07.05.2019 08:00 |

Auf Spurensuche

Tschechien: Zeitreise hinter den Eisernen Vorhang

Vor 30 Jahren ist der Eiserne Vorhang gefallen. Ein guter Anlass, einen Blick dahinter und einen noch größeren Rückblick in die tschechische Geschichte zu werfen.

Acht Knödel sollten es eigentlich immer sein. Prost, Mahlzeit! Eigentlich hab ich schon mit den fünf Scheiben köstlicher Kartoffel- und Semmelknödel auf meinem üppig gefüllten Teller genug. Als Vorspeise darf die mit Krenschaum gefüllte Schinkenrolle nicht fehlen, danach eine Kulajda (Suppe mit Pilzen und Kartoffeln), als Hauptgericht einen Svickova-Braten. Und was sollte man anderes dazu trinken als ein Bier, wenn wir schon in Tschechien sind? Ein Kofola! Das tschechische Coca-Cola sozusagen. In den 1960ern, als das amerikanische Getränk hier nicht erhältlich war, war man erfinderisch und hat ganz einfach selber „gebraut“. Die Farbe des „Fake“-Colas haben sie ziemlich gut hinbekommen, nur der Geschmack ist doch etwas anders: nicht gar so süß und mehr wie eine Kräuterlimonade. Aber trotzdem sehr gut, und es erfreut sich auch heute noch – wo es das „richtige“ Cola an jeder Ecke zu kaufen gibt – größter Beliebtheit. Ja, man kann sagen, dass es fast schon ein Nationalgetränk geworden ist. Eine Nachspeise geht sicher auch noch. Denn hungrig soll niemand bleiben, das war schon früher so und ist heute nicht anders.

Ehemaliges Kurhotel für Justizwachebeamte steht nun allen offen
Aufgetischt wird für uns im Prazov. Dieses Erholungsheim für Justizwachebeamte, nahe der Stadt Tábor in Südböhmen gelegen, wurde einst von Gefängnisinsassen errichtet und 1974 eröffnet. Auch heute arbeiten hier zum Teil noch Häftlinge, die geringe Strafen zu verbüßen haben. Und das Haus ist fast immer voll – also voller Gäste, nicht Häftlinge. Justizangestellte können hier mit ihren Familien Ferien verbringen oder die Annehmlichkeiten eines kleinen Kurhotels in Anspruch nehmen. Und falls doch ein Zimmer frei sein sollte, kann man sich auch als Privatperson einmieten. Zu viel Luxus darf man sich allerdings nicht erwarten, wenn man die Einrichtung betrachtet, hat es doch viel von einer Zeitreise in die 1970er und 80er.

Die Stadt Tabor war einmal Sitz eines großen Militärstützpunkts mit bis zu 10.000 Soldaten. Touristen waren hier „nicht gerne gesehen“, das hat sich geändert. Die Altstadt selbst besteht aus kleinen verträumten mittelalterlichen Gässchen, rund um den zentral gelegenen Marktplatz reihen sich die Häuser mit wunderschön dekorierten Fassaden.

Komfortabel ist man im Hotel Orlík untergebracht. Bis 1989 war das riesige Areal, auf dem sich mehrere kleine Villen befinden, die auch gemietet werden können, nur für hohe kommunistische Politiker und ihre Gäste zugänglich. Beschaulich liegt es im Wald mit Blick auf die Moldau. Mehrere Sicherheitskontrollen mussten passiert werden, um überhaupt hierher gelangen zu können. Mittlerweile kommt jeder in den Genuss des heutigen Wellnesshotels.

Aus geplanten Luftschutzkeller wurde nur Kesselraum
Aber wenn die Mauern sprechen könnten, hätten sie wohl viel zu erzählen. Wie zum Beispiel die Geschichte von dem (nicht vorhandenen) Luftschutzkeller: Laut Gesetz war es vorgeschrieben, dass das Hotel zum Schutz seiner hochrangigen Gäste einen haben sollte, so wurde vom zuständigen Architekten natürlich einer eingeplant - mit dazugehörigem unterirdischem Verbindungsgang direkt aus dem Haupthaus. Nur aus irgendeinem Grund wurde das nicht umgesetzt. Der Gang existiert nur auf dem Papier, und der Keller diente gleichzeitig als Kesselraum und wäre wohl kaum als angemessener Rückzugsort für die kommunistische Führungsebene und ausländische Delegationen infrage gekommen. Weshalb das nie jemand überprüft hat, weiß man nicht. Man kann nur vermuten, welche Strafe wohl den Verantwortlichen geblüht hätte, wenn das rausgekommen wäre. Aber nachdem der Ernstfall nie eingetreten ist, haben sich im Hotel Orlík alle Gäste sicher aufgehoben gefühlt.

Nicht weit entfernt liegt Schloss Orlík. Erste Erwähnungen können ins 13. Jahrhundert rückverfolgt werden. Damals thronte die ursprüngliche Burg noch hoch oben über der Moldau, doch mit dem Bau der Orlík-Talsperre 1960 stieg der Wasserpegel um knapp 60 Meter und brachte das Schloss somit näher an den Fluss heran. Die prunkvollen Wohn- und Repräsentationsräume können besichtigt werden. Heute, nach einer turbulenten Vergangenheit, befindet sich Orlík seit 1992 wieder im Besitz der Familie Schwarzenberg.

Ein rundes Jubiläum feiert heuer die Firma Jitex. Vor 70 Jahren wurde sie in Písek gegründet. Die halbe Stadt war hier beschäftigt, heute sind es noch ca. 100 Angestellte. 14 bis 15 Tonnen Strickwaren wurden in den besten Jahren pro Tag hergestellt; im Vergleich dazu sind es heutzutage nur noch 20 Tonnen im Monat! Die Branche stagniert, die Konkurrenz ist einfach zu groß. Das war nicht immer so. In den 60er- und 70er-Jahren trug jeder Kleidung von Jitex, vom Baby bis zum Opa. Heute trägt es fast nur noch der Opa, bei der Jugend können sie nicht so richtig punkten. Aber „Textilien macht man nicht für Geld, sondern aus Liebe“, sagt auch Herr Sobotka. Er arbeitet seit 1988 in der Fabrik, die heute immer noch von Nachthemden bis zu funktionaler Sportbekleidung alles herstellt, eine eigene Färberei, Weberei und Näherei betreibt. Großaufträge wie z. B. von der tschechischen Bahn sorgen dafür, dass die Produktion nicht – wie so manche Uhr in den Werkshallen – stillsteht.

Und hier in Písek befindet sich neben der ältesten Brücke Tschechiens tatsächlich ein Atomschutzbunker - nicht nur auf dem Bauplan. Untergebracht im Kino Portyč gibt das dem Ganzen einen etwas surrealen Charakter. Den Saal betritt man durch dicke Panzertüren, die im Fall eines Angriffs geschlossen werden. Gleich dahinter befinden sich links und rechts Eingänge, die zu den vorgesehenen Waschräumen führen. Immer noch hängen hier - mittlerweile mit Staub bedeckte - Waschbecken mit angerosteten Wasserhähnen, die dazugehörigen Leitungen laufen an den kahlen Betonwänden entlang.

Ein beklemmendes Gefühl. Aber es geht noch weiter in den Keller hinunter. Hinter einer verborgenen Tür führt die Eisentreppe in ein weiteres Geschoß direkt unter den Kinosaal. Im Ernstfall hätten hier bis zu 600 Menschen Zuflucht finden sollen. Ein eigener Brunnen hätte sie mit Wasser versorgt, mit Diesel betriebene Generatoren den nötigen Strom geliefert. In regelmäßigen Abständen wird der Bunker immer noch kontrolliert. Aber hoffentlich nie für seinen gedachten Zweck benötigt werden.

Elisabeth Salvador, Kronen Zeitung

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