Mo, 15. Oktober 2018

Nur scheinbar sachlich

20.06.2018 05:16

Von Äpfeln & Birnen, Verkehrstoten & Tempolimits

Derzeit macht eine Meldung die Runde durch die Medienlandschaft, welche die Angst schürt, dass Urlauber im Süden und Osten Europas ein höheres Risiko haben, bei einem Verkehrsunfall zu sterben. Außerdem wird Stimmung für ein niedrigeres Tempolimit gemacht, weil es angeblich für Sicherheit sorgt. Belegt wird beides bei genauerer Betrachtung nur auf fragwürdige Weise.

„Die verkehrssichersten Staaten Europas haben niedrigere Tempolimits als Österreich. Die Gesetze der Physik gelten nach wie vor: Mit dem Tempo steigen Unfallrisiko und die Schwere der Unfälle“, lässt sich „VCÖ-Experte Markus Gansterer“ in einer Aussendung des Verkehrsclub Österreich zitieren. Richtig ist: Zum Beispiel in Norwegen, dem Land mit der geringsten Zahl an Verkehrstoten, gilt ein Limit von 100 km/h. Nur: Wenn der Zusammenhang zwischen Verkehrstoten und Tempolimits ein physikalisches Gesetz wäre, könnten die Straßen in Portugal oder Belgien nicht gefährlicher sein als unsere - schließlich gilt dort ein Tempolimit von 120 km/h. Aber: In Portugal sterben pro Million Einwohner und Jahr 64 Menschen im Straßenverkehr, in Belgien 55, in Österreich 47.

In Deutschland, wo streckenweise gar kein Tempolimit auf Autobahnen gilt, sind es übrigens 38.

Zwei Drittel der Sommerurlaubsreisen werden mit dem Auto gemacht. Fakt ist: In vielen Ländern, darunter Italien und Kroatien als die Lieblings-Reiseländer österreichischer Autofahrer, sterben mehr Menschen im Straßenverkehr als in Österreich. Hier die entsprechende Statistik im Überblick:

Heißt das nun, dass wir Urlauber in Bulgarien oder Rumänien ein doppelt so hohes Risiko haben, im Straßenverkehr zu sterben, als bei uns zu Hause? Natürlich nicht. Um das zu behaupten, müsste man sich die Todesursachen ansehen. In Osteuropa sind bekanntlich mehr unsichere Autos unterwegs als in Österreich, in denen die Überlebenschance im Fall eines Unfalls entsprechend geringer ist.

Daher kann man sicher nicht auf das Todesrisiko von Urlaubern schließen. Schon gar nicht auf das Unfallrisiko ganz grundsätzlich. Das mag stimmen, muss es aber nicht, weil es aus den genannten Zahlen schlichtweg nicht hervorgeht.

Nicht Äpfel mit Birnen vergleichen
Ja, Auto fahren ist gefährlich. Es wird aber nicht dadurch ungefährlicher, dass man falsche Informationen und Interpretationen in die Welt setzt, sondern dadurch, dass wir vernünftig fahren. Dazu gehören angepasste Geschwindigkeit (die durchaus auch einmal unter dem gerade geltenden Limit liegen kann), kein Alkohol am Steuer und auch der Verzicht aufs Handy. Wie auch auf sonstige Ablenkungen.

An dieser Stelle danke an VCÖ-Sprecher Christian Gratzer, der mich an einen Ausspruch meines Kollegen Günther Krauthackl von der Tiroler Krone erinnert hat: „Wenn ich durch meine Beiträge auch nur einen einzigen tödlichen Unfall verhindern kann, dann hat meine Arbeit Sinn gehabt.“

Stephan Schätzl
Stephan Schätzl

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