"Die Lage ist ernst"

US-Armee fordert Strategiewechsel in Afghanistan

Ausland
31.08.2009 20:32
Angesichts der zunehmend schlechteren Sicherheitslage in Afghanistan hat der Oberbefehlshaber der US- und NATO-Truppen in Afghanistan, Stanley McChrystal, einen Strategiewechsel beim Einsatz am Hindukusch gefordert. "Die Lage in Afghanistan ist ernst, doch ein Erfolg ist zu schaffen", erklärte McChrystal am Montag. Gefordert seien neben einer veränderten Strategie allerdings mehr Entschlossenheit und eine bessere Koordination. McChrystal legte diese Einschätzung der derzeitigen Lage dem zuständigen US-Regionalkommandanten David Petraeus zur Stellungnahme vor, dann soll sie an das Pentagon und die NATO-Führung weitergeleitet werden.

Die Einschätzung McChrystals war von der US-Regierung mit Spannung erwartet worden. Das Pentagon hatte zwar im Vorfeld mitgeteilt, McChrystals offizielle Einschätzung werde keine Anforderung zusätzlicher Truppen enthalten, doch rechnet Washington in den kommenden Monaten trotzdem mit einer entsprechenden Anfrage. Bis Jahresende hat US-Präsident Barack Obama die Entsendung von rund 21.000 zusätzlichen US-Soldaten an den Hindukusch angeordnet. Damit würde die Zahl der US-Streitkräfte in Afghanistan auf 68.000 steigen.

NATO-General: Bevölkerung muss gewonnen werden
Ohne die Unterstützung der afghanischen Bevölkerung für das internationale Engagement in Afghanistan müsse die NATO freilich einen Abzug aus dem Land erwägen. Diese Ansicht vertritt der deutsche General Egon Ramms. "Die Bedrohung liegt da, dass es den Taliban möglicherweise gelingt, uns die Bevölkerung zu entwinden", sagte der Befehlshaber des NATO Allied Joint Force Command in Brunssum dem ARD-Hörfunkstudio Südasien während einer Reise durch Afghanistan. "Wenn wir die Unterstützung der Bevölkerung nicht gewinnen, müssen wir ernsthaft darüber nachdenken, ob wir das Land nicht verlassen müssen."

Schwerste Zeit seit Beginn des Krieges
100.000 Soldaten erleben gegenwärtig ihre schwerste Zeit seit dem Beginn des Krieges vor acht Jahren. Seit März sind mehr westliche Soldaten gestorben als von 2001 bis 2004 zusammen. Bereits unter Präsident George W. Bush hattenen die USA angefangen, ihre Truppen in Afghanistan zu verstärken, diese Strategie wird inzwischen von seinem Nachfolger Barack Obama verstärkt fortgesetzt. Insbesondere amerikanische und britische Soldaten sind in den vergangenen Monaten in die südlichen Hochburgen der Taliban vorgedrungen und haben dabei die schwersten Verluste des Krieges erlitten. Obama hat Afghanistan bekanntlich zu einem zentralen Schwerpunkt seiner Außenpolitik erklärt.

Taliban-Doppelstrukturen gefährden Demokratieprojekt
Auch ein Militärberater von McChrystal erklärte, dass die Taliban immer mehr Rückhalt in der Bevölkerung finden. Sie führten parallel zu Einrichtungen der Regierung bereits eigene Gerichte und Krankenhäuser, sagte David Kilcullen am Montag. Die Bevölkerung wende sich in immer mehr Fragen an die Taliban, warnte er. Wegen einer gestohlenen Ziege oder eines Fahrrads zur Polizei zu gehen, käme niemandem in den Sinn. Im Süden bestehe ein Netz von 15 Gerichten, die den Gesetzen der Scharia folgten.

Noch viele Jahre ohne Frieden
Kilcullen rief die Regierung in Kabul auf, die Korruption in den eigenen Reihen verstärkt zu bekämpfen und die Versorgung der Bevölkerung zu verbessern. Ihm zufolge werden die schweren Kämpfe in Afghanistan noch mindestens zwei Jahre anhalten. Dann bestehe die Hoffnung, dass die Aufständischen unter dem militärischen Druck zu Verhandlungen bereit seien. Danach müsse drei Jahre lang eine effektive afghanische Regierung aufgebaut werden, gefolgt von fünf Jahren, in denen die westlichen Truppen zum Schutz noch im Land bleiben müssten.

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