Fr, 24. Mai 2019
03.05.2019 06:07

Forschung, die ankommt

ADHS im Klassenzimmer

Lehrer, die Schüler mit  Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung, kurz ADHS genannt, betreuen müssen, stehen vor ganz besonderen Herausforderungen. Studien sollen nun hinterfragen, wie das am besten gelingt.

Der Zappel-Philipp rutscht am Sessel herum, stört das Mittagessen, reißt schlussendlich das Tischtuch samt Tellern und Speisen herunter, das ganze gute Mahl liegt in Scherben. Auch heute noch eine verstörende Vorstellung, zu Zeiten des Frankfurter Arztes und Psychiaters Heinrich Hoffmann, der 1844/45 das Kinderbuch „Der Struwwelpeter“ publizierte, eine absolute Katastrophe.

Die Diagnose erfolgt meist mit Schuleintritt
Doch auch in der modernen Pädagogik geben Kinder mit Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung ihrem Umfeld allerhand Aufgaben zu bewältigen. Das macht sich besonders dann bemerkbar, wenn die Kids gezwungen sind, ruhig zu sein und fokussiert zu arbeiten. Daher erfolgt die Diagnose meist zu Beginn der Schulzeit. Das Verhalten beruht auf einer psychischen Störung, deren Ursache noch nicht ganz geklärt ist, sie wird aber als eine Art Entwicklungsverzögerung betrachtet. Schwierige psychosoziale Umstände verstärken das Problem mitunter. Daher hat es keinen Sinn, ja ist kontraproduktiv, zu schimpfen oder gar zu strafen. Allein des Benehmens wegen schlechte Noten zu vergeben gilt sowieso als überholt und sollte eigentlich nicht mehr vorkommen. Deutsche Erhebungen (aus Fulda und Marburg) zeigen aber, dass Betroffene häufig geringere Schulabschlüsse aufweisen, wiederholen müssen oder vom Unterricht ausgeschlossen werden. Lehrkräfte sind aber tatsächlich stark gefordert und überlastet, wenn sie Schüler mit ADHS zu betreuen haben.

Unaufmerksamkeit, Nervosität, Unruhe, Bewegungsdrang allein bezeichnen noch kein Krankheitsbild. Nicht jedes laute und übermütige Kind darf gleich als ADHS-Patient abgestempelt werden! Doch immerhin steht das Syndrom mit etwa fünf Prozent Verbreitung bei Kindern und Jugendlichen an oberer Stelle der psychischen Erkrankungen dieser Altersgruppe. Mittlerweile sind Diagnostik und Therapie bestens belegt. Der Umgang im schulischen Alltag mit den Kindern gestaltet sich aber eben häufig schwierig, obwohl eine Vielzahl evidenzbasierter und wissenschaftlich gut abgesicherter Methoden vorliegen, die Lehrkräften Hilfestellung bieten. Doch gelangen diese Empfehlungen nur selten bis ins Klassenzimmer, obwohl Pädagogen in vielen Fällen diejenigen sind, die eine fachliche Abklärung überhaupt erst veranlassen. 40 Prozent der Lehrenden gaben in der Studie an, über ADHS informiert zu sein, können ihr Wissen aber nicht einbringen. Warum eigentlich?

Forschungsprojekt soll offene Fragen klären
Es fehlt offensichtlich an entsprechenden Methoden zur Anwendung. Um diese Fragestellungen im deutschsprachigen Raum zu untersuchen, wurde das internationale Open Innovation in Science Projekt „ADHS im Klassenzimmer“ gegründet, eine Forschungskooperation der Ludwig Boltzmann Gesellschaft (Dr. Benjamin Missbach) mit der Philipps-Universität Marburg (Prof. Dr. Hanna Christiansen, Dr. Mira-Lynn Chavanon). Im Rahmen eines Seminars mit Masterstudierenden führt Prof. Dr. Martina Zemp, Fachbereich Psychologie der Universität Wien, das Projekt aktuell weiter. Es werden Fragebögen entwickelt, Zielgruppen direkt angesprochen und Online-Befragungen gestartet. Im Vordergrund steht die Einbindung Betroffener aller Personengruppen, um wissenschaftliche Erkenntnisse mit praktischen Erfahrungen verknüpfen zu können.

Weitere Informationen: www.adapt.at

Karin Podolak, Kronen Zeitung

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