Nationalbank-Gouverneur Martin Kocher war von der am Mittwoch veröffentlichten Schnellschätzung von 2,0 Prozent für die Jänner-Inflation „positiv überrascht“. „Wir haben gewusst, dass die Inflationsrate sinken wird, aber es war dann doch etwas stärker als erwartet“,betonte Kocher am Freitag. Zudem wagte der Ex-ÖVP-Minister eine Prognose für das restliche Jahr.
Kocher geht davon aus, dass sich die Entwicklung im Jahresverlauf „ungefähr im Rahmen dieser 2 Prozent“ bewegen wird.
Energiemarkt als Hauptgrund für starken Rückgang im Jänner
Ursprünglich hätten viele Experten mit Werten um 2,6 oder 2,7 Prozent gerechnet. Ein wesentlicher Grund für die Punktlandung auf dem EZB-Ziel von 2,0 Prozent sei die Entwicklung der Energiepreise, die weniger stark gestiegen oder sogar stärker gesunken seien als von vielen angenommen. Zudem sei der preistreibende Basiseffekt durch das Auslaufen der Strompreisbremse nun statistisch nicht mehr relevant.
Nationalbank: Prognose für 2026 wird gesenkt
Für das Gesamtjahr 2026 zeichnet sich eine Korrektur der OeNB-Erwartungen ab. Im Dezember war die Nationalbank noch von einer Jahresinflation von 2,4 Prozent ausgegangen. „Die werden wir nach unten korrigieren müssen“, kündigte der Gouverneur an. Neben den aktuellen Energiedaten seien in der alten Prognose auch dämpfende Faktoren wie die geplante Senkung der Lebensmittel-Mehrwertsteuer zur Jahresmitte noch nicht enthalten gewesen. Kocher geht davon aus, dass sich die Entwicklung im Jahresverlauf „ungefähr im Rahmen dieser 2 Prozent“ bewegen wird.
Neuer Warenkorb dämpft Teuerung
Ein technischer Faktor habe die Jänner-Rate zusätzlich gedrückt: Sie wurde bereits auf Basis des alle fünf Jahre erneuerten Warenkorbs berechnet. Dieser berücksichtigt, dass Konsumenten bei hohen Preisen auf günstigere Produkte ausweichen, was inflationsdämpfend wirkt.
Wenn dieser Warenkorb-Effekt substanziell war, dann heißt das auch, dass wir in den letzten Monaten die Inflationsrate überschätzt haben.
Warnende Worte fand Kocher hingegen in Richtung politischer Eingriffe: Man dürfe nicht den Schluss ziehen, „dass Preisfestlegungen im großen Stil die Inflationsrate langfristig nach unten bringen“.
Hohe Sparquote und gedämpfte Kauflust
Trotz der sinkenden Inflation rechnet Kocher nicht mit einem sofortigen Anspringen des Konsums. Die Stimmung sei weiterhin gedrückt, da sich das Preisniveau in den letzten Jahren „massiv erhöht“ habe. Zwar seien auch die Einkommen gestiegen, psychologisch wirke der Preisschock aber noch nach, was zu einer Kaufzurückhaltung und einer Sparquote führe, die „viel, viel höher ist als normalerweise“. Bis dieser „Preisniveau-Effekt“ verdaut ist und sich die Konsumstimmung wieder vollständig erholt, könnte es laut dem Nationalbank-Gouverneur noch „durchaus ein, zwei Jahre dauern“.
Kocher dämpft Erwartungen
Beim längerfristigen Ausblick dämpfte Kocher die Erwartungen. „Wir müssen uns daran gewöhnen, dass die Wachstumszahlen geringer sein werden als in den letzten zehn, zwanzig Jahren“. Als Hauptgrund nannte der Gouverneur die Demografie, da das Bevölkerungswachstum als Treiber der Wirtschaftsleistung in Europa „gegen null geht“. Das sogenannte Potenzialwachstum – also das langfristig mögliche Wachstum bei normaler Auslastung – liege in Österreich derzeit bei „0,8 bis 0,9 Prozent“. In Deutschland sei dieser Wert sogar auf unter 0,5 Prozent gesunken. Ein Wohlstandsverlust gehe damit aber nicht zwingend einher: „Das Pro-Kopf-Potenzialwachstum, das hat sich nicht großartig verändert.“
Zwar sind auch die Einkommen gestiegen, psychologisch wirkt der Preisschock aber noch nach, was zu einer Kaufzurückhaltung und einer Sparquote führen.
Martin Kocher
Zur Debatte um Vermögenssteuern blieb Kocher zurückhaltend, dies sei eine politische Entscheidung. Er verwies jedoch auf Daten der Notenbank: „Die Ungleichheit, die wir messen, hat sich in den letzten 10 bis 15 Jahren nicht verändert“, so Kocher.
Euro als „sicherer Hafen“
Auf den Devisenmärkten beobachtet die Nationalbank eine relative Stärke der Gemeinschaftswährung. Der Euro werde aktuell stärker als „sicherer Hafen“ gesehen als noch vor ein, zwei Jahren, analysierte Kocher. Zwar schade ein starker Euro den Exporteuren leicht, er verbillige aber Importe und dämpfe damit die Inflation. Die Schwäche des US-Dollars sei auch eine Folge politischer Ankündigungen in den USA, etwa im Zollbereich. Für die Zinsentscheidungen der EZB sei der Wechselkurs nicht die entscheidende Variable – das bleibe die Inflationsprognose.
Digitaler Euro wohl erst 2029
Beim Projekt des digitalen Euro dämpfte Kocher Erwartungen an eine rasche Einführung. Ein Beschluss des EU-Parlaments werde für Mai erwartet, erste Transaktionen könnten dann im Jahr 2029 möglich sein. Die OeNB gehört zu sechs Notenbanken, die derzeit Vorbereitungsarbeiten wie Programmierung leisten. Der digitale Euro sei kein Ersatz für Bargeld, sondern eine notwendige Ergänzung, um europäische Souveränität im Zahlungsverkehr zu sichern. Derzeit hänge man in Österreich fast vollständig von nicht-europäischen Kreditkartenanbietern ab. Mehr Wettbewerb durch eine europäische Lösung könnte auch die Gebühren senken.

Goldreserven als „Stille Reserve“
Angesprochen auf den gestiegenen Goldpreis stellte Kocher klar, dass die OeNB ihre Bestände von 280 Tonnen derzeit weder aufstocken noch reduzieren wolle. Die Gewinne durch den Preisanstieg würden nicht in der Gewinn-und-Verlust-Rechnung aktiviert, sondern blieben als „Stille Reserven“ in der Bilanz. Vorschlägen, Gold zur Tilgung von Staatsschulden zu verkaufen, erteilte der Gouverneur eine Absage. Dies sei im Eurosystem rechtlich schwierig und ökonomisch wenig sinnvoll, da der Wert des Goldes weit geringer sei als der Schuldenstand der Republik.
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