Lee, Simon, Duncan und Antony – gemeinsam sind sie Blue. Seit mehr als 20 Jahren fester Bestandteil der Popwelt und einst verantwortlich für Herzklopfen, und kreischende Teenie-Girls. Neben Backstreet Boys, *NSYNC und Westlife gehörten sie zur Boyband-Elite der 2000er. Jetzt melden sie sich mit neuer Platte und einer 25-Years-Anniversary-Tour zurück und machen im Mai auch in Wien Halt. Wir haben uns „Reflections“ angehört – und schwelgten dabei unweigerlich in Erinnerungen ...
Die Blaumänner sind zurück! Oder besser gesagt: Duncan James, Lee Ryan, Simon Webb und Antony Costa – besser bekannt als Blue. Zum 25-jährigen Bandjubiläum melden sich die vier Briten mit ihrem neuen Album „Reflections“ zurück und gehen gleichzeitig auf große Tour.
Aktuell fühlt es sich sowieso an, als würden all unsere Teenieschwärme kollektiv aus der Versenkung auftauchen. Boygroups der 2000er feiern reihenweise ihr Comeback: Backstreet Boys, Five, Westlife. Man denkt sich kurz: „Warte … die gibt’s noch?“ Und ja – sie gibt’s. Westlife etwa stehen mit ihrer Arena-Tour bereits in den Startlöchern. Es wirkt fast so, als hätte man sich abgesprochen, wer wann nostalgisch zurückkehrt. Ein großes Boyband-Revival, das uns plötzlich wieder mitten in unsere Jugend katapultiert. Verrückt eigentlich. Aber nun denn – zurück zu Blue.
Zwischen Bad Boys und perfekten Schwiegersöhnen
Für alle, die ihr Poster längst von der Wand genommen haben: Blue wurden Anfang der 2000er zur festen Größe im Popgeschäft. Mit gefühlvollen Balladen, charmanten Harmonien und einem Image irgendwo zwischen Bad Boy und perfektem Schwiegersohn eroberten sie vor allem Europas Charts. Hits wie „All Rise“, „If You Come Back“ oder „One Love“ machten sie zu einer der erfolgreichsten britischen Boybands ihrer Zeit. Auch ihre Version von „Sorry Seems To Be The Hardest Word“ mit Elton John wurde zum Klassiker – kaum eine Casting-Show kam damals ohne diesen Song aus.
So schön diese Erinnerungen auch sind, während man sich selbst dabei erwischt, leise „One For The Money And The Free Rides … All Rise, All Rise“ vor sich hin zu singen, stellt sich trotzdem die Frage: Muss man die Vergangenheit nicht irgendwann hinter sich lassen und nach vorn blicken? Genau diesen Spagat versucht Blue mit ihrem neuen Album „Reflections“.
13 Titel umfasst das neue Werk der vier Briten. Ein Blick auf das Cover sorgt dabei erstmal für ein kleines Schmunzeln: Alle vier schauen ernst und „reflektierend“ in die Kamera, herausgeputzt in schwarzen Blazern – Tattoos und Brusthaare inklusive, zumindest auf den ersten Blick. Sexy, erwachsen, ein wenig mysteriös. Aber hält das Album musikalisch, was das Bild verspricht?
Liebe, Verlust, Reue
Schon der Opener „The Vow“ macht klar, wohin die Reise geht: Kuschel-Pop auf Anschlag. Eine Art Willkommenshymne, die sofort auf Vertrautheit setzt. Streicher, E-Gitarre im Hintergrund, klare Stimmen – alles wirkt glatt und mühelos gesungen, als würde man den Refrain schon seit Jahren kennen. Simons Stimme sticht dabei sofort heraus, warm und unverkennbar. Emotional? Ja. Überraschend? Eher nicht. „One Last Time“ bleibt dem eingeschlagenen Kurs treu, bringt aber zumindest etwas mehr Dynamik rein. Duncan eröffnet stark, Antony übernimmt, ehe Lee mit seinen typischen hohen Tönen glänzt – selbst für Musikbanausen sofort erkennbar. Inhaltlich geht es um Verlust, Reue und den Wunsch, noch ein letztes Mal alles sagen zu dürfen, was man verschwiegen hat. „I Wish I Could Hold You, One Last Time“ - große Gefühle, verpackt in einen leicht pop-rockigen Sound. Der Song funktioniert, bleibt aber belanglos genug, um problemlos im Formatradio zu landen.
Mit „You Should Know“ geht es weiter in die Richtung Herzschmerz-Schleife. Auch hier gescheiterte Beziehung, zu jung für die Liebe – alles schon tausendmal gehört. Bleibt echt schon die Frage: Könnt ihr uns auch etwas Neues erzählen? „Look What You Started“ zeigt Blue dann von ihrer dankbaren Seite. Eine Liebeserklärung an jemanden, der immer da war. Zeilen wie „Keeping Us Together Til The End Of Time“ oder „And We‘re Still Right Here, After All These Years“ wirken wie ein direkter Blick auf die eigene Bandgeschichte. Nett und ehrlich – aber wieder sehr vorhersehbar.
Sie können wirklich singen
Einer der stärkeren Momente ist „The Day The Earth Stood Still“. Kein leiser Song, sondern ein kraftvoller Poptrack mit großen Emotionen. Also wieder eine Hymne à la die Welt steht still. Hier zeigt sich, was Blue eigentlich ausmacht, warum sie so erfolgreich waren. Alle vier können nämlich wirklich singen. Jeder bekommt seinen Moment, jede Stimme ihre Farbe. Im Vergleich zu vielen anderen Boybands ist das definitiv ihre größte Stärke.
Die Tracks „Where I Come From“ und „Waste My Love“ klingen wie ein Echo früherer Zeiten. Sie starten melancholisch, bauen sich langsam auf, mit leichtem Bass, dezente Percussion und Chor im Hintergrund. Bei „All About Us“ ist es dann vorbei, die Nostalgie holt einen wieder ein. Gitarren, 2000er-Beat, sogar eine weibliche Stimme ohne Namen, sorgt für die zusätzliche Harmonie. Dieser Song erinnert sehr stark an „All Rise“ und genau das dürfte auch beabsichtigt sein, also maximal Radio-Mainstream pur. Die restlichen Songs wie „Neon Honey“ „Beautiful Spirits“ und „Soul of the Underground“ halten weiter am bekannten Blue-Sound fest. Keine Höhepunkte oder Wow-Sager, alles klingt wie geschmiert.
Der Schlusssong „Find That Feeling“ blickt dann endlich bewusst zurück – hier kommt die lang erwartete Reflexion ins Spiel. „Heard Our Song On The Radio As I Was Drivin’ Home“: Nostalgie pur. Es geht darum, alte Gefühle wiederzufinden, zurück zu den Anfängen zu gehen.
Ja, schön und gut. Trotzdem wird man das Gefühl nicht los, dass diese Songs eher Pflichtprogramm als Herzensangelegenheit sind. Kein einziger Track lässt die Jungs wirklich ausbrechen. „Reflections“ bleibt ein Good-Guy-Album durch und durch. Dabei weiß man längst, dass dieses perfekte Image nicht immer der Realität entspricht. Gerade Lee fiel in den letzten Jahren mehrfach negativ auf, unter anderem wegen Trunkenheit am Steuer und Führerscheinentzug. Genau deshalb wirkt diese makellose Fassade stellenweise etwas konstruiert. Zum 25-jährigen Jubiläum soll eben alles glattlaufen – musikalisch wie auch nach außen hin.
Fazit
„Reflections“ liefert genau das, was man von Blue erwartet – und genau darin liegt auch das Problem. Hier gibt es nichts, was wir nicht schon kennen. Viele Songs klingen wie Hymnen, sind radiotauglich, glatt produziert, aber ohne echte Höhepunkte. Ja, alle vier können singen. Ja, Lees Höhen und Simons warme Stimme gehen unter die Haut. Aber das wussten wir schon 2001 – und starke Stimmen allein reichen 25 Jahre später einfach nicht mehr. Man wünscht sich mehr Mut, mehr Brüche, mehr Geschichten. Nostalgie ist schön, keine Frage. Aber irgendwann möchte man auch wissen: Was kommt danach?
Wer aber doch noch live in Nostalgie schwelgen möchte, sichert sich die Tickets (www.oeticket.com) für ihr Wien Konzert am 13. Mai im Wiener Gasometer.
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