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05.12.2016 - 20:10

Laos: Das leise Land der Langsamkeit

12.11.2011, 17:00
Es ist der einzige Staat Südostasiens, der keinen Zugang zum Meer hat. Aber es hat den Mekong, "Mutter aller Wasser" und Lebensader. Laos, das leise Land, in dem die Zeit manchmal stillzustehen scheint.

Man möchte ihnen die Hälse umdrehen, den Hähnen. Sie sind die Einzigen, die Krach machen in diesem leisen Land. Doch sofort setzt laotischer Langmut ein. Man kann die Hähne auch als Weckrufer für das Erleben zarter Sonnenaufgänge sehen, und vielleicht vertreibt ja ihr Kreischen die dünnen Dunstschwaden, die den Urwald morgens einhüllen.

Das 16- Uhr- Trommeln der Mönche im ältesten Tempel Luang Prabangs, dem Wat Xieng Tong, ist kein Lärm, sondern Musik. Die tief im Inneren, da, wo vielleicht die Seele sitzt, berührt und etwas zum Schwingen bringt. Selbst die kreischbunten Tuktuks, die Motor- Rikschas, knattern bloß leise durch die alte Königsstadt von Laos, die seit 1995 Weltkulturerbe ist. Der letzte Herrscher, so erklärt uns unser Führer bei der Besichtigung des ehemaligen Palastes, wurde in den Norden "eingeladen", wo es ihm so gut gefallen haben soll, dass er dort bleiben wollte. Tatsächlich starb er in einem Umerziehungslager. Seit 1975 ist Laos nämlich ein kommunistisches Einparteienland.

Bomben als Gartendeko

Der Umgang mit der Geschichte ist in Laos ohnehin ein bisschen anders. Im Krieg wurde das Land am stärksten bombardiert, zwei Millionen Tonnen Bomben wurden abgeworfen – warum auch immer. Die Bedrohung von einst findet heute als skurrile Dekoration in Häusern und Gärten Verwendung. Laos, einst Land der Millionen Elefanten, hat heute gerade mal noch 600 davon. An Bodenschätzen ist es arm, Industrie gibt es bis heute nicht, der Reichtum findet sich in Form von Teakbäumen in den Wäldern. Das bisschen Flussgold, das vielleicht noch an den Ufern des Mekong zu finden ist, reicht auch nicht für Prasserei. Die sucht man in Laos vergeblich, doch dafür haben die zahlreichen Volksstämme etwas, was mit Geld ohnehin nicht zu bezahlen ist: die Lust an der Langsamkeit – Laoten tragen keine Uhren! –, Herzlichkeit, Freude, Glück. Das sie alles mit Farangs, also uns Ausländern, überströmend teilen.

Apropos überströmend. In Luang Prabang gehen wir an Bord der "Mekong Sun", die für etwas mehr als eine Woche unser Zuhause sein wird und uns durch die "Mutter aller Wasser" tragen wird. Ein Holzschiff, das den Mekong bis ins Goldene Dreieck, die Dreiländergrenze Myanmar, Laos, Thailand, befährt. Der insgesamt 4500 Kilometer lange Mekong ist die Lebensader von Laos. Bei Luang Prabang noch eng, verwunden, felsig, mit Stromschnellen und einer Fließgeschwindigkeit von 7–8 Knoten. Die Kapitäne haben kein Patent, aber lebenslange Erfahrung. Sie orientieren sich nicht am Echolot, das es ohnehin nicht gibt – es könnte ja vielleicht lärmen? -, sondern an der Landschaft. Und sie sehen wohl Dinge, die uns auf den ersten Blick verborgen bleiben.

Traditionen im Dorfleben

Wie die Dörfer der Lao Lum, der Tiefland- Laoten, die ihre Häuser auf Stelzen bauen. Das Dorf Ban Muang Keo etwa, das von den Pak- Ou- Höhlen am Fluss – wo Abertausende kleine Buddhastatuen von der Bevölkerung hingebracht wurden – nur durch einen einstündigen Fußmarsch durch den Dschungel erreichbar ist. Dort weben Frauen an Webstühlen traditionelle Muster in Stoffe und Schals. Traditionen werden in Laos hochgehalten. Sehr zum Leidwesen von Somprangh, Chefsteward und Masseur. Er hat während seines Studiums ein Mädchen kennengelernt, sich verliebt, die beiden wurden Eltern eines Buben. Den er jetzt nicht sehen kann. Denn die Mutter beorderte die junge Frau zurück ins Heimatdorf, wo sie einen anderen heiraten sollte. Obwohl sie die Tochter hat studieren lassen! Sie weigert sich. Und Somprangh spart jeden verdienten Kip, um sein Haus fertig zu bauen. Ein Haus, das der Schwiegermutter wird gefallen müssen. Sein Kind hat er lange nicht gesehen, die Reise in das Dorf dauert zwei Tage.

In ein Dorf wie Hoy Phalam, Heimat der Lao Theung, auch Khmu, wo Internet ein Fremdwort ist, Handy auch. Gut so. Es mag sein, dass man nicht vermisst, was man nicht kennt. Aber man vermissts auch nicht, wenn mans kennt. Der Tempel ist somit nicht nur Sitz der Mönche, sondern auch Gemeindezentrum, Kommunikationsstelle und Schule. Egal, wo unser Schiff an den unbefestigten Ufern des Mekongs anlegt – die Kinder sind sofort da. Neugierig, fröhlich. Betteln, feilschen, das Anbieten jedweder "Souvenirs" ist ihnen wohltuend fremd.

Gebratenes frisch vom Baum

Fremd sind uns die Essensgewohnheiten der Laoten. Fast alles, was nicht bei drei auf den Bäumen ist, wird gebraten. Zikaden sollen besser schmecken als Grillen, der mächtige Nashornkäfer sei bitter, Flughunde am Spieß, Seidenraupen, Maden decken das Proteinbedürfnis, aber sicher nicht meinen Geschmack. Da ist mir das Laap – eine Speise aus faschiertem Fleisch, gestampften Reiskörnern, Sojasprossen, Gewürzen - schon viel lieber. Oder ein Stück vom legendären Mekong- Wels, der bis zu 300 Kilo wiegen kann! Oder frisches Gemüse, das an den Ufern des Mekong angebaut wird, kaum dass er sie freigibt. Denn der Wasserstand dieses mächtigen und doch leisen Stromes ändert sich innerhalb von Tagen um Meter, je nach Jahreszeit. Und wer Obst mag, ist in Laos ohnehin auf der buchstäblich grünen Seite. Der Regenwald beherbergt Tamarinden, Mangos, Kokospalmen, Papayastauden und vieles Essbare mehr.

Je näher wir dem Goldenen Dreieck kommen, desto mehr ändert sich die Landschaft. Die Täler werden weit, der Fluß breit. Der Mekong trennt Laos von Thailand – Pflanzchaos in Laos gegen thailändische Plantagenwirtschaft. Wir verlassen kurz unsere Beschaulichkeit, um per Schnellboot Ban Don Mixay zu besuchen, fast schon eine Kleinstadt, da es auf einer der wenigen befahrbaren Straßen liegt. In der Schule sorgen wir für eine willkommene, ausgedehnte Pause. Die mitgebrachten Hefte und Stifte werden erstaunlich erfreut entgegengenommen, ignoriert werden sie nur von dem Hundebaby, das mit seinem kleinen Frauchen in trauter Zweisamkeit die schmale Schulbank drückt.

Wenn du das alles noch sehen möchtest, musst du dich fast schon unlaotisch beeilen. Denn China plant Staudämme am Mekong. Zwei in Laos. Ob es dann das ursprüngliche, trotz aller Armut sorglose Leben am Mekong noch geben wird, ist fraglich. Denn Schleusen sind nicht geplant – und die "Mekong Sun" müsste dann in wenigen Jahren ihrem wohl letzten Sonnenuntergang entgegenfahren.

12.11.2011, 17:00
Gabriela Gödel, Kronen Zeitung
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