Er trägt Jeans, spielt Klavier und ist in seinem Herzen Seelsorger. Mit Conny Bischofberger spricht der designierte Erzbischof von Wien über verlorene Schäfchen, eine neue Willkommens-Kultur, seine Vorstellung von Gott und was er einem Priester raten würde, der sich verliebt hat.
Der Flügelaltar im Arbeitszimmer des Erzbischöflichen Palais hinter dem Stephansdom zeigt die Mutter Gottes in Blau und einen orangen Engel auf zitronengelbem Hintergrund. „Orange und gelb sind meine Lieblingsfarben“, erklärt Josef Grünwidl, der im ehemaligen Büro von Kardinal Schönborn noch nichts verändert hat. Die blauen Wände (Blau ist Schönborns Lieblingsfarbe) wird er vielleicht einmal orange-gelb ausmalen. „Aber im Moment habe ich andere Sorgen.“
Auf dem Tisch flackert eine rote Kerze, daneben steht ein Glas Wasser. Der designierte Erzbischof von Wien trägt schwarze Jeans, dazu ein dunkles sportliches Sakko und das Priesterhemd. Die graublauen Augen hinter der randlosen Brille blicken freundlich und interessiert. Lange hat sich der Seelsorger, zuletzt schon Apostolischer Administrator der Erzdiözese Wien, gegen seine Ernennung zum Erzbischof gewehrt, „weil ich der Meinung war, da gibt es andere, die besser geeignet sind“, dann aber hat er sich gefügt und aus vollem Herzen „Ja“ gesagt.
„Krone“: Darf man Sie schon Erzbischof nennen?
Josef Grünwidl: Nein, noch nicht! – Lacht. – Ich bin designierter oder ernannter Erzbischof, aber richtig Erzbischof bin ich erst ab dem 24. Jänner, dem Tag meiner Weihe.
Bekommen wir für unsere Titelfrage eine Ausnahmegenehmigung?
Lacht wieder. – Nur im Titel, okay.
Diesen Sonntag sind 30 Tage vergangen, seit Papst Leo XIV. Sie zum Erzbischof von Wien ernannt hat. Wachen Sie manchmal in der Früh auf und können es selber noch nicht glauben?
Ja, das passiert mir gelegentlich schon. Der zweite Gedanke ist dann: Heute habe ich aber wieder einen erfüllten Tag vor mir!
Die katholische Kirche ist mit mehr als 4,5 Millionen Katholikinnen und Katholiken noch immer die größte Gemeinschaft in Österreich, Tendenz sinkend. 72.000 sind 2024 aus der Kirche ausgetreten. Werden Sie sich als künftiger Erzbischof um diese Gruppe bemühen oder sind das verlorene Schäfchen?
Das sind keine verlorenen Schäfchen. Es tut mir natürlich leid um jeden und jede Einzelne, aber oft bedeutet der Kirchenaustritt nicht, dass die Menschen sich automatisch auch vom Glauben oder von Gott abwenden. Sie bleiben getauft und ich bin überzeugt, dass viele auch weiterhin im Gebet mit Gott verbunden bleiben und ihre christliche Lebensführung nicht ändern werden. Meist wurden sie entweder durch einen Vertreter der Kirche oder durch ein Ereignis verärgert oder enttäuscht. Und natürlich waren die schrecklichen Missbrauchsfälle eine Katastrophe für uns. Da kam es zu einem enormen Vertrauensverlust, und viele Menschen wollten das nicht mehr mit ihrem Kirchenbeitrag unterstützen und mit ihrem Austritt ein Zeichen setzen. Wir sind bemüht, bei jedem Kirchenaustritt noch einmal nachzufragen: „Warum haben Sie diese Entscheidung getroffen? Wollen Sie mit jemanden darüber reden?“ Einige nehmen das in Anspruch, die große Masse tut das nicht.
Könnte es auch sein, dass ihnen der Kirchenbeitrag einfach zu hoch ist, wenn das Geld gerade knapp ist?
Das könnte auch sein. Der Kirchenbeitrag, ist dann immer so der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt.
Die Muslime in Österreich haben etwas mehr als 700.000 Mitglieder, Tendenz steigend. Wie ist der Kontakt mit dieser Gruppe?
Besonders in Wien haben wir über den Rat der Religionen ein sehr gutes interreligiöses Miteinander, zu allen Religionsgemeinschaften. Ich bin auch in gutem Kontakt mit dem Präsidenten der islamischen Glaubensgemeinschaft. Ich bin überzeugt, dass es in unserem Land sehr viele Muslime gibt, die gut integriert sind und die sich bemühen, sich in der westlichen Welt, in einem demokratischen Land, gut einzubringen.
Und dann gibt es solche, die dem Islamismus frönen. Unterschätzt die Kirche das?
Nein. Natürlich gibt es im Islam, wie auch in allen anderen Glaubensgemeinschaften, Gruppierungen, die extremistisch oder gewalttätig werden. Deshalb ist es wichtig, zwischen dem Islam und dem Islamismus oder dem politischen Islam zu unterscheiden. Es hilft uns nicht weiter, dass der Islam als Ganzes ein Feindbild ist. Das ist eine Bevölkerungsgruppe, die, wie Sie richtig sagen, im Wachsen begriffen ist und wir brauchen ein gutes Miteinander. Integration wird schwerer, wenn man andere von vornherein ausgrenzt oder etikettiert.
Wie ernsthaft werden in diesem interreligiösen Dialog auch heikle Themen diskutiert?
Da wird natürlich auch über heikle Themen geredet. In den Volksschulen und Mittelschulen der Stadt Wien sind die Muslime mittlerweile die größte Gruppe, die zweitgrößte Gruppe sind Menschen, die keiner Glaubensgemeinschaft angehören, dann kommen erst die Christen. Es werden auch immer weniger Kinder geboren und von diesen wenigen Kindern werden auch nur mehr wenige getauft. Wenn wir wollen, dass Österreich ein christliches Land bleibt, dass auch das Christentum eine starke Gruppe bleibt, müssen wir etwas dazu beitragen. Ich kann nicht den Muslimen vorwerfen, dass sie ihren Glauben leben und dazu stehen. Ich sehe das als eine Anfrage an uns selber.
Hat die FPÖ recht, wenn sie davor warnt, dass es irgendwann mehr Muslime geben wird als Christen?
Das weiß ich nicht. Es ist durchaus möglich. Aber wie gesagt: Die Warnung muss sich an uns selbst richten. An die österreichische Bevölkerung. Wie wichtig ist uns das Christentum? Lasse ich meine Kinder taufen? Stehe ich zur Kirche? Ist der Glaube ein Wert, den ich auch verteidige?
Ein heikles Thema in Österreich ist das Kopftuchverbot für Mädchen unter 14 Jahren. Sind Sie dafür, dass das kommt?
Die österreichische Bischofskonferenz hat dazu eine sehr ausführliche Stellungnahme abgegeben. Das ist ein sehr komplexes Thema. Es geht natürlich darum, Mädchen in ihrer Selbstbestimmung zu unterstützen. Wenn es um Religionsausübung geht, ist weder ein Verbot noch ein Zwang vonseiten der Eltern hilfreich. Da hilft einfach nur Bildung und das Gespräch, der persönliche Kontakt. Soweit ich informiert bin, ist das Gespräch mit der islamischen Glaubensgemeinschaft im Vorfeld jedenfalls zu kurz gekommen. Man müsste eher bei den Eltern ansetzen und ihnen beibringen, dass sie ihrem Kind nichts Gutes tun, wenn sie Zwang bei der Religionsausübung ausüben.
Das Kopftuchverbot würde in zwei Grundrechte eingreifen. In das Grundrecht der Eltern, die ein Recht auf die religiöse Erziehung ihrer Kinder haben, und in das Grundrecht auf Religionsfreiheit.
Deshalb ist der designierte Erzbischof skeptisch
Warum müssen Mädchen Haut und Haare bedecken, um sich vor den Blicken der Männer zu schützen? Das hat doch nichts mit Religion zu tun.
Es hat vielleicht nicht nur mit Religion zu tun, aber schon auch. Und dieses Kopftuchverbot würde in zwei Grundrechte eingreifen. In das Grundrecht der Eltern, die ein Recht auf die religiöse Erziehung ihrer Kinder haben, und in das Grundrecht auf Religionsfreiheit. Und aus diesem Grund ist die Bischofskonferenz nicht glücklich mit diesem Kopftuchverbot und kann dem in dieser Form nicht zustimmen.
Ein anderes besorgniserregendes Thema ist der steigende Antisemitismus in Österreich. Hat Arik Brauer, selbst jüdischer Herkunft, recht, wenn er sagt, dass muslimische Einwanderer den Antisemitismus zum großen Teil importiert haben?
Antisemitismus gibt‘s in vielen Gesellschaften, auch in Österreich. Ich kann das nicht unterschreiben, dass man sagt, die Muslime sind schuld, dass es Antisemitismus in Österreich gibt. Wir haben uns erst vor einer Woche an die November-Pogrome erinnert. Die Hitlerrede in Linz wurde nicht von Muslimen gespielt.
Finden Sie es richtig, dass in den neuen Integrationsvereinbarungen ein Bekenntnis zum Schutz von jüdischem Leben in Österreich enthalten ist, und damit ein klares Bekenntnis gegen Antisemitismus?
Alle präventiven Maßnahmen, die Antisemitismus vorbeugen, sind hilfreich. Es muss klar sein, dass in Österreich Antisemitismus nicht toleriert wird, in keiner Form.
Welche Rolle wird die katholische Kirche in der Zukunft Österreichs spielen? Werden Sie als junger Nachfolger von Christoph Schönborn die Katholische Kirche wieder hip machen?
Ich bin nicht jung, ich bin 62! Und ich glaube, man muss die Kirche nicht hip machen, weil sie hip ist. Ich möchte einen Beitrag leisten, dass diese Gemeinschaft, auch wenn sie kleiner wird, nicht weniger wichtig wird in der Gesellschaft. Dass alle bei uns willkommen sind. Egal, ob jemand katholisch ist oder nicht.
Was hat die Kirche zu bieten?
Wir haben die Botschaft des Evangeliums, wir haben eine Hoffnungsbotschaft für die Menschen. Es gibt in der Kirche ein Glaubensnetz und ein Netz an Solidarität und Hilfsbereitschaft. Das bleibt wichtig und das ist vielleicht in Zeiten wie diesen und auch in Zukunft wichtiger als je zuvor.
Unser Gespräch erscheint am „Tag der Armut“. Wie ist es möglich, dass Österreich einerseits ein sehr wohlhabendes Land ist und dass es andererseits noch immer viel Armut gibt – die Caritas hat erst vergangene Woche darauf hingewiesen.
Der Gegensatz zwischen Arm und Reich ist ein uraltes Thema. Jesus selber hat diesen Konflikt immer wieder angeprangert. Und er hat sich ganz eindeutig immer auf die Seite der Armen und der Schwachen und der Menschen am Rand gestellt. Das versuchen wir in der Kirche auch. Unsere Stimme ist da ganz stark die Caritas. In zahllosen Pfarren wird mit Lebensmittel-Ausgabestellen, Wärmestuben, Ausspeisungen versucht, diese Spannung zwischen Arm und Reich abzufedern. Die Kirche allein kann diese sozialen Spannungen in Österreich aber nicht beseitigen.
Die Muslime seien Schuld, dass es Antisemitismus in Österreich gibt? Ich kann das nicht unterschreiben. Die Hitlerrede in Linz wurde nicht von Muslimen gespielt.
Josef Grünwidl zum „importierten Antisemitismus“
Sind wir eine Dreiviertel- oder eine Zweidrittelgesellschaft? Also sind ein Viertel oder ein Drittel der Menschen armutsgefährdet oder arm?
Ich würde sagen, eine Zwei-Drittel-Gesellschaft, und das Drittel wird größer. Das merken wir an allen Enden und Ecken. Dass immer mehr Menschen aufgrund der steigenden Lebenserhaltungskosten und Lebensmittelpreise in große Schwierigkeiten kommen, ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Die Bischöfe haben bei der Herbstkonferenz klar gesagt, dass auch eine Budgetkonsolidierung dann gut ist, wenn das Budget nicht auf Kosten der Armen und Schwachen gemacht wird. Ein Budget muss soziale Spannungen verkleinern, nicht vergrößern.
Macht die Regierung das im Moment?
Ich glaube, dass es hier noch einmal ein genaueres Hinschauen braucht. Auch von Seiten derer, die das Budget machen. Ein ganz wichtiger Aspekt ist, auf die Armen und auf die Schwachen zu schauen. Wenn wir sie übersehen, dann wachsen die Probleme.
Was denken Sie sich, wenn Sie dann von Spitzengehältern wie jenes des zurückgetretenen WKO-Chefs Harald Mahrer hören?
Ich kann seine Leistungen nicht beurteilen, deshalb tu‘ ich mir jetzt ein bisschen schwer mit der Frage. Ich denke aber schon, dass bei manchen Spitzengehältern einfach die Relation fehlt.
Sie waren Sekretär von Christoph Schönborn und haben ihn nach drei Jahren um eine Entpflichtung gebeten, weil Sie wieder Pfarrer sein wollten. Woran wird man merken, dass der neue Erzbischof von Wien in seinem Herzen eigentlich ein Pfarrer ist?
Ich war lange Pfarrer in vielen Gemeinden, ich war mit Menschen unterwegs, mit Kindern, Jugendlichen, Erwachsenen. Ich habe Kranke, Sterbende und Trauernde begleitet. Für mich ist dieser seelsorgliche Zugang auch in meiner neuen Aufgabe als Erzbischof sehr wichtig. Das heißt, Menschen begegnen, Menschen gut zuhören und versuchen, gute Lösungen für die Menschen zu finden und Hilfe aus dem Glauben anzubieten. Nicht nur über Social Media, sondern wirklich face to face.
Werden Sie auf Social Media aktiv sein?
Ja, auf Instagram, Facebook und X. Das macht aber ein Redaktionsteam. Aber es wird immer wieder Statements in meinem Namen geben.
Wir müssen gute Lösungen für die Menschen finden und Hilfe aus dem Glauben anbieten. Nicht nur über Social Media, sondern Face to Face.
Der neue Erzbischof ist in seinem Herzen Seelsorger.
Zu ihrer Diözese gehört auch Pfarrer Toni Faber. Wie finden Sie seine neueste Idee, den Beichtstuhl auf Räder?
Das ist toll! Toni Faber gehört zu denen, die immer wieder Neues ausprobieren und unkonventionelle Wege gehen, um mit Menschen in Kontakt zu kommen und Jesus und das Evangelium unter die Leute zu bringen. Das finde ich gut.
Sie haben sich wiederholt dafür ausgesprochen, dass der Zölibat freiwillig sein sollte. Werden Sie sich dafür auch in Rom starkmachen?
Ich glaube, das ist längst in Rom angekommen. Meine Stellungnahmen oder Predigten werden ja gelesen und wahrgenommen. Gerade die Zölibatsfrage wird seit 60 Jahren immer wieder diskutiert. Wie auch die Frauenfrage. Frauen sollen nicht nur mitarbeiten, sondern auch in Entscheidungsgremien vertreten sein. Auch das setze ich im Rahmen meiner Möglichkeiten um.
Wird‘s noch in diesem Jahrhundert zuerst einen verheirateten katholischen Pfarrer geben oder eine Diakonin?
Verheiratete Pfarrer, die nach dem byzantinischen Ritus zelebrieren, gibt es bereits. Die sind auch bei uns in der Seelsorge tätig. An diesen Priestern sieht man, dass es möglich ist und dass es auch akzeptiert wird. Ich glaube, das ehelose Leben ist in der Kirche eine wichtige Lebensform, es hat sie von Anfang an gegeben und es wird sie auch weitergeben, allerdings auf freiwilliger Basis. Um also Ihre Frage zu beantworten: Ich würde sagen, eher den verheirateten Priester.
In Berlin hat eine evangelische Pfarrerin vier Männer getraut und wird jetzt sehr dafür kritisiert. Wie finden Sie das?
Das war keine Trauung oder Hochzeit, sondern ein Segen. Diesen Fall finde ich ehrlich gesagt grenzwertig.
Die Pfarrerin argumentierte: „Was sollte Gott dagegen haben, dass auch vier Männer sich lieben können und nicht nur zwei?“
Ich bleibe bei meiner Antwort.
Haben Sie in Ihrer Zeit als Pfarrer auch homosexuelle Paare gesegnet?
Einmal ist das vorgekommen, ja. Aber es ist noch immer selten und zeigt, dass homosexuelle Menschen offensichtlich doch noch das Gefühl haben, dass sie bei uns nicht erwünscht oder anerkannt sind und deshalb kommen sie auch gar nicht mit diesem Wunsch. Auch Kardinal Schönborn hat da bereits Signale ausgesendet, dass dem nicht so ist. Und Papst Franziskus. Wenn also Menschen kommen und mich um einen Segen bitten, dann bin ich sicher nicht der, der ihnen den Segen verweigert.
In Salzburg haben drei Nonnen sich dagegen gewehrt, dass sie ins Altersheim kommen. Die Story ist um die Welt gegangen. Haben Sie Verständnis für ihren Ungehorsam?
Ja, in den Ordensgelübden steht tatsächlich der Gehorsam drinnen. Ich bin in dieser Sache im Detail nicht informiert. Ich habe nur gehört, dass es viele Vorgespräche gegeben hat. Und dass die Nonnen zuerst eingewilligt haben, aber dann umgeschwenkt sind. Ich finde es traurig, dass es so gekommen ist, aber es sind ja viele dran, dieses Problem zu lösen.
Die Nonnen haben jetzt ein Buch geschrieben: „Nicht mit uns“! Werden Sie es lesen?
Lacht – Nein, ich glaube nicht.
Homosexuelle Menschen haben offensichtlich das Gefühl, dass sie bei uns nicht erwünscht oder anerkannt sind. Kardinal Schönborn hat da bereits Signale ausgesendet, dass dem nicht so ist.
Grünwidl spendet homosexuellen Paaren auch den Segen
Wird Österreich mit Ihnen eigentlich auch wieder einen Kardinal bekommen?
Das weiß ich nicht. Es hängt davon ab, welchen Kurs Papst Leo weiterführt. Papst Franziskus hat ja ziemlich deutlich gezeigt, dass er den globalen Süden stärken will, auch im Kardinalskollegium. Die europäische Kirche hat nicht mehr das Gewicht, das sie in früheren Jahrhunderten hatte, weltkirchlich gesehen. Wenn Papst Leo das so weiterführt, dann wird es in Wien keinen Kardinal geben. Wenn Papst Leo diesen Kurs ändert, dann müsste es in Europa, nicht nur in Wien, sondern auch in Paris, Berlin, Venedig und anderen Städten Kardinäle geben.
Hoffen Sie darauf?
Ich hoffe nicht darauf, denn das würde bedeuten, zu einer der größten Diözesen in der Welt auch noch Aufgaben und Verantwortung in Rom zu haben. Ich bin eigentlich mit der Erzdiöse Wien gut ausgelastet.
In der Bibel steht: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“. Schaffen Sie als Pfarrer im Herzen auch die Selbstliebe?
Das Liebesgebot der Bibel hat drei Richtungen: Du sollst Gott lieben, du sollst deinen Nächsten lieben, wie dich selbst. Also, im Idealfall ist das ein harmonischer Dreiklang aus drei Tönen. Im Blick auf mich würde ich sagen, da gibt‘s schon immer wieder auch Dissonanzen, und zwar in allen drei Richtungen. Manchmal steht vielleicht die Selbstliebe im Vordergrund und andere kommen zu kurz. Im Moment höre ich von vielen Seiten das Gegenteil: „Bitte schau mehr auf dich selber, achte auf deinen Kräftehaushalt, auf deine Gesundheit.“ Also, da die richtige Balance zu finden, ist eine Herausforderung.
Weil Sie den harmonischen Dreiklang erwähnt haben und Musik sehr lieben: Welches Musikstück drückt diesen Klang am besten aus?
Ich finde, dass Musik immer dann schön ist, wenn sie symphonisch ist. Also wenn verschiedene Instrumente, verschiedene Klangfarben zusammenspielen. Von den symphonischen Musikstücken liebe ich besonders die Prager Sinfonie von Wolfgang Amadeus Mozart, Nummer 38. Sie ist wundervoll.
Welche Erfahrung aus Ihrer Kindheit würden Sie Jugendlichen von heute auch wünschen?
Eine Geborgenheit im Elternhaus und eine ganz unbeschwerte Kindheit mit viel Freiheit. Ich bin am Land im Weinviertel aufgewachsen. Ich habe so, wenn ich zurückdenke, vor allem meine Volksschulzeit als eine wunderschöne Zeit in Erinnerung. Vormittag in der Schule, dann schnell Hausaufgaben machen und dann frei sein und raus.
Geboren am 31. Jänner 1963 in Hollabrunn, Niederösterreich. Ein jüngerer Bruder, eine ältere Schwester. Die Eltern waren Landwirte, der Vater ist bereits verstorben. Nach dem Theologiestudium an der Uni absolviert Grünwidl auch ein Orgelstudium an der Musikuniversität. Ab 1988 arbeitet er als Kaplan und Jugendseelsorger. Von 1995 bis 1998 ist Grünwidl erster Sekretär des neu ernannten Erzbischofs von Wien, Christoph Schönborn. Danach ist er als Pfarrer tätig und wird 2016 Dechant des Dekanats Perchtoldsdorf. 2024 wird er Ehrenkanoniker des Domkapitels zu St. Stephan, im Jänner 2025 Apostolischer Administrator der Erzdiözese Wien. Seine Weihe zum Erzbischof findet am 24. Jänner im Stephansdom statt.
Wann haben Sie eigentlich gewusst, dass Sie Pfarrer werden wollen?
Ich war von klein auf bei den Ministranten und in der Pfarre beheimatet und integriert. Religion hat mich immer interessiert. Mein zweites Standbein war die Musik. Ich habe ziemlich lange gebraucht, bis ich wusste, ob’s eher Musik oder Theologie wird. In Wien bin ich ins Priesterseminar gegangen, nebenbei habe ich auch Musik studiert. Klar wurde es für mich bei einem Auslandsjahr in Würzburg. Musik ist schön und ist mir wichtig, aber es ist mein Hobby. Mein Beruf ist es, als Priester für die Menschen da sein.
Darf man Sie auch fragen, ob Sie schon einmal sehr verliebt waren?
Ja, man darf. – Strahlen in seinem Gesicht. – Und die Antwort lautet „Ja“! –
Was würden Sie einem Priester sagen, der zu Ihnen kommt und sagt: „Herr Erzbischof, ich habe mich verliebt!“
Ich glaube, zuerst würde ich ihm sogar gratulieren, dass er diese Erfahrung macht. Und dann würde ich ihm raten, sich eine Auszeit zu nehmen, damit er sich das gut überlegen kann. Auch im Gebet mit einem geistlichen Begleiter. Weil das doch eine große Entscheidung ist. Er sollte herausfinden, ob das Verliebtsein und die Beziehung die Basis für sein weiteres Leben werden kann und ob er bereit wäre, das Priesteramt dafür aufzugeben. Aus der Situation des Verliebtseins eine solche Entscheidung, quasi aus dem Bauch heraus, zu treffen, hielte ich nicht für gescheit
Er sollte sich eine Auszeit nehmen, damit er sich das gut überlegen kann. Auch im Gebet mit einem geistlichen Begleiter. Weil das doch eine große Entscheidung ist.
Was der Erzbischof einem verliebten Priester raten würde.
Weil Sie jetzt das Gebet erwähnt haben. Wie und wann beten Sie?
Ich bete in der Früh. Ich habe in der Regel vor der Heiligen Messe eine halbe Stunde in Stille, wo ich mich auf den Tag einstelle und wo ich auch ganz bewusst Kontakt zu Gott aufnehme. Dann haben wir hier im Büro den schönen Brauch, dass wir um 12 Uhr, wenn die Glocken läuten, unsere Arbeit unterbrechen und uns zu einem kurzen Gebet zusammenfinden. Und dann bete ich natürlich auch am Abend. Ich lasse den Tag nachklingen, schaue mir mit Gott an, was da heute war. Danken, bitten, auch um Vergebung bitten, wenn etwas schiefgegangen ist. Und manchmal habe ich auch zwischendurch ganz spontan einen Gedanken an Gott und nehme kurz mit ihm Kontakt auf.
Ist Gott in Ihrer Vorstellung ein Mann?
Nein, und auch keine Frau. Gott ist für mich eine Quelle der Kraft. Ich bete auch sehr viel zu Jesus Christus. Das ist für mich ein Mann, den kann ich mir konkret vorstellen. Oder Maria. Sie ist die Mutter der Menschen und wird in unserer Kirche als Königin des Friedens verehrt. Wenn ich an die großen Konflikte denke – Israel, Ukraine, Sudan – glaube ich, dass wir die Hilfe und die Fürsprache Mariens dringend brauchen.
Werden Sie als künftiger Erzbischof noch Zeit haben, die Orgel zu spielen?
Orgelspielen ist ein bisschen schwierig, weil man dazu eine Kirche braucht. Aber ich habe ein Klavier in meiner Wohnung. Da kann ich mich spät am Abend noch ans Klavier setzen und improvisieren. Sonst spiele ich auch sehr viel Bach, Mozart, Schubert.
Der Papst hat ja diese Woche seine Lieblingsfilme bekannt gegeben, einer von Ihnen ist „The Sound of Music“. Wie ist das bei Ihnen?
Ich bin kein großer Kinogeher. Aber ich kann Ihnen zwei Filme nennen, die mich in letzter Zeit beeindruckt haben. Das war „Märzengrund“ von Adrian Goiginger. Und „Konklave“ von Edward Berger. Letzterer war schon ziemlich abenteuerlich, muss ich sagen. – Lacht. – Gut gemacht, aber ein bisschen grenzwertig. Aber wahrscheinlich braucht ein erfolgreicher Film immer auch sowas Reißerisches.
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