Mi, 22. November 2017

Zunehmend maulfaul

18.04.2017 10:38

Teenager tippen lieber anstatt zu telefonieren

Telefonieren ist out - Texten in. Zumindest bei der Gruppe der unter 17-Jährigen, weiß Digital-Experte Gerald Lembke. "Alle Studien zeigen, dass das Telefon kaum noch genutzt wird", so der in Mannheim lehrende Professor für Digitale Medien gegenüber der Deutschen Presse-Agentur. "Über alle Altersgruppen hinweg wird im Schnitt gerade mal acht Minuten täglich telefoniert - bei der Gruppe der bis zu 17 Jahre alten Nutzer ist die Zeit aber kaum noch erfassbar." Viele von ihnen kommuniziert stattdessen nur noch per Text- oder Sprachnachricht.

Der 15-jährige Hamburger Autor Robert Campe sieht darin keinen Widerspruch. "Klar, das Telefonieren nimmt ab", sagt er. "Ich telefoniere auch nur noch, wenn ich mal sehr schnell Informationen brauche." Doch das Versenden von Sprach- oder Textnachrichten sieht er als eine andere Form des traditionellen Telefonats. In seinem gerade erschienenen Buch "What's App, Mama?" beschreibt der Schüler das Lebensgefühl der Smartphone-Teenager. Gefühle werden kaum noch per Stimme, sondern non-verbal ausgedrückt. "Dafür gibt es ja Emojis", sagt er mit Hinweis auf die kleinen Symbolbilder, die Freude, Wut, Verärgerung oder Überraschung ausdrücken sollen. Und für die Mimik gibt es Selfie-Videos, die der Absender von sich macht.

Digital-Experte Lembke sieht die Entwicklung durchaus kritisch: "Das Digitale verdrängt das Soziale - und schwächt die Persönlichkeit der Jugendlichen", sagt Lembke. Auf der sozialen Ebene sieht er kaum noch Austausch, sondern eine Art Einbahnstraßen-Kommunikation. "Ich-Botschaften" stünden anstelle von Inhalt und Dialog im Vordergrund. "Es findet kein Austausch der Argumente mehr statt und öffnet zudem Tür und Tor für Missverständnisse und Missbrauch aller Art."

"Droge der permanten Vernetzung"
Christoph Erdmann sieht das ähnlich. Er ist der Mann, der das Handy von Bundeskanzlerin Angela Merkel abhörsicher macht. Der 43-Jährige ist Geschäftsführer einer Firma, die sich mit viel Aufwand auf verschlüsselte Telefonate spezialisiert hat. Doch ausgerechnet im eigenen familiären Umfeld hisst der Experte für Datensicherheit mitunter die weiße Flagge. Denn seine Tochter gibt wie viele andere ihrer Generation auch per Smartphone bereitwillig Teile des Privaten preis. "Diese Generation reflektiert die Schutzbedürftigkeit der Privatsphäre nicht mehr, weil sie mit der Droge der permanten Vernetzung überrannt wird", sagt der Verschlüsselungs-Experte.

So wie er äußerten sich vergangenen Monat auch andere Fachleute auf der IT-Messe CeBIT skeptisch zur "Unbedarftheit" von Jugendlichen. Deren Kommunikationsgewohnheiten würden "Gucklöcher in ihre persönliche Welt reißen", sagt Erdmann. So machten sie sich angreifbar für alle Arten von Mobbing.

Selbst Jung-Autor Campe rät mit Blick auf allzu freizügige Preisgabe von Daten oder Bildern: "Man sollte sich grundsätzlich schon überlegen, ob man das in ein, zwei Jahren auch noch cool findet." Wie aber sollten Eltern mit derlei Risiken umgehen? Experten wie Lembke empfehlen Kommunikation mit dem Nachwuchs, ganz ohne Smartphone. Denn der ist oft auf der Suche nach Aufmerksamkeit, die er in Chat-Gruppen kaum geboten bekommt - eine Chance für Eltern, das Bewusstsein der Jugendlichen für die Problematik zu schärfen.

Sättigungsgefühl
Campe sieht es ähnlich. "Es wäre hilfreich, wenn die Eltern ungefähr wüssten, was ihre Kinder da machen, denn aus der Ungewissheit entsteht oft Angst bei den Eltern." Er hält aber auch "ein ernstes Wörtchen" der Eltern zu den Risiken der schönen neuen Digitalwelt nicht für verkehrt. Digital-Experte Lembke hat sogar schon Ansätze einer Gegenbewegung ausgemacht. "Die Jugendlichen fühlen sich spätestens nach der 3000. WhatsApp-Nachricht irgendwann auch mal gesättigt", meint er. "Viele schalten daher ganz bewusst auch einfach mal ihr Smartphone ab."

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