"Wir, Gottes Volk, seine Kirche, tragen miteinander an dieser Schuld", lautete die Kernbotschaft des Schuldbekenntnisses, das Schönborn gemeinsam mit der Theologin und Publizistin Veronika Jagenteufel vortrug (ausführlicher Bericht siehe Infobox). Darin wurde unter anderem auch bekannt, dass man "die Leiblichkeit" nicht wertgeschätzt habe und an der Aufgabe, "Sexualität gut zu leben", gescheitert sei. Schönborn: "Einige von uns haben sexuelle Gewalt angewendet." Außerdem wurde zugegeben, "dass wir vertuscht und ein falsches Zeugnis gegeben haben".
Schönborn hatte am Wochenende angekündigt, die in großer Zahl bekannt gewordenen Missbrauchsfälle in Kirchenkreisen durch eine "unabhängige" Kommission aufarbeiten zu lassen und dafür die ehemalige steirische Landeshauptfrau Waltrad Klasnic als Opferbeauftragte eingesetzt. Ungeachtet der Kritik an Klasnics Nähe zur Kirche (siehe Infobox) wurde der Schritt als erste Offensive hin zu Transparenz und Aufarbeitung der Vergangenheit aufgefasst.
"Wir kommen gar nicht mehr nach mit dem Eintragen"
Dass die Kirche den Trend Richtung Austritt mit der jüngsten Vertrauens-Offensive brechen kann, ist aber unwahrscheinlich. Im Gegenteil: Etwa in der Diözese Innsbruck lag bis 16. März die Zahl jener, die der Kirche den Rücken gekehrt hatten, noch bei 658. "Mit Stand 21. März verzeichneten wir seit Jahresanfang insgesamt 1.348 Abgänge", sagte Diözesansprecher Franz Stocker am Donnerstag. Allein in den ersten drei Märzwochen seien es damit rund 200 mehr als im gesamten März des vergangenen Jahres gewesen.
"Wir kommen momentan kaum mehr nach mit dem Eintragen", sagte eine Sachbearbeiterin der Bezirkshauptmannschaft Dornbirn am Donnerstag. Die Diözese Feldkirch hat in den ersten drei Monaten 2010 mindestens 1.850 "Schäfchen" verloren. Das sind mehr Austritte als 2008 im gesamten Jahr, wo es 1.793 gab. Wo man anruft, hört man stets dasselbe: "Schon fast so viele wie im ganzen letzten Jahr." Im Bezirk Bregenz kehrten 2010 über 600 Personen der Kirche den Rücken. "Normalerweise haben wir übers ganze Jahr 900 Austritte", sagte eine BH-Mitarbeiterin. In Bludenz wollten 315 Personen nicht mehr der katholischen Kirche angehören. "Sonst sind es im Jahr 400 bis 500", so die Auskunft dort.
Steigerung um 50% in Kärnten, Vervierfachung in Graz
In der Diözese Gurk-Klagenfurt sind bis Ende März 1.524 Kirchenaustritte registriert worden. "Das ist aber noch nicht das endgültige Quartalsergebnis, da kommen noch einige Austritte dazu", erklärte Finanzkammerdirektor Franz Lamprecht. Stellt man mit der bisherigen Zahl trotzdem einen Vergleich zum 1. Quartal 2009 an - damals wurden 1.032 Austritte verzeichnet - liegt die Steigerung bei 47 Prozent. "In der Endabrechnung wird die Steigerungsrate bedauerlicherweise wohl bei 50 Prozent liegen", so Lamprecht.
In der steirischen Hauptstadt sind laut Bürgeramt Graz seit Anfang März rund 1.000 Katholiken (Schnitt 2009: 230) aus der Kirche ausgetreten. Von der Leiterin der Kirchenbeitragsstelle der Diözese Graz-Seckau, Hertha Ferk, hieß es, genaue Zahlen könne man noch nicht nennen, da noch nicht alle Meldungen von Beitragsstellen und Bezirkshauptmannschaften eingetroffen seien. Die Tendenz sei aber steigend, so viel sei sicher.
In der gesamten Diözese sind im vergangenen Jahr insgesamt 8.875 Menschen ausgetreten. Im Schnitt kehrten also monatlich 739 Katholiken der Kirche den Rücken. Bei einer steigenden Tendenz dürfte man also auf über 1.000 im Monat kommen. Was für Ferk überraschend ist: Die Eintritte seien im Schnitt auf dem Niveau des Vorjahres: 2009 waren im Schnitt 140 Menschen monatlich in den Schoß von Mutter Kirche zurückgekehrt.
Die Diözese St. Pölten konnte keine konkreten Zahlen nennen. Die steigende Tendenz sei in den vergangenen Tagen aber besser geworden, hieß es. Bis Anfang März hatte man im Jahr 2010 rund 1.000 Austritte gemeldet. Auch aus Wien, Linz, Salzburg und Eisenstadt sind Zahlen inklusive dem Monat März noch ausständig. In den letzten Wochen wurden aber auch aus diesen Regionen signifikante Anstiege bei den Austritten vermeldet. 2009 kehrten österreichweit 53.216 Personen dem Klerus den Rücken.
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