So, 23. September 2018

E-Mail statt Reden

10.07.2018 16:34

Großraumbüros erzeugen asoziale Technik-Junkies

Früher ein US-Spezifikum, haben sich Großraumbüros mit Dutzenden Büroarbeitern auf engstem Raum in den letzten Jahrzehnten auch bei uns immer mehr etabliert. Sie fördern Produktivität und interne Kommunikation, werden sie bei ihrer Einführung meist angepriesen. Eine Studie aus den USA zeigt nun allerdings: Alles gelogen! Großraumbüros führen zu sozialem Rückzug und einer Flucht ins Virtuelle.

Die realen Auswirkungen von Großraumbüros und die Versprechungen ihrer Befürworter könnten kaum weiter auseinanderklaffen, heißt es in einer wissenschaftlichen Studie, die jetzt im Journal „Philosophical Transactions“ der britischen Royal Society veröffentlicht wurde. Tatsächlich führe die Einführung von Großraumbüros dazu, dass die Mitarbeiter weniger miteinander reden und sich vermehrt in die elektronische Kommunikation flüchten, um der sie umgebenden Hektik zu entfliehen.

Für ihre Untersuchung haben Forscher zwei Fortune-500-Großunternehmen, in denen von abgetrennten Arbeitsplätzen auf offene Großraumbüros umgestellt wurde, bei dem Prozess begleitet und die Reaktionen der Mitarbeiter auf die neue Arbeitsumgebung mit technischen Hilfsmitteln genau gemessen.

Kommunikation der Mitarbeiter genau protokolliert
Konkret wurde ihnen ein Tracking-Gerät umgehängt, das genau protokollierte, mit wem sie sich trafen, ob sie redeten oder zuhörten und - mithilfe von Bluetooth-Beacons - wo sie sich dabei befanden. Den Gesprächsinhalt ermittelte das Gerät nicht. Neben diesen Daten zum Kommunikations- und Sozialverhalten sammelten die Forscher auch Daten darüber, wie die Mitarbeiter auf elektronischer Ebene - also per Mail oder Instant-Messenger - miteinander kommunizierten. Auch hier wurden nicht die Inhalte der Kommunikation, sondern lediglich die Metadaten der Kommunikation erhoben.

Kommunikation verlagert sich weitgehend ins Virtuelle
Das IT-Portal „The Register“ zitierte am Montag aus dem Ergebnis der Untersuchung: „Das Volumen der Face-to-Face-Interaktion hat sich in beiden Fällen signifikant verringert (um ungefähr 70 Prozent), mit einer damit verbundenen Zunahme der elektronischen Interaktion.“ Anders formuliert: Statt die direkte Kommunikation zu fördern, wie es Befürworter stets predigen, haben Großraumbüros den gegenteiligen Effekt. „Es löst eine natürliche menschliche Reaktion aus, sich sozial von den Kollegen abzukapseln und vermehrt per E-Mail oder Messenger zu kommunizieren.“

Insgesamt entnehmen die Forscher ihrer Studie drei zentrale Erkenntnisse:

  • Großraumbüros können die direkte Interaktion dämpfen und die Arbeitnehmer dazu nötigen, neue Strategien zu entwickeln, um ihre Privatsphäre zu erhalten - etwa, indem sie auf andere Kommunikationskanäle ausweichen.
  • Auch wenn es noch Forschungen bedürfe, sei zu vermuten, dass das hektische Treiben in Großraumbüros zur Überstimulation der Arbeitnehmer führe und sich daran mit Methoden der Architektur wenig ändern lasse.
  • Großraumbüros bringen Arbeitnehmer dazu, ihre Kommunikation ins Virtuelle zu verlagern. Das kann mit einem Produktivitätsverlust einhergehen. Frühere Studien haben immer wieder bewiesen, dass E-Mails als Kommunikationsmittel deutlich weniger effektiv als direkte Gespräche sind.

Die Wissenschaftler wollen das Thema weiter erforschen. „Insgesamt sind die Effekte von Großraumbüros auf die Zusammenarbeit nicht so klar wie zunächst gedacht und gehen über die Faktoren Nähe und Sichtbarkeit hinaus. Man kann zwar chemische Substanzen unter bestimmten Temperatur- und Druckbedingungen dazu bringen, eine gewünschte Verbindung einzugehen. Will man ähnliche Effekte im Arbeitsalltag mit Menschen erzielen, scheinen aber deutlich mehr Faktoren im Spiel zu sein.“

Einstweilen sollten sich Manager, die ihre Arbeitnehmer in ein Großraumbüro setzen, nicht darüber wundern, wenn es genau den gegenteiligen Effekt hat, den man mit den offenen Räumlichkeiten ursprünglich erzielen wollte.

Dominik Erlinger
Dominik Erlinger

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