Weil die Regierung die österreichische Marine kaputtgespart hatte, musste Admiral Tegetthoff die veralteten österreichischen Holzschiffe behelfsmäßig mit Eisenbahnschienen panzern. Trotzdem errang er 1866 gegen die top moderne italienische Panzerflotte einen sensationellen Sieg.
Man sollte niemals die typisch österreichische Fähigkeit zur Improvisation unterschätzen. Sie verhalf Österreich zu einem überraschenden Sieg gegen den jungen Nationalstaat Italien.
Doch zunächst zur Vorgeschichte: Im südlichen Nachbarland der Habsburgermonarchie ging die österreichische Herrschaft über bedeutende Provinzen gerade zu Ende. Die Toskana und die Lombardei waren bereits an den neuen italienischen Nationalstaat gefallen und nun, im Jahr 1866, war Italien an der Seite Preußens in den Krieg gegen Österreich eingetreten, um weitere österreichische Gebiete zu erlangen.
Zwar hatte Italien bei Custozza gerade erst eine demütigende militärische Niederlage gegen die österreichische Armee erlitten, das ersehnte Venetien erhielt es aber trotzdem. Denn in einem Geheimvertrag hatte sich Kaiser Franz Joseph verpflichtet, Venetien an Frankreich abzutreten. Das war der Preis für die französische Neutralität während der Auseinandersetzung mit Preußen – und Frankreich reichte die Provinz an Italien weiter.
Italien hatte Panzerschiffe, Österreich nur veraltete Holzschiffe
Italiens Regierung hätte also zufrieden sein können. Doch die Propaganda verlangte nach einem grandiosen Sieg, einem Triumph, wie er eines neuen, stolzen Nationalstaates würdig war. Nach der schmachvollen Niederlage gegen Custozza musste die Ehre der jungen Nation wiederhergestellt werden, der Gebietsgewinn wollte durch einen militärischen Sieg errungen sein.
Wozu hatte Italien schließlich funkelnagelneue, sündhaft teure Panzerschiffe angeschafft, die erst kürzlich in den besten Werften der Welt geschmiedet worden waren? Es waren gepanzerte Kolosse, ausgerüstet mit Geschützen aus Gusseisen. Die „Affondatore“ etwa verfügte sogar über gepanzerte Drehtürme. Diese Status-Flotte kreuzte auf italienischen Gewässern und erhielt nun den Befehl der Regierung, den österreichischen Marinestützpunkt Lissa, das „Gibraltar der Adria“ genannt, heute die kroatische Insel Vis, einzunehmen.
Österreich zog mit „schwimmenden Bügeleisen“ in den Kampf
Von einer Panzerflotte wie jener Italiens konnte Österreichs Marine nur träumen. Statt neuer Schiffe hatte es in Österreich Sparpakete gegeben. Der Vizedadmiral und Kommandant der österreichischen Kriegsmarine Wilhelm von Tegetthoff hatte gerade einmal zwei Panzerschiffe zur Verfügung, und diese waren aus Spargründen geradezu mickrig ausgerüstet im Vergleich zu jenen der Italiener. Das österreichische Kriegsministerium hatte zwar bei Krupp moderne Geschütze bestellt, um die Flotte aufzurüsten, aber der preußisch-österreichische Krieg hatte die Auslieferung verhindert. Tegetthoff ließ die veralteten Holzschiffe mit Eisenbahnschienen, Eisenplatten und Ketten notdürftig panzern – „schwimmende Bügeleisen“ wurden diese Schiffe despektierlich genannt.
Mit der Führung der italienischen Flotte war Admiral Graf Carlo Pellion di Persano betraut. Persano war früherer Marineminister gewesen, und genau genommen war er eher Politiker als Militär. Überheblich war er auch noch: Als Admiral Persano am 20. Juli 1866 um 10:00 Uhr vor Lissa auf die österreichische Flotte traf, bezeichnete er die Österreicher noch verächtlich als „pescatori“ (Fischer).
Wie in der Antike: Es wird gerammt, bis einer untergeht
Aber die „Fischer“ überraschten die Italiener mit einer Technik, mit der Persano nicht gerechnet hatte. Weil Admiral Tegetthoff wusste, dass seine ungepanzerte Flotte bei einem Artillerieduell gegen die modernen italienischen Geschütze keinerlei Chance hätte, griff er die stolze italienische Panzerflotte mit der Taktik antiker Galeeren an – ganz nach dem Motto: Es wird gerammt, bis einer untergeht.
Dabei gelang Tegetthoff der sensationelle Coup: Als sich das gegnerische Flaggschiff, die „Re d’Italia“, mit ihrer Breitseite zeigte, beschleunigte Österreichs „Ferdinand Max“ auf volle Geschwindigkeit und schlug eine mehrere Meter breite Bresche in das italienische Schiff. Binnen weniger Minuten ging das brandneue, supermoderne Prachtstück der italienischen Flotte mit über 390 Mann Besatzung unter. Als den Italienern auch noch ein weiteres Panzerschiff explodierte, weil dessen Pulverkammer in Brand geraten war, trat die topmoderne italienische Marine den Rückzug an - und die schlecht ausgerüstete österreichische Marine fuhr einen sensationellen Sieg ein.
Übrigens: Nach der Seeschlacht von Lissa erhielten alle neu gebauten Kriegsschiffe einen Rammbock.

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