Felder - ährenprall. Wege - staubbedeckt. Und Haus und Hof und Gut. Und zwischen Kirchgang und Erntedank geballte Hoffnungslosigkeit, die auf der Stelle tritt. Gut versteckte Vehemenz des Aufbegehrens - bis sich eins zum anderen fügt und nichts mehr verschmerzt werden kann.
Wir schreiben die Jahre 1913/14. Ein protestantisches Dorf in der norddeutschen Tiefebene - in den letzten Friedensmonaten vor dem Ersten Weltkrieg. Noch ist das Völkerschlachten fern, verliert sich der Blick in endlosen ländlichen Horizonten. Bilder in brillantem Schwarz-Weiß. Präzise. Hypnotisch.
Das Böse bricht ein
Doch Regisseur Michael Haneke wäre nicht Haneke, bräche nicht das Böse mit einem Mal in die Idylle ein. Eine Konstante zudem in seinem filmischen Werk, man denke nur an „Bennys Video“ oder an „Caché“. Da wird der Dorfdoktor bei einem Reitunfall schwer verletzt. Ein zwischen Bäumen gespannter Draht brachte sein Pferd zu Fall. Nicht das einzige mysteriöse Ereignis in den kommenden Wochen. Eine Arbeiterin kommt im Sägewerk zu Tode, eine Ernte wird mutwillig vernichtet, der kleine feine Sohn des Barons verschleppt und brutal gezüchtigt, ein behinderter Junge gequält.
Meisterhaft fokussiert der Österreicher und diesjährige Gewinner der Goldenen Palme in Cannes, der in den Jahren zuvor für „Die Klavierspielerin“ den Großen Preis der Jury und für „Caché“ den Regiepreis erhalten hatte, eine Dorfgemeinschaft und ihre Strukturen, konfrontiert uns mit scheinbar unzusammenhängenden Unglücksfällen und deckt dabei fast unmerklich Grausamkeiten auf, die das Zusammenleben nachhaltig definieren.
Schrecken des Alltags
Ein ländliches Mysterienspiel, das seinen Schrecken aus dem Alltäglichen speist: Männer, die Brutalität ausüben, Frauen, die diese dulden oder fliehen. Und Kinder, die all dem nicht entrinnen können, aber aufbegehren - auf ihre Art. Ganz subtil suggeriert Haneke plausible Erklärungen für den Ursprung von Gewalt, wenn nämlich Kinderseelen unter der unheiligen Koexistenz von pastoralen und repressiven Strukturen zerbrechen.
Der gleiche beliebte Arzt (Rainer Bock), der den nächtlichen Erkältungstod bannt, behandelt seine Haushälterin in menschenverachtender Weise. Der hofierte Gutsherr (Ulrich Tukur), der sich beim Erntedank nicht lumpen lässt, treibt seine Gemahlin aus dem Haus. Und der Pastor (Burghart Klaußner) verhängt zu Hause drakonische Strafen. Ein weißes Band, dem geringfügig sündigen Kind umgebunden, wird zur plakativen Erinnerung an die Tugend.
Bezaubernde Benesch, verstörende Lothar
Aus der Sicht des Dorflehrers (Christian Friedel) erzählt, entfaltet „Das weiße Band“ seinen Sog, langsam, aber unaufhaltsam, getragen von einem wunderbaren Ensemble. Bezaubernd Leonie Benesch als scheue Landschönheit, verstörend Susanne Lothar im formal-strengen Korsett ihres Parts als Hebamme, brillant erdverbunden Branko Samarovski in seiner Rolle als Bauer zwischen Scholle und Schmach. Und Kinder, deren Antlitze sich einem ins Gedächtnis brennen.
Ein Sitten- und Stimmungsbild über das Wesen der Menschen zu einer ganz bestimmten Zeit, die in militant-historische Entwicklungen mündete und Katalysator für vieles war, wohl auch für den nachfolgenden fürchterlichen Krieg. Eine Andeutung, die Regisseur Michael Haneke im Raum stehen lässt. Und wie immer vermeidet er ein eindeutiges Ende. Weil alles im Fluss ist Eine deutsche Kindergeschichte.
von Christina Krisch, Kronen Zeitung
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