Eine Stadt am Abgrund
Drama in Niscemi: „Unser Haus fällt als nächstes!“
Manche Bewohner von Niscemi weinen, manche schweigen – und manche beten zur Schutzpatronin Madonna Santissima del Bosco. Nach sintflutartigen Regenfällen rutscht die italienische Stadt einen Hang ab. 1600 Bewohner wurden bereits evakuiert. Ihre Stimmen erzählen von Angst, Verlust – und Warten.
Roberto Disca steht mit glasigem Blick vor einem Kasten alter Möbel. Er trägt sie aus dem Haus seiner Eltern, das kaum 50 Meter vom Abrissrand entfernt liegt. „Das ist alles, was von unserem Leben übrig geblieben ist“, sagt er leise. Der Zyklon, der am Sonntag vom Meer kam, brachte nicht nur Sturm und Regen – sondern eine unheilvolle Bewegung im Inneren des Hügels, auf dem die Stadt mit ihren 25.000 Bewohnern ruht. Jetzt bricht sie Stück für Stück ab.
Die Angst lebt in den Mauern
Robertos Haus, einst Familienglück, steht am Rand des Abgrunds. „Wir werden dort nie wieder wohnen können“, sagt er, während er auf ein Foto zeigt: ein weißes Gebäude, daneben ein weiteres – eingestürzt. Es gehörte seiner Schwägerin. Der Vater von drei Kindern hatte gerade erst das Dach neu gedeckt. Jetzt bleibt nur noch die Hypothek. Und das dumpfe Grollen im Boden, das er schon Tage vor dem Unglück hörte.
Ein Viertel wird zur Geisterstadt
Im Viertel Sante Croci spielen keine Kinder mehr auf der Straße, keine Stimmen hallen durch die Gassen. Nur Feuerwehr, Zivilschutz und Carabinieri patrouillieren. „Meine Frau und ich sind nur zurück in unser Haus gekommen, um unsere Katzen zu füttern“, sagt Pensionist Fabrizio Cirrone, begleitet von Uniformierten. „In die Notunterkunft können wir sie leider nicht mitnehmen. Wir wollten auch nicht weg. Man hat es uns befohlen. Sie kamen um halb zwei Uhr nachts und sagten uns: ,Sie müssen das Haus sofort verlassen!‘ Es war furchtbar.“
Wirtschaft am Rand des Abgrunds
Auch Geschäfte mussten schließen. Massimo Blanco und sein Sohn Giuseppe haben ihr Lokal leer geräumt. Kühlanlagen, Backöfen, Vorräte – alles ist weg. Nur der Geruch von Käse hängt noch in der Luft. „Der Erdrutsch umzingelt uns“, sagt Giuseppe, völlig übernächtigt. Das Restaurant war Lebenswerk und Stolz.
Die Menschen helfen einander. Im Pflegeheim Giugno sind rund 40 der Schwächsten untergebracht. „Wir versuchen, ihnen ein Gefühl von Zuhause zu geben“, sagt Betreuerin Nunziatina Cardaci. Die Solidarität ist groß – doch das Leid ist größer.
Niscemi ist kein Fünf-Sterne-Ort, aber die Menschen sind bescheiden und helfen einander.
Nunziatina Cardaci, Pflegekraft im Heim Giugno
Gefahr wächst weiter – Experte warnt vor historischem Ausmaß
Ganze 4,7 Kilometer misst die Erdrutsch-Front bereits, und sie bewegt sich unaufhaltsam weiter in Richtung Stadt. Professor Nicola Casagli, ein führender Erdrutsch-Experte aus Florenz, ist erschüttert: „So etwas habe ich noch nie gesehen“, sagt er nach seinem Lokalaugenschein. Für ihn ist klar: Dieser Erdrutsch gehört zu den größten in Italien – „vergleichbar nur mit der Katastrophe von Vajont oder dem Hangrutsch in Ancona“.
Italiens schlimmste Erdrutsche
- Beim Unglück von Vajont in den Dolomiten löste sich 1963 eine ganze Bergflanke und stürzte in einen Stausee. Die gewaltige Flutwelle schwappte über die Staumauer und verwüstete mehrere Dörfer im Tal, fast 2000 Menschen kamen ums Leben.
- In der Hafenstadt Ancona an der Adriaküste setzte sich 1982 eine riesige Hangmasse in Bewegung: Ganze Straßenzüge rissen auf, Häuser kippten zur Seite, Eisenbahnlinien wurden unterbrochen und der Erdrutsch wälzte sich bis an die Adriaküste vor. Tausende Menschen mussten fluchtartig ihre Wohnungen verlassen. Es gab 14 Tote.
Trotzdem warnt Professor Casagli davor, zu schnell Schuldige zu suchen: „Das Zentrum von Niscemi wurde an sich sicher gebaut. Viele Häuser hier stehen schon seit Jahrhunderten.“ Einige wenige seien zwar in gefährlichem Gelände errichtet worden – doch der Regen hat auch alte Strukturen ins Wanken gebracht.
Wie es in Niscemi weitergeht, weiß derzeit niemand. Klar ist nur: Der Boden bewegt sich weiter – und damit auch die Angst. Geologen rechnen mit weiteren Abbrüchen, die sich um bis zu 30 Meter ausdehnen könnten. Das Zentrum der Stadt gilt laut Experten als stabil, doch das Vertrauen ist erschüttert. Viele Familien sind bei Verwandten untergekommen, andere wurden in Notunterkünften einquartiert.
Die Schäden werden von den Behörden auf bis zu 2,5 Milliarden Euro geschätzt. Die Regierung in Rom hat bislang 100 Millionen Euro an Soforthilfen zugesagt. Ob das vorerst ausreicht, ist offen. Klar ist nur: Niscemi wird nie mehr so sein wie zuvor – und jeder neue Regen lässt die Angst vor dem nächsten Abbruch wachsen.














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