So, 23. September 2018

Filigran und gewaltig

12.08.2018 14:00

Maybach Ultimate Luxury: Das völlig andere SUV

Einerseits stellt der Entwurf für einen Maybach-Geländewagen selbst den Rolls-Royce Cullinan in den Schatten. Andererseits wird er so nie in Serie gehen. Deshalb ist die erste Ausfahrt mit der Vision Mercedes-Maybach Ultimate Luxury vielleicht auch die einzige.

Morgens um sieben ist die Welt in Valencia noch in Ordnung. Der Himmel ist zwar blau und wolkenlos, aber die Temperaturen noch verhalten - und die Mine von Bernd Stoehrer entspannt. Einmal nickt der Techniker kurz, dann lässt Traudl den Aufbau ihres Lasters herunter und aus dem weißen Koffer rollt geräuschlos ein Auto, das wirkt wie eine Fata Morgana aus einer fernen Zeit: Vorhang auf und Bühne frei für die Vision Mercedes-Maybach Ultimate Luxury. Gute drei Monate nach der Weltpremiere auf der Motorshow in Peking und kurz bevor die Studie wohl auf Nimmerwiedersehen in der Asservatenkammer der geplatzten Träume verschwindet, macht der rote Riese noch einen kurzen Zwischenstopp in der Wirklichkeit und ein paar auserwählte Journalisten können ausprobieren, was selbst den Reichsten der Reichen versagt bleiben wird.

Leider nicht in China, wo der Gigant im feinen Zwirn gezeichnet wurde, wo Mercedes mittlerweile die meisten Maybach-Modelle verkauft, man einen etwas entspannteren Umgang mit Glanz und Glamour pflegt und seinen Reichtum ohne Scham zur Schau stellt, sondern in Europa. Deshalb schütteln die neugierigen Passanten auch die Köpfe über das Bambus-Bäumchen zwischen den Sitzen, wenn sie sich sehr zum Unbill von Aufpasser Bernd die Nase an den Fenstern plattdrücken. Denn woher sollen sie wissen, dass dies die chinesische Nationalpflanze ist. Und sie haben auch keinen Sinn für das handgefertigte Service, das in der exakt auf 85 Grad temperierten Mittelkonsole den grünen Tee für den nächsten Stau bereithält. Und dass der rote Lack den gleichen Ton hat wie die Flagge der Chinesen, das erschließt sich ihnen auch nicht. Doch seine Wirkung verfehlt der Riese trotzdem nicht.

Schließlich ist das ein SUV, wie es die Welt noch nicht gesehen hat. Von vorn geht er noch als gewöhnlicher Gegner von Bentley Bentayga und Rolls-Royce Cullinan durch, genauso wuchtig, genauso protzig und genauso klotzig. Doch weil Daimler ein bisschen spät dran ist, haben die Schwaben das Rad etwas weiter gedreht und das Luxus-SUV nach hinten raus neu erfunden. Denn zum ersten Mal trägt der Maybach ein Stufenheck. Damit kombiniert er nicht nur die zwei erfolgreichsten Karosserievarianten auf dem Weltmarkt, sagt Designchef Gorden Wagener. Sondern die Stufe steht auch für Status - und davon bietet der Maybach mit seinem ganzen Lametta und den wie Turbinen geformten 24-Zoll-Felgen auf knapp sechs Metern reichlich.

Auch innen ist das Auto, für das sie so richtig noch keinen Namen gefunden haben und deshalb immer mal wieder Sport Utiltity Sedan (SUS) oder Sport Utility Limousine (SUL) benutzen, ein buchstäbliches Prunkstück. Denn mit dem ganzen auf Hochglanz polierten Rosé-Gold funkelt es in der luxuriösen Lounge aus weißem Leder wie in Alibabas Schatzkammer und die Reflektionen in den riesigen Konsolen wiederholen sich bis ins Unendliche.

Während man hinten in weichen Loungeliegen lümmelt und sich einen halben Meter über dem Boden gar vollends der Welt entrückt fühlt, ist der Umgang mit der Studie hinter dem Steuer ziemlich schweißtreibend. Und zwar nicht nur, weil es draußen langsam heiß wird und das Einzelstück zwar ein riesiges Glasdach, aber keine Klimaanlage hat. Sondern weil Techniker Bernd Stoehrer einem dabei kritischer auf die Finger schaut als jeder Fahrlehrer.

In der Serie mögen SUVs ja robust sein und selbst der Maybach würde sich zur Not in den Matsch oder den Wüstensand wagen - wozu hat er schließlich vier Elektromotoren mit zusammen 750 PS, die eben nicht nur für 250 km/h gut sind, sondern auch für einen elektronisch geregelten Allradantrieb, der feinfühliger auf die Fahrbahn reagieren kann als jedes mechanische System? Doch dieses Auto fährt nur gehobenes Schritttempo und bei jeder Fuge in der Fahrbahn knarzt die Karosse so laut, dass es nur noch durch Bernds Schnappatmung übertönt wird. Dieses Einzelstück ist wahrscheinlich mehr wert, als Daimler-Chef Dieter Zetsche im Jahr verdient und sollte deshalb entsprechend nur mit Samthandschuhen angefasst werden, geben einem die Techniker zu verstehen - und zumindest Bernd nimmt das sogar wörtlich und stülpt sich weiße Fingerlinge über, als er wieder ins Steuer greift.

Drei Stunden dauert der Ausflug in die Wirklichkeit, dann muss die Studie in den Schatten. Dem Wagen wird es schlicht zu heiß, der Lack könnte Blasen werfen, innen würde sich das Leder lösen und wie lange bei den Temperaturen die Kunststoffscheiben halten, weiß so recht auch keiner. „Das wird mir zu heiß,“ sagt Bernd und gönnt dem Millionending eine Pause im Schatten - zumal nach den paar Kilometern auch langsam die Akkus leer sind. Schließlich sind die 80 kWh genauso theoretisch wie die 500 Kilometer Normreichweite oder die fünf Minuten Ladezeit für 100 Kilometer.

Dummerweise ist der Mechaniker nicht der einzige im Maybach-Team mit einem empfindlichen Temperatursinn. Sondern den haben sehr zum Leidwesen der Superreichen auch die Produktplaner, nach dem desaströsen Comebackversuch mit dem 57er und dem 62er. Noch einmal einen dreistelligen Millionenbetrag in die Marke zu stecken und wirklich ein eigenes Modell zu entwickeln, das ist den Strategen zu heiß. Zumal das Konzept der edlen Ausstattungsvariante mit mäßiger Maybach-Individualisierung bei der S-Klasse voll aufgeht. Nicht umsonst werden allein in China davon jeden Monat mehrere Hundert Exemplare verkauft.

So sehr sich also Designchef Gorden Wagener und sein Team einen eigenen Maybach wünschen und so neidisch sie zu den singulären AMG-Modellen GT und GT Viertürer schauen, wird es deshalb genau wie bei Coupé und Roadster aus Pebble Beach beim Einzelstück bleiben. Schade für die Scheichs, die Oligarchen und die superreichen Chinesen. Aber schön für Fahrer und Zuschauer hier und heute an der Nahtstelle zwischen Wunsch und Wirklichkeit. Denn so bleibt die Stippvisite in der Realität ein buchstäblich einmaliges Erlebnis.

Benjamin Bessinger/SPX

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