Mit dem neuen Film „Nürnberg“ mit Russell Crowe rückt Hermann Görings letzter großer Auftritt erneut ins Zentrum: Wie Hitlers Stellvertreter seine Gefangennahme selbst inszenierte, in Nürnberg zur dominierenden Figur wurde – und dem Galgen am Ende doch entkam.
Der „Reichsmarschall“ stellte sich der US-Army mit großem Gepäck: Bei sich hatte er sechzehn Koffer mit seinem Monogramm, eine rote Hutschachtel und seinen persönlichen Diener Robert Kropp. Er schüttelte dem US-Offizier, der ihn verhaftete, die Hand, grüßte ihn höflich und sprach mit ihm in jenem guten Englisch, das er sich mehr als 25 Jahre zuvor in Dänemark und Schweden angeeignet hatte.
Hermann Göring wurde am 6. Mai 1945 durch US-Truppen gefangengenommen; er war damals 52 Jahre alt. Bereits seit Ende April 1945 hatte sich Göring im Raum Süddeutschland aufgehalten. Gefangengenommen wurde er schließlich in der Nähe von Radstadt im Salzburger Land. Göring war nicht aufgespürt worden, er hatte seine Gefangennahme gezielt geplant. Er wollte auf keinen Fall der Roten Armee in die Hände fallen, er wollte zu den Amerikanern. Bis wenige Tage vor Hitlers Selbstmord am 30. April 1945 war Hermann Göring noch dessen Stellvertreter gewesen und damit offiziell die Nummer zwei im NS-Reich.
Göring wurde zuerst auf Schloss Fischhorn bei Zell am See interniert
Die Soldaten der US-Army staunten nicht schlecht, wie sich Göring ihnen präsentierte: Er trug seine Uniform, war mit all seinen Orden dekoriert und hatte zum Erstaunen der Anwesenden rote Fingernägel. Auch sein Habitus passte so gar nicht zu einem Kriegsverbrecher auf der Flucht. Göring trat äußerst selbstbewusst und fast schon theatralisch auf. Er begrüßte die Soldaten respektvoll und machte zugleich klar, dass er selbst eine ebenso respektvolle Behandlung erwartete. Der NS-Funktionär gab sich als hochrangiger Staatsmann und wichtiger Gesprächspartner. Er war redselig und kommunikativ und zeigte sich kooperativ.
Der Offizier, der ihn gefangengenommen hatte, war gegenüber dem kooperativen Gefangenen beinahe überfreundlich. Auf Schloss Fischhorn bei Zell am See – der ersten Station, an der Göring in Gewahrsam genommen wurde – durfte Hitlers ehemaliger Stellvertreter sogar mit Pressevertretern sprechen. Göring präsentierte sich in diesen Gesprächen als angenehmer Gesprächspartner und versuchte dabei, seine Rolle im NS-Regime herunterzuspielen.
Die Ärzte der US-Army führten bei Göring sofort einen Entzug durch
General Dwight D. Eisenhower, Oberbefehlshaber der alliierten Streitkräfte, erkannte jedoch sofort, welche Show Göring auf Schloss Fischhorn abzog. Er ließ die Interviews bis auf eines einziehen und den Gefangenen in jenes Hotel in Luxemburg bringen, in dem die hochrangigen Nazis untergebracht waren. Dort traf Göring mit dem Psychiater Douglas Kelley zusammen, der im Film von Rami Malek gespielt wird.
Die erste Aufgabe des Arztes bestand darin, beim jahrzehntelangen Morphinisten und Paracodein-Abhängigen Göring einen Entzug durchzuführen. Gleichzeitig setzte man den 120-Kilo-Gefangenen auf eine Crash-Diät. Gesundheitlich wiederhergestellt sollte Göring beim Nürnberger Prozess erscheinen.
Er war manipulativ und zeigte keinerlei Reue
Dass Hitlers Mann fit, konzentriert und zum ersten Mal seit Jahrzehnten drogenfrei vor Gericht erschien, hatte für die Nürnberger Prozesse einen ungeahnten Effekt: Göring lief zur Höchstform auf. Während der Gefangenschaft – und später vor Gericht – zeigte er eindrucksvoll, wie aus einem gefeierten Fliegerhelden des Ersten Weltkriegs einer der mächtigsten Männer des „Dritten Reiches“ hatte werden können. Er war hochintelligent, rhetorisch brillant, skrupellos und besaß ein außergewöhnliches Gespür für Dynamiken innerhalb einer Gruppe. Unter den Gefangenen wurde Göring sofort zur dominierenden Figur. Er manipulierte, beeinflusste und kontrollierte – und zeigte dabei keinerlei erkennbare Reue.
Görings Auftritt in Nürnberg war die Selbstinszenierung eines erfahrenen Machtpolitikers. Göring wollte nicht als Kriegsverbrecher erscheinen, sondern als Staatsmann, als rationaler Gesprächspartner, als jemand, der „im Interesse seines Landes“ gehandelt habe. Genau dieses Bild versuchte er während des gesamten Prozesses konsequent aufzubauen. Persönliche Verantwortung wies er zurück, seine Rolle im NS-System spielte er herunter. Immer wieder rechtfertigte er Entscheidungen des Regimes als angeblich notwendige Maßnahmen in einer außergewöhnlichen Kriegssituation. Göring präsentierte sich nie als Täter, sondern als Politiker, der unter extremen Bedingungen gehandelt habe.
Die Erkenntnis des Psychiaters: Die Angeklagten sind völlig normal
Für die Anklage war Göring der schwierigste Angeklagte. Er war schlagfertig, medienerfahren und daran gewöhnt, Macht auszuüben und öffentliche Räume zu dominieren. Unangenehmen Fragen wich er nicht einfach aus. Stattdessen überlagerte er diese sie mit langen Erklärungen, Gegenargumenten und politischen Rechtfertigungen. Immer wieder versuchte Göring, den Nürnberger Prozess von einer moralisch-juristischen Abrechnung über NS-Verbrechen in eine politische Debatte umzudeuten. Kurzfristig gelang ihm das rhetorisch durchaus. Natürlich nicht juristisch: Denn trotz aller Selbstsicherheit und aller Inszenierung blieb die Beweislast gegen Hermann Göring erdrückend.
Besonders aufmerksam beobachtete der Militärpsychiater Douglas Kelley Görings Verhalten, ebenso das der anderen Angeklagten. Der Psychiater hatte erwartet, bei den führenden Nationalsozialisten schwere psychische Störungen oder Anzeichen von Wahnsinn festzustellen. Stattdessen machte er eine erschütternde Erkenntnis: Viele der Angeklagten wirkten psychologisch betrachtet völlig normal. Gerade das beunruhigte ihn zutiefst. Menschen ohne offensichtliche psychische Erkrankung konnten zu schwersten Verbrechen fähig sein. Nach monatelangen Gesprächen mit den NS-Funktionären formulierte Kelley schließlich einen Satz, der bis heute zu den bekanntesten Aussagen über Nürnberg gehört: „Das Erschreckendste ist, dass diese Männer nicht verrückt sind.“ Auffällig war für Kelley außerdem, wie konsequent viele Angeklagte ihre Taten von ihrem eigenen Selbstbild trennten
Warum war Göring der „gefährlichste Mann“?
Göring nahm für Douglas Kelley eine Sonderstellung ein. Kelley beschrieb ihn als außergewöhnlich intelligent, charismatisch und hochmanipulativ – als einen Mann ohne erkennbare Reue, der selbst im Gefängnis noch Einfluss auf andere Angeklagte ausübte und sie dominieren konnte. Über Göring selbst urteilte Kelley, dieser sei „der gefährlichste Mann – nicht wegen Wahnsinns, sondern wegen seiner Persönlichkeit“.
Am 1. Oktober 1946 wurde das Urteil gegen Hermann Göring verkündet. Das Internationale Militärtribunal sprach ihn in allen vier Anklagepunkten schuldig: Verschwörung gegen den Frieden, Verbrechen gegen den Frieden, Kriegsverbrechen sowie Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Das Strafmaß lautete Tod durch den Strang. Göring war damals 53 Jahre alt.
Nach außen nahm er das Urteil ruhig und kontrolliert auf. Die Art der Hinrichtung akzeptierte Göring allerdings nicht. Für den ehemaligen Reichsmarschall galt Hängen als unehrenhaft. Göring verlangte eine Exekution durch Erschießen – er wollte nicht wie ein gewöhnlicher Verbrecher am Galgen enden.
Hatte Göring eine Zyankalikapsel in seinem Nabel versteckt gehabt?
Dazu kam es jedoch nicht. Die Hinrichtung war für den 16. Oktober 1946 angesetzt. Doch bereits in der Nacht davor, am 15. Oktober, entzog sich Göring dem Urteil. In seiner Gefängniszelle nahm er eine Zyankali-Kapsel ein und starb wenige Stunden vor der geplanten Exekution. Bis heute ist nicht geklärt, wie er an das Gift gelangen konnte. Die Sicherheitsvorkehrungen im Gefängnis waren streng. Die Gefangenen wurden permanent überwacht und regelmäßig durchsucht, nach früheren Selbstmordversuchen anderer NS-Funktionäre sogar noch intensiver als zuvor.
Dennoch existieren bis heute verschiedene Theorien. Manche Historiker vermuten, Göring habe die Kapsel bereits seit seiner Festnahme verborgen gehalten – etwa in Kleidung oder persönlichen Gegenständen. Andere halten es für wahrscheinlicher, dass ihm jemand aus dem Wachpersonal geholfen habe. Einzelne Forscher vertreten sogar die These, Göring habe das Gift zeitweise in seinem Nabel versteckt. Eine endgültig gesicherte Erklärung gibt es bis heute nicht.
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