Kärntnerlied

Die Tradition bewahrt, aber der Moderne angepasst

Kärnten
29.06.2025 16:03

Erregung rief das „Neue Kärntnerlied“ in den 1950ern hervor, sogar vom „Tod des Volksliedes“ war die Rede. Doch es hat sich bewährt. Wo aber liegen die Unterschiede zwischen Alt und Neu?

Soziale, politische und wirtschaftliche Herausforderungen hatten die Menschen in der Nachkriegszeit zu meistern. „Trotzdem oder genau deshalb blühte das kulturelle, das musikalische Leben auf“, weiß Maria Streit, Archivarin im Kärntner Volksliedwerk. „Musik half den Menschen, die Kriegsgeschehnisse zu verarbeiten. Man fühlte sich im gemeinsamen Singen verbunden und fand Trost und Halt.“

Wie so vieles, wurde auch das Kärntnerlied in den 1950ern erneuert. Der Musikwissenschaftler und Komponist Günther Antesberger definierte das Kärntnerlied als „Sammelbegriff für verschiedene mundartgebundene Liedkleinformen Kärntens“, die somit „nur schwer exakt zu umreißen“ seien. Liebeslieder sind eine typische Gattung im Kärntnerlied. „Andere Themenlieder – Brauchtumslieder, Jägerlieder, geistliche Lieder – unterscheiden sich in Kärnten nicht von Liedern im Alpenraum, das Liebeslied aber schon“, weiß Streit. „Das alte Kärntnerlied war oft direkt, derb, erotisch, satirisch, weil es ein Einzelner sang. Das Neue Kärntnerlied ist subtiler, mit mehr Metaphern, weil es ein Chor singt.“

Von Etikettenschwindel bis Tod des Kärntnerliedes
Das Neue Kärntnerlied war aber umstritten. Als Etikettenschwindel bezeichnete es die Volksmusikforscherin Gerlinde Haid, „keine Fortführung des traditionellen Kärntnerliedes“ sah Chorleiter und Komponist Roland Streiner in den neuen Kompositionen. Den „Tod des Volksliedes“ ortete Karl Altmann.

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Nach dem Krieg, im Juni 1946, ist das Österreichische Volksliedwerk wieder ins Leben gerufen worden. In Klagenfurt gibt’s ein großes Archiv.

Maria Streit, Archivarin im Kärntner Volksliedwerk

Das historische Kärntnerlied ist aber gar nicht so alt, wie man glauben könnte: Es ist um 1848 entstanden. Die erste gedruckte Liedersammlung „Kärntnerische Volkslieder“ brachte Baron Edmund von Herbert 1849 heraus – für Singstimme und Klavierbegleitung.

„Zuabesingen“ sorgte für Mehrstimmigkeit
„Die Mehrstimmigkeit hat mit dem sogenannten Zuabesingen begonnen; zunächst mit Melodiestimme und Überstimme“, erklärt Streit. Rhythmus und Harmonien waren einfach. Aus der Tanzmusik stammte der typische Vierzeiler. Durch mündliche Weitergabe entstanden regionale Unterschiede. „Später kamen zu Haupt- und Überstimme noch der Bass als Fundament und eine Füllstimme dazu, die den Akkord vervollständigt“, erklärt Streit. „Typisch für das Kärntnerlied ist die Diminution, die Verkleinerung der sonst großen Intervallsprünge. Das ergibt den weichen Wesenszug des Liebesliedes.“ Im Neuen Kärntnerlied liegt die Hauptstimme hingegen in der Oberstimme; die Harmonie wird erweitert.

Wegbereiter des Neuen Kärntnerliedes war der „St. Veiter Kreis“ um Justinus Mulle, Gerhard Glawischnig und Günther Mittergradnegger. „Das Jahr 1952 mit der ersten Turnersee-Singwoche gilt vielen als Geburtsjahr des Neuen Kärntnerliedes; manche verorten die Geburtsstunde bei Liedern wie ,Mei Hamat is a Schåtzale’ und ,Hamgeahn’ im Jahr 1943 – Lieder, die laut Glawischnigs Tagebuch als kriegsschädigend verboten wurden, weil die Soldaten durchs Hören und Singen der Texte nicht an der Front bleiben wollten“, so Streit.

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Es wurde da und dort auch einmal zurechtgesungen. Wenn Mulle was sagen wollte, meinten wir: Tacet! Das Lied gehört jetzt nimmer dir.

Günther Mittergradnegger über die Übernahme neuer Lieder in den Allgemeinbesitz der Kärntner

In St. Veit entwickelte sich ab 1947 das Volksliedsingen mit Tausenden mitsingenden Besuchern. Zahlreiche Chöre wurden gegründet. Das Kärntner Lehrerquintett um Mittergradnegger und der Grenzlandchor Arnoldstein mit Gretl Komposch verbreiteten das Neue Kärntnerlied.

Die Erregung um die neuen Kompositionen ist mittlerweile vergessen.

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