi je hatten. Es gibt von den Mönchen vom Stift Heiligenkreuz übrigens auch eine Oster-CD!

Was ist Ihre schönste Kindheitserinnerung an das Osterfest?
Ich durfte als Ministrant - weil ich sehr hochgeschossen war, - das Kreuz halten, wenn am Karfreitag die Gläubigen in die Kirche gekommen sind, um dem Heiland die Füße zu küssen. Das waren bewegende Momente für mich.

Haben Sie es je bereut, auf Ehe und Kinder verzichtet zu haben?
Das ist schon ein Opfer, eine Wunde… Gerade jetzt, während der Corona-Krise, bekomme ich viele Fotos von Freunden mit ihren Familien und Kindern, und ich sitze hier allein. Hungerleider in der Liebe bin ich deshalb keiner, aber ich hätte schon gerne eigene Kinder gehabt. Jetzt bin ich halt Pater - das steht ja für Vater - für viele Menschen, und das ist erfüllend in einer Weise, wie man es in keinem anderen Beruf der Welt haben könnte.

Vom Pop-Mönch zum Missio-Chef
Geboren als Josef Wallner am 24. 2. 1963 in Wien, er wächst in Wampersdorf, NÖ, auf. Seine Eltern waren Kaufleute. 1982 tritt er in das Zisterzienser-Stift Heiligenkreuz ein und nimmt den Ordensnamen Karl an, studiert Theologie und wird 1988 zum Priester geweiht. In den Neunziger Jahren war er Dekanatsjugendseelsorger der Erzdiözese Wien, in Heiligenkreuz war der Professor für Dogmatik und Sakramententheologie für Öffentlichkeitsarbeit verantwortlich (u. a. für die CD „Chant - Music for Paradise“), die mehr als 1,5 Millionen Mal verkauft wurde. Seit 2016 ist Wallner Nationaldirektor der Päpstlichen Missionswerke „Missio Österreich“, die Spenden für kirchliche Projekte in den ärmsten Ländern der Welt sammelt.

Conny Bischofberger, Kronen Zeitung

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