Im fiktiven Staat Arstotzka ist der kalte Krieg noch lange nicht vorbei. Das abgeschottete Land wird autoritär regiert und erinnert ein wenig an Sowjetrepubliken des ehemaligen Ostblocks. In diesem wenig lebenswerten Umfeld wird der Spieler als Grenzsoldat rekrutiert, der die Papiere von Immigranten kontrollieren muss.
Dass schon die Berufswahl nicht freiwillig geschieht, spricht Bände über das Leben in Arstotzka. Menschen sind zu allererst dem Staat verpflichtet, erst dann sich selbst und der Familie. Freier Wille ist ebenso verpönt wie kritisches Denken. Fremden gegenüber ist man von Grund auf misstrauisch und an den Fehlern im System ist jeder schuld, nur nicht der Staat selber.
Wie schon erwähnt, muss sich der Spieler in Arstotzka als namenloser Grenzsoldat durchschlagen. In einem Holzverschlag wartet er auf potenzielle Einwanderer, lässt sich ihre Papiere zeigen – und lässt sie entweder durch oder weist sie ab. Die Kriterien, anhand derer entschieden wird, wer passieren darf, liefert der Staat. Wie könnte es auch anders sein?
Optik und Sound zweckmäßig, Botschaft komplex
Spielerisch beschränkt sich das Game auf das Allernötigste. Die pixelige Optik hätte man auch auf dem 486er schon so hinbekommen und auch der Soundtrack ist vor allen Dingen zweckmäßig – so wie alles in Arstotzka eben. Das pixelige Wachhäuschen, in dem der Spieler seinen Dienst tut, und die potenziellen Einwanderer mit ihren Dokumenten sind die einzige Abwechslung, die es gibt.
Na gut, nicht ganz die einzige. Der Spieler erhält vom Staat nämlich täglich neue Befehle, anhand welcher Kriterien er Menschen passieren lassen soll – oder eben nicht. Kommt jemand unerlaubt über die Grenze, weil der Spieler unachtsam war, gibt's Lohnabzüge. Die sind bitter, schließlich braucht der Spieler seinen virtuellen Lohn nicht nur, um sich selbst über Wasser zu halten, sondern auch seine Familie.
Sozialer Druck macht Mensch zur Maschine
Der Druck, die eigene Sippe zu ernähren und gleichzeitig penibel darauf zu achten, nur ja nicht den falschen Zuwanderer über die Grenze zu lassen, sorgt für einen interessanten Zwist im Spieler. Einerseits ist es schlicht unglaublich fad und eintönig, die ganze Zeit Papiere zu kontrollieren und alle paar Stunden auf andere Dinge achten zu müssen. Dass da aus Unachtsamkeit jemand über die Grenze kommt, ist vorprogrammiert.
Andererseits soll genau das nicht passieren, selbst wenn manch eine Geschichte eines Einwanderers noch so herzzerreißend ist. Schließlich hängt das Wohlergehen der eigenen Sippe von den Fähigkeiten des Spielers als eiskalter Grenz-Bürokrat ab. Als Spieler erwischt man sich deshalb vergleichsweise schnell dabei, Dienst nach Vorschrift zu tun und das eigene Handeln nicht mehr zu hinterfragen. In der Realität wäre das wohl nicht anders.
Fazit: Und durch dieses Gefühl hat das Spiel seine Schuldigkeit dann auch getan. Trotz fader Grafik und piepsigem Retro-Sound: Die Botschaft, die Entwickler Lucas Pope mit seinem ernsthaften Game transportieren will, kommt an. Menschen handeln unter gewissen Bedingungen nicht mehr menschlich – sie werden zu Maschinen, die vor allem eines wollen: überleben. Kommen dann noch soziale Abhängigkeiten hinzu, kommt beim Spieler endgültig Verständnis dafür auf, warum autoritäre Regime funktionieren. Und der Wunsch, so etwas nie in der Realität erleben zu müssen.
Plattform: PC (Steam)
Publisher: unabhängig
krone.at-Wertung: 8/10











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