Der Kreml lockt gezielt Arbeiter nach Russland, um sie für Kampfhandlungen an der Front in der Ukraine missbrauchen zu können. Dies unter anderem, indem ein Job als Reinigungskraft oder Koch in Moskau in Aussicht gestellt wird.
In dem üppigen Grün des Verwaltungsdistrikts Lakshmipur im Südosten Bangladeschs hat fast jede Familie mindestens ein Mitglied, das als Gastarbeiter im Ausland beschäftigt ist. Jobknappheit und Armut haben dies unverzichtbar gemacht. Väter begeben sich auf jahrelange Reisen für Wanderarbeit und kehren nur für kurze Besuche nach Hause zurück – gerade lange genug, um ein weiteres Kind zu zeugen, das sie wahrscheinlich jahrelang nicht wiedersehen werden. Söhne und Töchter unterstützen ganze Familien mit im Ausland verdientem Einkommen.
Eine Untersuchung der Nachrichtenagentur „Associated Press“ brachte nun ans Tageslicht, dass sich Russland die Aussichtslosigkeit der Arbeiter zunutze macht. Unter dem falschen Versprechen ziviler Tätigkeiten werden sie in das Land gelockt, nur um dann in das Chaos der Kämpfe in der Ukraine geworfen zu werden. Viele werden mit Gewalt, Inhaftierung oder dem Tod bedroht.
Job als Reinigungskraft
Zum Opfer dieser unvorstellbaren Skrupellosigkeit wurde mitunter der 31-jährige Maksudur Rachman. Dieser habe nach seiner Rückkehr aus Malaysien nach Bangladesch verzweifelt nach einem neuen Job gesucht – und sei in Russland fündig geworden. Für Reinigungstätigkeiten in einem „Militärlager“ sei ihm ein Monatslohn in Höhe von 1000 Dollar (825 Euro) bis 1500 Dollar (1250 Euro) sowie ein Daueraufenthaltstitel versprochen worden. Um die Arbeit überhaupt antreten zu können, habe Rachman seinem Agenten fast 10.000 Dollar (8350 Euro) zahlen müssen – eine unvorstellbare Summe für ihn, er musste demnach einen Kredit aufnehmen.
In Moskau angekommen, sei ihm der angebliche Arbeitsvertrag vorgelegt worden. Danach habe er ein dreitägiges Militärtraining absolviert und eine Waffe ausgehändigt bekommen. Die Tätigkeit als Reinigungskraft konnte er dann aber nicht antreten. Stattdessen soll er laut den vorliegenden Informationen mitten im Krieg in der Ukraine gelandet sein.
Rachman erzählt, gemeinsam mit anderen Männern aus Bangladesch zum Errichten von Schützengräben gezwungen worden zu sein. Als er dem Kommandanten erklärte, dass dies nicht die Arbeit sei, der er zugestimmt hatte, antwortete dieser über einen Übersetzer: „Ihr Agent hat Sie hierhergeschickt. Wir haben Sie gekauft.“ Sieben Monate später sei er schließlich wegen einer Verletzung am Bein in ein Krankenhaus in der Region Moskau gebracht worden.
Von dort sei er geflüchtet und zur Bangladeschischen Botschaft in Moskau gefahren. Infolge hätte man ihm beim Verlassen des Landes geholfen. Ein paar Monate später habe er einem Verwandten, der dasselbe Schicksal erlitten hatte, unterstützt – dieser sei dann ebenfalls aus dem Krankenhaus zur Bangladeschischen Botschaft geflohen.
Stelle als Wäschereimitarbeiter
Salma Akdar hat seit dem 26. März nichts von ihrem Ehemann gehört. In ihrem letzten Gespräch habe er ihr mitgeteilt, dass er an die russische Armee verkauft worden sei. Das Paar hat zwei Söhne im Alter von sieben und elf Jahren. Weil er glaubte, ihm werde eine Stelle als Wäschereimitarbeiter in Russland angeboten, habe der Mann das Land verlassen. Kurz zuvor sei er aus Saudi-Arabien zurückgekehrt und hatte geplant, vorübergehend nicht im Ausland zu arbeiten, erklärte seine Ehefrau. Da er jedoch davon ausging, dass Russland gute Möglichkeiten biete, Geld zu verdienen, sei er dorthin aufgebrochen.
Bewarb sich als Koch
Mohammed Sirajs 20-jähriger Sohn Sajjad sei in dem Glauben weggezogen, er würde als Koch in Russland arbeiten. Der finanzielle Druck war groß: Er musste demnach seinen arbeitslosen Vater und seine chronisch kranke Mutter unterstützen. Weinend beschrieb Siraj, wie der Sohn zum Kriegseinsatz gezwungen wurde: Sie hätten ihn mit dem Gefängnis und dem Erschießen bedroht. In seiner letzten Nachricht habe Sajjad mitgeteilt, dass er an die Front gebracht werde, dann sei der Kontakt verstummt. Im Februar soll Siraj erfahren haben, dass sein Sohn bei einem Drohnenangriff getötet worden war.
Vorwurf des Menschenhandels
Vergangenen November berichtete die Nichtregierungsorganisation BRAC, dass Familien versuchen würden, mindestens zehn Männer nach Bangladesch zurückzuholen, die legal nach Russland gereist waren. Sie hätten eigentlich normale Jobs machen sollen, seien aber an der Front gelandet. Wie viele Bürger dieses Landes insgesamt von diesem Missstand betroffen sind, ist unbekannt. Quellen behaupteten gegenüber „Associated Press“, sie hätten „Hunderte von Bangladeschern“ an der Front gesehen. Wegen des Zwangs zur Teilnahme am Krieg wird in Bangladesch nun dem Vorwurf des Menschenhandels nachgegangen.
Laut einem Ermittler sind etwa 40 Bangladescher im Krieg in der Ukraine getötet worden. Einige von ihnen könnten sich aber freiwillig für das Militär gemeldet haben, um Geld zu verdienen. Die Familien der vermissten Personen gaben übrigens allesamt an, nie Geld aus Russland erhalten zu haben.
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