Das freie Wort

Die roten Fahnen werden eingezogen

Viele Bürger haben die SPÖ einst aus Überzeugung gewählt. Nicht wegen Funktionären oder Wahlkampfslogans, sondern weil sie die Partei jener Menschen war, die dieses Land mit aufgebaut haben: Arbeiter, Pensionisten, kleine Angestellte und Familien, die oft wenig hatten und dennoch ihren Beitrag leisteten. Die Sozialdemokratie war mehr als eine Partei. Sie war ein Versprechen: Leistung sollte zählen. Ein langes Arbeitsleben Würde verdienen. Wohnen leistbar bleiben. Und der Staat zuerst an jene denken, die ihn tragen. Heute erkennen viele frühere Anhänger ihre Partei kaum noch wieder. Während Pensionisten unter steigenden Lebenshaltungskosten leiden, Arbeitnehmer immer stärker belastet werden und immer mehr Familien um ihre finanzielle Sicherheit bangen, hört man vor allem Beschwichtigungen. Es werde „abgefedert“, „kalmiert“ und „konsolidiert“. Es sind Worte, die früher Hoffnung gaben, heute aber für viele Menschen nur noch wie Floskeln klingen. Kompromisse gehören zur Demokratie. Doch wenn aus Kompromissen das Aufgeben eigener Grundsätze wird, verliert eine Partei nicht nur Stimmen – sie verliert ihre Seele. Die Wahlergebnisse der vergangenen Jahre sprechen eine unmissverständliche Sprache. Besonders deutlich zeigt sich das in Graz: Die SPÖ stürzte auf historisch niedrige 5,6 Prozent ab, verlor die Hälfte ihrer Mandate und sogar ihren Klubstatus. Gleichzeitig wechselten laut Wählerstromanalyse mehr als 50 Prozent ihrer bisherigen Wähler zur KPÖ. Es ist das Zeichen einer tiefen Entfremdung. Die Arbeiter, einst das Herz der Sozialdemokratie, wenden sich ab. Auch unter Pensionisten schwindet die jahrzehntelange Treue. Vielleicht beginnt der Niedergang einer Partei nicht mit einer verlorenen Wahl, sondern an dem Tag, an dem die rote Fahne aus den Fenstern verschwindet. Die SPÖ gleicht heute einem Baum, der nach außen noch steht, dessen Wurzeln aber längst ihre Kraft verloren haben. Vielleicht wird man eines Tages mit Wehmut auf jene Zeit zurückblicken, als die Sozialdemokratie für viele Menschen weit mehr war als eine Partei, nämlich ein Stück politische Heimat, und erkennen, dass ihr Niedergang nicht mit einer verlorenen Wahl begann, sondern mit dem schleichenden Verlust der Nähe zu den Menschen, die sie einst groß gemacht und getragen haben. Das Traurigste daran ist nicht, dass Österreich eine Partei verliert. Das Traurigste ist, dass so viele Menschen ihre Partei verloren haben.

Alessandro Ferrari, Wien

Erschienen am Mi, 1.7.2026

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