Charlotte Sands kommt aus einer künstlerischen Familie, sah ihren Vater in Ostküsten-Bars in Coverbands spielen und hat sich mit ihrem Emo-Pop samt persönlicher Texte längst aus dem heimischen Kokon befreit. Ihr neues Werk heißt „Satellite“ und rückt vom Alternative-Pop ab und geht Richtung Mainstream. Der „Krone“ gibt sie nähere Einblicke in das bisherige Schaffen.
Bei markanten blauen Haaren und Liebe zum Pop denkt man hierzulande eher an die steirische Popsängerin Paenda, die 2019 für Österreich beim Song Contest teilnahm. International hat die Amerikanerin Charlotte Sands wahrscheinlich einen etwas stärkeren Stand. Während der Corona-Pandemie ging sie mit der Single „Dressed“ 2020 auf TikTok viral, so richtig mit der Musik probiert hat sie es erst zwei Jahre davor. Als Einflüsse nennt sie starke Frauen wie Alanis Morissette, Bonnie Raitt oder Sheryl Crow, wer sich aber vor allem das Debütalbum „Love And Other Lies“ von 2022 genauer zu Gemüte führte, merkte schnell, dass da ein untrügliches Herz für den Pop-Punk der 2000er-Jahre schlägt und auch in ihrem Sound Einzug findet. „Ich habe mir immer vorgenommen, mich nicht zu stressen und mir ausreichend Zeit für mein erstes richtiges Album zu lassen“, erzählt sie im „Krone“-Interview, „aber da fügte sich ein Teil in den anderen und es hat einfach gepasst. Wir haben diesen Fahrtwind ausgenützt.“
Leiden im Emo-Kosmos
Gleich zweimal schlug sie – im Februar 2023 und dann nochmal im Juni 2024 - im Flex am Donaukanal auf und stellte sich auch vor österreichischem Publikum vor. An den Grundstrukturen ihrer Inhalte hat sich auch am brandneuen Album „Satellite“ wenig geändert. Liebe, Beziehungen, Herzschmerz, Streit und Versöhnung regieren im Emo-Pop-Kosmos der 29-Jährigen, die sich musikalisch aber doch deutlicher gedreht hat. In den flotten Momenten, wie etwa beim Titeltrack, hämmert ein 80er-Synthie mit viel Beat-Lastigkeit im Vordergrund, wenn es melancholischer wird, bleibt mehr Mut zum Schmalz, was angesichts der Texte durchaus passen kann. Eine gewisse Form der Leichtfüßigkeit in den Songs hat sich Sands über die Jahre bewahrt. „Es geht mir in meinen Texten auch immer darum, die Gegenwart abzubilden. Mich so zu akzeptieren, wie ich gerade bin und diese Gefühle in Lieder zu gießen.“
Die hohe Arbeitsmoral von Sands bedingt auch, dass sie in den wenigen Jahren im Musikbusiness schon ziemlich viel Musik veröffentlicht hat. Kann man sich da in alten Nummern überhaupt noch wiederfinden? „Viele der Lieder lerne ich wieder zu lieben“, lacht sie, „oft verändern sich die Bedeutungen und ich denke mir dann, dass das Lied noch immer gut passt, aber anders als es ursprünglich der Fall war.“ Wichtig ist Sands dabei live eine Tradition, die sie noch immer so gut wie möglich aufrechterhält. „Normalerweise lasse ich dem Publikum im Mittelteil einer Show immer die Chance, sich zwei Songs zu wünschen, die ich akustisch spiele. Das sind manchmal ganz alte Lieder aus 2018, dann auch wieder ganz neue. Das ist auch für mich eine Herausforderung und lässt sich immer gut in einen Showblock integrieren.“
Mit Musik aus der Isolation
Sands aktiver Zugang zur Musik begann ungefähr mit 14. „Ich hatte einerseits nicht viele Freunde und außerdem immer das Gefühl, die Menschen um mich herum würden mich nicht verstehen. Sie hätten keine Ahnung, was ich alles durchlebe, also begann ich diese Emotionen in Liedern zu verarbeiten.“ Mit steigender Fanbase erkannte Sands zunehmend, dass sie mit ihren Sorgen und Nöten nicht allein ist. Eine Vielzahl an vornehmlich jungen Frauen finden sich in den einerseits sehr persönlichen, gleichzeitig aber sehr offenen Lieder von Sands. „Diese Erkenntnis hat mich schnell aus der Art von Isolation geholt, die ich selbst manchmal verspürt habe. Ich habe die Lieder früher nur für mich geschrieben, um Dinge zu verarbeiten oder zu reflektieren. Mittlerweile weiß ich, dass es vielen ähnlich geht wie mir und ich schreibe die Songs aus einer anderen Perspektive. Das war anfangs ungewohnt, aber fühlt sich richtig und gut an.“
Das Songwriting findet bei der Sängerin aus Massachusetts in vielerlei Hinsicht unterbewusst statt. „Es ist ein bisschen so, wie wenn du eine Zwiebel schälst. Du dringst immer stärker ins Innere vor, denkst aber beim Zwiebelschälen nicht ans Schälen an sich. Ungefähr so entstehen meine Lieder. Auch aus einer gewissen Katharsis heraus, aber ich bin unheimlich froh, dass ich diese Möglichkeit des Ausdrucks für mich gefunden habe. Ansonsten würde ich ziemlich sicher alles in mich hineinfressen und das wäre nicht gesund.“ Auch „Satellite“ erscheint wieder auf einem Independent-Label, was Sands einerseits viele Freiheiten ermöglicht, andererseits stellt sich hier auch ein Problem sichtbar dar: die fehlende Eigenständigkeit. So eingängig manche Songs auch sein mögen, auch auf ihrem Zweitwerk gelingt Sands keine Emanzipation von den vielen gute Girlpop-Stimmen, die um den Thron in ihrem Genre kämpfen.
Popstar statt Friedencorps
Dass ihre Eltern Kunst und Kultur nie abgeneigt waren, war in Glücksfall für Charlotte. So war im Hause Sans immer Verständnis für die Luftschlösser der Töchter da. Dieses Verständnis wandelte sich mit der Zeit in direkt Unterstützung. „Ich musste mir nie einreden lassen, dass ich Ärztin oder Anwältin werden soll, wie es vielen meiner Freunde oder Bekannten erging. Sie haben meine Leidenschaft erkannt und immer gepusht.“ Einen Plan B gab es nicht wirklich. „Ich wäre sonst unter Garantie dem Friedenscorps beigetreten“, bekräftigt die Sängerin, „daran habe ich oft gedacht, aber die Musik lief gut genug.“ Schon vor Jahren zog sie ins Songwriting-Mekka Nashville. Interessant, dass handelsübliche Country- oder Americana-Einflüsse dessen zum Trotz noch nicht einmal im Ansatz zu hören sind. Dass es im Musikgeschäft auch rau zu gehen kann, weiß sie von ihrem Vater. „Er spielt noch immer in unterschiedlichen Coverbands. Ihn in Bars zu sehen hat mich als Kind dorthin getrieben, aber ich weiß auch, wie hart das Business ist.“ Die Zeit wird zeigen, wie weit es bei Charlotte Sands noch gehen kann …
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