01.09.2019 10:10 |

Historiker berichtet

So erlebten die Steirer den Beginn des Weltkriegs

1. September 1939, Tagesanbruch: Die deutsche Wehrmacht überfällt Polen, der Zweite Weltkrieg beginnt. Er kostet zig Millionen Menschen das Leben, bringt Leid und Zerstörung, kehrt die Bestie im Mensch hervor. Wie haben die Steirerinnen und Steirer den Kriegsbeginn und die Zeit danach erlebt? Die „Krone“ sprach darüber mit dem Historiker und Grazer Universitätsprofessor Stefan Karner.

„Kronen Zeitung:Herr Professor Karner, wie wurde in der Steiermark der Ausbruch des Zweiten Weltkriegs erlebt?
Stefan Karner: Eine hurra-patriotische Stimmung, wie etwa zu Beginn des Ersten Weltkrieges, gab es nicht. Es gab nur wenige Freiwillige. Vielmehr herrschte in weiten Kreisen der Bevölkerung eher die Angst vor, der Krieg würde länger dauern und wäre auch nicht zu gewinnen. Vergessen wir nicht: Der Erste Weltkrieg war erst gut 20 Jahre vorbei, und viele erinnerten sich an den Patriotismus des Jahres 1914 und an die Niederlage 1918.

Hat der Kriegsbeginn das Alltagsleben der Steirer sofort verändert?
Nein, spürbar nicht. Ein Großteil der Regimegegner war bis zum Herbst 1939 bereits in Lagern und Gefängnissen, die rund 2000 Juden des Landes in Konzentrationslager deportiert, der Widerstand entscheidend geschwächt. Was mit Kriegsbeginn folgte, klang eher bürokratisch und nicht schmerzhaft: die allgemeine Dienstpflicht und die Einführung von Bezugsscheinen für Waren. Sie wurden sehr soft eingeführt. Denn die Menschen sollten den Krieg nicht spüren, die Heimatfront sollte von den Fronten des Krieges weitgehend unberührt bleiben. Kinos und Theater spielten weiter, Volksfeste zeigten eine heile Welt, Sport, Skifahren und Fußball waren Magneten, die Jugend in der HJ integriert und vormilitärisch geschult. Und: Niemand sollte zu wenig zum Essen haben - eine Lehre aus dem Ersten Weltkrieg.

Mussten zu Beginn viele junge Steirer in den Krieg ziehen?
Nicht mehr als anderswo. Die vorgespielte „heile Welt“ brach jedoch zusammen, als die ersten Särge mit Gefallenen nach Haus kamen. Vor allem ab dem Frühjahr 1941. Der Kampf darum, wer einrücken musste und wer nicht, entzweite vor allem in den Landgemeinden Nachbarn und Familien. Die Entscheidung trafen Bürgermeister, Ortsbauernführer und Ortsgruppenleiter, also Ortsbewohner.

Wo waren die steirischen Soldaten primär eingesetzt?
Die Steirer, von denen viele bei den Gebirgsjägern eingesetzt waren, kamen vor allem in den hohen Norden, nach Griechenland, Kreta und an die Ostfront. Allein auf dem Gebirgsjäger-Friedhof nahe Murmansk, angelegt auch vom Österreichischen Schwarzen Kreuz, liegen 16.000 namentlich bekannte Soldaten begraben, ein Viertel davon Steirer!

Wie wurden die anfänglichen Kriegserfolge der Wehrmacht aufgenommen?
Die anfänglich eher abwartende Stimmung, die wir aus den geheimen Berichten des Sicherheitsdienstes der SS und Interviews mit Zeitzeugen kennen, schlug erst nach den „Blitzsiegen“ gegen Polen, Dänemark, Norwegen, die Benelux-Staaten und Frankreich sowie durch die anfänglichen Erfolge im U-Boot-Krieg um. 1940 auf 1941 hatte das NS-System die höchste Zustimmungsrate. Hitler war am Zenit seiner Herrschaft. Als 1941 die Untersteiermark der Steiermark angeschlossen wurde, galt dies großteils als Befreiungstat Hitlers. Die folgende Germanisierung der Slowenen, ihre Deportation, um Platz für die umgesiedelten Gottscheer zu machen, zeitigten nur vereinzelte Kritik, etwa von Lehrerinnen.

Gab es einen Zeitpunkt, an dem die Stimmung in der steirischen Bevölkerung kippte?
Ganz klar: Winter 1943, Stalingrad, wo in der 6. Armee, u. a. in der 100. Jäger-Division, über 50.000 Österreicher dienten. Von ihnen kehrten nur rund 1200, nach vielen Jahren der Gefangenschaft, zurück. Stalingrad wurde zum Synonym und zur psychologischen Wende des Krieges. Von Februar 1943 an zurrte das NS-Regime die Zügel der Repression fester. Die Sportpalast-Rede von Goebbels („Wollt ihr den totalen Krieg?“) gab dazu den Startschuss. Die Hinrichtungen von Regimegegnern nahmen zu, jeglicher Widerstand sollte im Keim erstickt werden. So gelang es, das Gros der Bevölkerung durch die Aufrechterhaltung einer relativ akzeptablen Grundversorgung, durch das Versprechen von „Wunderwaffen“, durch Repression und ein dichtes Netz an Informanten bis in das Frühjahr 1945 relativ eng an das NS-System zu binden.

Jakob Traby
Jakob Traby
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