Der Weltbestseller „Der Vorleser“ von Bernhard Schlink taugt auch als Theaterstück, das in der Linzer Tribüne eine bemerkenswerte Premiere hatte: Der Vorleser erinnert sich an seine erste große Liebe. Er ist Schüler, sie ist älter als er. Bald haben sie ein tägliches Ritual: vorlesen, duschen, lieben...
Vom Thema ist der Besteller des deutschen Autors und Juristen wie geschaffen für das engagierte Team der Tribüne. Die Umsetzung der Bühnenfassung von Mirjam Neidhart mit nur drei Schauspielern und sparsamen Mitteln nötigt Respekt ab.
In der Inszenierung von Cornelia Metschitzer blickt Michael, der Vorleser, zurück auf sein Leben, einmal als Erzähler auf der Bühne, einmal durch Erinnerungen aus dem Off, untermalt mit Video- und Fotosequenzen.
Als 15-jähriger lernt er Hanna Schmitz kennen. Die erwachsene Frau beginnt eine Beziehung mit dem Schüler, die – zumindest für den Teenager – geprägt ist von Liebe, aber auch von Abhängigkeit und Dominanz. Er ist nicht nur Hannas Liebhaber, sondern auch ihr Vorleser.
Hässliche Wahrheit belastet schöne Erinnerungen
Jahre später trifft er sie als Jusstudent wieder: Sie ist Angeklagte in einem Prozess gegen ehemalige KZ-Wärterinnen. Erst jetzt erkennt er ihr Geheimnis: Sie nimmt aus Scham alle Schuld auf sich, denn sie muss verbergen, dass sie weder lesen noch schreiben kann. Darf Michael dieses Geheimnis verraten, um sie zu entlasten?
Nicht nur das Buch, das in mehr als 50 Sprachen übersetzt worden ist, sondern auch das Stück wirft tiefe Fragen auf. Ist schön nur, was schön bleibt? Wie soll man mit hässlichen Wahrheiten umgehen?
Erzähltheater mit Schwenks
Regisseurin Metschitzer gelingt es, diesen Konflikt gekonnt ans Publikum heranzutragen. Rudi Müllehner ist bravourös der alte Vorleser und Erzähler. Erinnerungen werden durch kurze, wortarme Szenen lebendig gemacht. Lisa Kröll braucht als Hanna nicht viele Worte, um die Tragik ihrer Figur darzustellen. Friedrich Eidenberger ist an ihrer Seite der junge Michael.
Die beachtliche Leistung des gesamten Ensembles wurde zurecht mit langem Applaus belohnt.
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