„Schneiders Brille“

Der Schwarzmaler

Vorarlberg
14.07.2024 10:25

Autor Robert Schneider entdeckt einen Philosophen neu, der heute vielleicht nicht der beliebteste ist, uns aber doch einiges zu sagen hätte. 

Er ist als Philosoph vielleicht nicht gerade angesagt, aber sein Welt- und Menschenbild könnte zeitgemäßer nicht sein. Glück definierte er als Abwesenheit von Schmerz. Seine Zeitgenossen nannte er „ruchlose Optimisten“, die ungeniert angesichts der bedrohlichen Lage auf einer „erkalteten Kugel am Rand des Universums über deren Kruste wandeln“. Das Erdengeschehen fand er derart jämmerlich, dass es schlimmer nicht angehen konnte. Die Gegenwart, in der er lebte, fand er grauenhaft, gab sich immer neuen Horrorvorstellungen vom nahenden Ende der Welt hin. Eigentlich war ihm egal, wovor er sich fürchtete. Der Mensch würde über kurz oder lang eh im selbstgestifteten Chaos versinken. Alles war schon längst zu spät, ehe er geboren war. Nur noch eine Frage der Zeit.

Allerdings wollte er selbst doch nicht so schnell sterben, weshalb er vor der in Berlin wütenden Cholera nach Mannheim übersiedelte, nachdem er genaue Listen mit den Pros und Kontras beider Städte angefertigt hatte. Seine gesamte Philosophie hatte er mit dreißig Jahren bereits zu Ende gedacht, änderte kaum mehr etwas daran. Was noch kam, waren geschliffene Sentenzen und Aphorismen, die – manchmal unfreiwillig komisch – zum Schönsten zählen, was je in deutscher Sprache formuliert wurde.

Einfach hatten es die Zeitgenossen nicht mit ihm, der täglich mit seinem Pudel „Atman“ am Main spazieren ging, wobei nicht immer klar war, wer wen spazieren führte. Der große Pudel das kleine, mürrische Männlein oder umgekehrt. Ansprechen durfte man ihn keineswegs, weil er ja immer vor sich hin dachte. Kritisieren schon gar nicht. Lob ließ er zu, wenn er gerade guter Laune war. Zu unmäßigen Wutausbrüchen bedurfte es nur eines Namens: Hegel. Den hasste er über alle Maßen.

Er wäre wirklich ein Kind der Gegenwart gewesen, dieser Arthur Schopenhauer. Einer Gegenwart, die keine Grautöne mehr kennt, die das ewig Schlechte und Untergangshafte gebetsmühlenartig herbeiredet, ob nun Klima, Kriege oder Wirtschaft. Mit den Medien unserer Tage hätte er seine helle Freude gehabt. Fällt ein Schuss in der Ukraine, hat das die allertrübsten Auswirkungen auf NATO und EU. Regnet es beständig vier Wochen, ist das ein untrügliches Indiz dafür, dass der Planet nicht mehr zu retten ist. Er brauchte eigentlich gar keinen Grund, um einfach heillos unglücklich zu sein.

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