Di, 20. Februar 2018

Joghurt tut's auch

12.09.2008 10:20

Probiotischer Schummel und Vitamin-Wahnsinn

Glaubt man der Werbung, steigern nur probiotische Joghurts die Immunabwehr, Fischöle sind gut fürs Herz und ohne künstliche Vitaminzusätze wären wir schlapp und würden schneller altern. Doch stimmt das wirklich? Fakt ist: Die meisten angereicherten Produkte sind unnötig, manche sogar gefährlich. Gesünder und billiger sind natürliche Lebensmittel.

Die Ernährungswissenschaftlerin Annette Sabersky erklärt in ihrem Buch „Functional Food – 99 verblüffende Tatsachen“, warum angeblich gesunde Designer-Lebensmittel aus dem Supermarkt für die Gesundheit nicht notwenig oder sogar gefährlich sind. Hier das Wichtigste im Überblick:

Normales Joghurt tut’s auch
Die Grundidee hinter probiotischen Lebensmitteln ist, dass der Darm von möglichst günstigen Bakterien besiedelt wird, die helfen, das Immunsystem gegen Infektionen und Darmerkrankungen zu stärken. Dabei handelt es sich um Bakterien mit den Namen Lactobacillus acidophilus, Lactobacillus casei oder Bifidobacterium bifidum. Die Begründung für den Einsatz von probiotischen Bakterien, schreibt Sabersky, ist, dass sie gegenüber Gallen- und Magensäure resistent seien und den Gang durch den Darm besser überstehen. Tatsächlich werden die natürlicherweise im Joghurt oder Topfen vorkommenden Milchsäurebakterien teilweise inaktiviert. Aber eben nur teilweise. Rund 15 Prozent erreichen den Darm und können dort ihre Wirkung entfalten. Deshalb: Ein normales Joghurt ist genauso gut für den Darm wie ein probiotisches und kostet weniger.

Zitierte Studien nicht aussagekräftig
Die Anpreisung probiotischer Produkte ist ebenfalls nicht ganz ehrlich. So weisen Anbieter solcher Lebensmittel gerne darauf hin, dass die Wirksamkeit in zahlreichen Studien bewiesen worden sei. Fakt ist: Die Studien beziehen sich zumeist auf einen isolierten Keim im Labor oder die Anwendung in einem Medikament, das wesentlich höhere Mengen an Lactobazillen in sich hat. Zum Beispiel wurde nachgewiesen, dass der Lactobacillus rhamnosus GG (kurz LGG) vor infektiösen Durchfällen schützt. Doch für die mit den Bakterien angereicherten Lebensmittel liegen kaum Studien vor – und wenn doch, so wurden sie von den Firmen selbst durchgeführt.

Noch eine eklige Kleinigkeit, die nie erwähnt wird: Die gebräuchlichen Probiotika enthalten Bakterien, die aus menschlichen Fäkalien gewonnen werden. Das ist aber unbedenklich, weil die Bakterien, sobald sie isoliert sind, unter hygienischen Laborbedingungen weitergezüchtet und biotechnisch weiter verfeinert werden.

Todesfälle durch Probiotika
Laut einer kürzlich im „Lancet“ veröffentlichten US-Studie mit 298 Menschen, die an Pankreatitis (akute Bauchspeicheldrüsenentzündung) litten, können Probiotika für diese Patientengruppe sogar zur tödlichen Gefahr werden. Den Patienten waren mittels Magensonde und über den Mund verschiedene probiotische Kulturen zugeführt worden. Man wollte überprüfen, ob die Mittel günstig auf die Erkrankung wirkt. 16 Prozent der Teilnehmer, die Probiotika verzehrt hatten, verstarben. In einer Placebo-Gruppe, die ein Scheinmedikament bekamen, starben nur sechs Prozent. Die Experten betonen, dass Probiotika keine harmlosen Nahrungsergänzungsmittel sind, vor allem nicht für Menschen mit schweren Erkrankungen.


Warum so mancher Vitamin-Zusatz in Lebensmitteln fraglich ist und du auch auf mit Omega-3-Fettsäuren angereicherte Butter besser verzichten solltest, erfährst du in der Infobox.

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