Das freie Wort

Gedanken zu Muttertag und Schockkunst

Es fällt mir schwer, an einem Muttertag still zuzusehen, wie unter dem Deckmantel der „Kunstfreiheit“ Bilder entstehen, die viele Menschen nicht mehr als gesellschaftliche Kritik, sondern nur noch als offene Entwürdigung empfinden. Während in Österreich seit Jahren über MeToo, sexuelle Belästigung, Dick Pics, Gewalt gegen Frauen und strengere Strafgesetze diskutiert wird, während Frauenhäuser überfüllt sind und Alleinerzieherinnen nicht mehr wissen, wie sie Miete, Lebensmittel oder die Schulsachen ihrer Kinder bezahlen sollen, finanziert der Staat ausgerechnet mit viel Steuergeld Performances, bei denen eine nackte Frau kopfüber in einer Glocke in einem Wassertank hängt und mit „Urin“ von Besuchern „gespeist“ wird. Und das alles im Namen der Kunst. Besonders brisant: Der österreichische Beitrag zur Kunstbiennale in Venedig 2026 wird laut Bundesministerium für Kunst und Kultur mit rund 600.000 Euro Steuergeld finanziert. 600.000 Euro, während gleichzeitig bei Familien, Pensionisten, Pflege, Sozialleistungen und den Schwächsten unseres Landes permanent von Sparzwängen gesprochen wird. Ja, Kunst darf provozieren. Kunst darf aufrütteln. Kunst darf unbequem sein. Selbstverständlich habe ich Respekt vor Künstlern, Vereinen und Initiativen, die sich ehrlich für Minderheiten, Menschenrechte oder gesellschaftliche Missstände einsetzen. Aber irgendwann muss auch die Frage erlaubt sein: Wo endet Kunst – und wo beginnt die völlige Entfremdung von der Lebensrealität arbeitender Familien? Gerade am Muttertag denke ich nicht an millionenschwere Biennalen oder an sogenannte Staatskünstler, die auf Kosten der Steuerzahler in „Urin“ baden oder Nacktheit als politische Botschaft verkaufen. Ich denke an jene Frauen, die frühmorgens aufstehen, Kinder versorgen, Doppelschichten arbeiten, Angehörige aufopfernd pflegen und trotzdem nicht wissen, wie sie den nächsten Monat überstehen sollen. Ich denke an Mütter, die Gewalt erlebt haben. An Frauen, die Angst vor ihren Ex-Partnern haben. An die erschütternde Zahl der Femizide in Österreich. Allein 2025 wurden 34 Frauen getötet, 2026 kamen bis jetzt bereits acht weitere Opfer hinzu. Wie viele davon waren Mütter? Wie viele Kinder mussten ihre Mama verlieren? Und genau deshalb schmerzt es viele Menschen, wenn das Symbol der Glocke – traditionell ein Zeichen von Würde, Mahnung, Glaube und Zusammenhalt – plötzlich zur Kulisse einer Performance wird, in der der weibliche Körper erniedrigt und öffentlich in „Urin“ „ertränkt“ erscheint. Eine Glocke ruft normalerweise zum Gebet, zur Hoffnung, zum Schutz der Gemeinschaft. Sie läutet für Hochzeiten, Taufen und Begräbnisse. Sie ist ein Symbol für Heimat, Menschlichkeit und Tradition. Wenn nun ausgerechnet dieses Symbol mit nackter Erniedrigung und öffentlichem „Urin“ verbunden wird, dann darf man sich als Bürger dieses Landes ernsthaft fragen, ob hier wirklich noch ein gesellschaftlicher Mehrwert entsteht – oder nur gezielte Provokation auf Kosten jener Menschen, die diese Inszenierungen finanzieren müssen. Kunstfreiheit ist wichtig. Aber Kunstfreiheit darf nicht automatisch bedeuten, dass jede Grenzüberschreitung mit öffentlichen Millionen gefördert werden muss, während bei den Schwächsten gespart wird. Denn Muttertag bedeutet nicht Schockwirkung. Muttertag bedeutet Dankbarkeit. Opferbereitschaft. Wärme. Schutz. Geborgenheit und Liebe. Und vielleicht wäre genau das die wichtigste Botschaft an unsere Gesellschaft: Dass die Würde der Frauen nicht dort beginnt, wo man sie möglichst schockierend zur Schau stellt – sondern dort, wo man ihren täglichen Kampf endlich wieder mit Respekt, Anstand und echter Unterstützung behandelt.

Alessandro Ferrari, Wien

Erschienen am Di, 12.5.2026

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