Venedig- Sieger "Faust" erfindet einen Klassiker neu

11.01.2012, 14:53
Foto: Polyfilm Verleih
Ein Film, der wirkt, als wäre er aus der Zeit gefallen, ein bizarres, fast atemloses künstlerisches Experiment, das einen sprachlos hinterlässt und nicht so schnell aus dem Kopf gehen wird: "Faust"  (Kinostart: 13. Jänner) von Alexander Sokurow, der in Venedig den Goldenen Löwen gewonnen hat. Mit Johannes Zeiler und Georg Friedrich sind auch zwei österreichische Darsteller mit von der Partie, Zeiler in der Hauptrolle des verzweifelten Universitätsgelehrten Doktor Faustus.

Zeiler, eigentlich im Wiener Schauspielhaus beheimatet und einst auch Mitglied in Peter Steins Faust- Ensemble, stattet seine Figur mit einer gewissen Hilflosigkeit im Alltag und einem rastlosen Streben nach Allmacht und Allwissen aus, nach Liebe und Geld und allem eben, was die Welt im Innersten zusammenhält.

Dass Faust bei seinem Versuch, an Geld zu kommen, beim wuchernden Pfandleiher (Anton Adasinsky) landet und diesem - einem ungelenken, alles andere als intellektuellen Mephistopheles - schließlich seine Seele verkauft, scheint schließlich kaum mehr eine freie Entscheidung, sondern schiere innere Notwendigkeit. "Es geht natürlich um Macht und Wissenserwerb bis zur Potenz", fasst Zeiler zusammen, "aber das immer verbunden mit den elementaren Bedürfnissen des Menschen."

Angesiedelt ist der gesamte Film im 19. Jahrhundert, in einer kleinen dreckigen Stadt, in der Krankheit und Tod ebenso selbstverständlich sind wie Gewalt und Krieg. Sokurow drehte die freie Adaption des Goethe- Stoffs im ungewöhnlichen 4:3- Format mit abgerundeten Ecken, die Farbgebung ist erdig, die Optik vielfach verschoben. Gedreht wurde auf Deutsch, obwohl Sokurow die Sprache kaum versteht. "Das war bei den Dreharbeiten kaum ein Thema", so Zeiler, "außer wenn er gesehen hat, dass die Lippen ein bisschen lasch werden, dann hat er mehr Disziplin eingefordert."

Das sagt "Krone"- Kinoexpertin Christina Krisch zum Film: Nach "Moloch" über Hitler, "Taurus" über Lenin und "The Sun" über den japanischen Kaiser Hirohito ist dies der letzte Teil von Alexander Sokurows filmischer Tetralogie über die Mythen der Macht und deren Missbrauch. Durch düstere mittelalterliche Gassen, getaucht in die schlammigen Farben der Kloake, lässt er seinen Faust streifen, der in Person des österreichischen Theaterschauspielers Johannes Zeiler seine geniale Umsetzung findet. Mit seiner wuchtigen Adaption, die Texte nur fragmentarisch aus Goethes Original entlehnt und hinter dem Klassiker die niedrigsten Instinkte auslotet, verquickt Sokurow zutiefst russische Metaphern mit der deutschen Sprache und gewann mit seinem visuellen "Faustschlag" den Goldenen Löwen in Venedig 2011.

AG/Kronen Zeitung
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