„Leichen stapeln sich“

Berichte über Tausende Tote bei Protesten im Iran

Außenpolitik
11.01.2026 23:42
Porträt von krone.at
Von krone.at

Die Massenproteste im Iran halten trotz wachsender Todeszahlen, exzessiver Drohungen des Sicherheitsapparats und einer nahezu vollständigen Internetsperre weiterhin an. Laut der in den USA ansässigen Menschenrechtsorganisation HRANA wurden mittlerweile mehr als 500 Menschen getötet und über 10.600 festgenommen. Unbestätigte Berichte deuten aber auf eine deutlich höhere Opferzahl hin, einigen Quellen zufolge gibt es bereits mehr als 2000 Todesopfer.

Aktivisten zufolge weiteten sich die Demonstrationen unterdessen auf 185 Städte aus. Außerdem tauchten Videoaufnahmen auf, die Dutzende Leichen vor einer Leichenhalle südlich der Hauptstadt Teheran zeigen. Das von der Nachrichtenagentur AFP verifizierte Video, das am Samstag erstmals online veröffentlicht wurde, wurde in Kahrisak aufgenommen. Es zeigt in schwarze Säcke gehüllte Leichen, die auf dem Boden liegen. Es sind auch Menschen zu sehen, die offenbar nach ihren vermissten Angehörigen suchen.

Nach Angaben der in Norwegen ansässigen Menschenrechtsorganisation Iran Human Rights (IHR) zeigen die Aufnahmen „eine große Anzahl von Menschen, die bei den Protesten im Iran getötet wurden“. Die ebenfalls in Norwegen ansässige Menschenrechtsgruppe Hengaw erklärte, die Echtheit des Videos selbst überprüft zu haben. Die Dutzenden „blutüberströmten Leichen innerhalb und außerhalb der Leichenhalle von Kahrisak“ seien Beleg für ein „schweres Verbrechen von beträchtlichem Ausmaß“.

Eine anonyme Augenzeugin sagte dem US-Sender CNN, sie habe in einem Spital gesehen, wie „Leichen aufeinandergestapelt“ worden seien. Zwei anonyme Zeugen erklärten, dass Sicherheitskräfte mit Sturmgewehren bereits am Freitag „viele Menschen“ erschossen hätten.

Aktuelles Bildmaterial aus dem Iran ist rar – diese Aufnahme soll vom 8.1. stammen.
Aktuelles Bildmaterial aus dem Iran ist rar – diese Aufnahme soll vom 8.1. stammen.(Bild: AP/AP ( via APA) Austria Presse Agentur)
Aufnahme aus Teheran vom 9.1.
Aufnahme aus Teheran vom 9.1.(Bild: AP/AP ( via APA) Austria Presse Agentur)

Teheran droht mit Vergeltung
Nach wiederholten Warnungen von US-Präsident Donald Trump drohte Parlamentspräsident Mohammed Baqer Qalibaf mit Vergeltung. Der iranische Präsident Massoud Pezeshkian warnte „Aufrührer“ vor weiteren Demonstrationen. Es könne nicht zugelassen werden, dass diese „die Gesellschaft destabilisieren“, sagte Pezeshkian in einem am Sonntag ausgestrahlten Fernsehinterview. Die Bevölkerung rief er auf, „Vertrauen in unseren Willen zur Durchsetzung der Gerechtigkeit“ zu haben.

„Im Falle eines militärischen Angriffs durch die USA werden sowohl das besetzte Gebiet als auch die Zentren des US-Militärs und die Schifffahrt unsere legitimen Ziele sein“, sagte Parlamentspräsident Qalibaf im Staatsfernsehen. Mit „besetztem Gebiet“ bezog sich Qalibaf offenbar auf Israel, dessen Existenzrecht die Führung in Teheran nicht anerkennt.

Dieses Video soll Demonstranten in Teheran zeigen: 

Trump-Briefing zu möglichen Maßnahmen am Dienstag
Am Dienstag lässt sich Trump einem Medienbericht zufolge über die den USA zur Verfügung stehenden Optionen angesichts der Lage im Iran unterrichten. Bei dem Treffen solle es um die möglichen nächsten Schritte gehen, darunter Militärschläge, der Einsatz von Cyberwaffen gegen militärische und zivile Ziele, weitere Sanktionen sowie die Unterstützung regierungskritischer Stimmen im Internet, berichtete das „Wall Street Journal“ unter Berufung auf Regierungsvertreter.

Die Infografik zeigt die wirtschaftliche Krise und Proteste im Iran. Eine Karte markiert mehrere Protestorte im Land. Ein Liniendiagramm stellt die Inflationsrate von 2015 bis 2025 dar, mit einem starken Anstieg auf 45,8 % im Jahr 2022 und einem Wert von 42,4 % im Jahr 2025. Ein weiteres Liniendiagramm zeigt das Bruttoinlandsprodukt des Iran von 1980 bis 2025. Es gibt starke Schwankungen, mit einem Höchstwert von 722,1 Milliarden US-Dollar im Jahr 2010 und einem Rückgang auf 209,5 Milliarden US-Dollar im Jahr 2020. Quelle: APA, NYT, BBC, IMF.

EU-Chefdiplomatin offen für neue Sanktionen
Unterdessen zeigte sich EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas bereit, neue Sanktionen gegen den Iran vorzuschlagen. „Die EU hat bereits weitreichende Sanktionen gegen den Iran verhängt – und zwar gegen diejenigen, die für Menschenrechtsverletzungen, die Ausweitung des Atomprogramms und für Teherans Unterstützung von Russlands Krieg in der Ukraine verantwortlich sind. Und ich bin bereit, zusätzliche Sanktionen als Antwort auf die brutale Unterdrückung von Demonstranten vorzuschlagen“, sagte sie der „Welt“.

Nach dpa-Informationen dürfte es zunächst vor allem um Strafmaßnahmen gegen Verantwortliche für die Gewalt gegen Demonstranten gehen – möglicherweise auch gegen Minister. Gegen sie könnten EU-Einreiseverbote und Vermögenssperren erlassen werden.

Kallas sagte, dass die Bürgerinnen und Bürger im Iran alles riskierten, um gehört zu werden. „Das Regime hat eine lange Geschichte darin, Proteste zu ersticken, und wir sehen eine brutale Reaktion der Sicherheitskräfte.“

Grüne verurteilen tödliche Repression
Die Grünen verurteilten Sonntagabend in einer Stellungnahme gegenüber der APA die „tödliche Repression gegen friedliche Demonstrant:innen“. Außerdem forderte die außenpolitische Sprecherin der Partei, Meri Disoski, einen Stopp von Abschiebungen in den Iran.

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