So, 22. Juli 2018

Autoren entsetzt

01.10.2012 10:36

Nationalbibliothek will Bücher nur noch digital speichern

Die Österreichische Nationalbibliothek setzt auf Digitalisierung: In den kommenden Jahren wolle man sich zu einem "offenen Wissenszentrum" entwickeln, so Generaldirektorin Johanna Rachinger. Kern der am Samstag präsentierten "Vision 2025": Die Pflicht zur physischen Sammlung von Neuerscheinungen soll fallen, die Nationalbibliothek will von neuen Büchern künftig nur noch die E-Book-Ausgabe archivieren. Die Interessensgemeinschaft Autorinnen Autoren reagierte entsetzt.

"Wir sind die erste Kultur- und Wissensinstitution, die eine Vision für die Zukunft entwickelt hat", zeigte sich Generaldirektorin Rachinger am Samstag stolz. Die präsentierte "Vision 2025" setzt stark auf Digitalisierung und größtmögliche Demokratisierung des Wissenszugangs.

Dass nur noch E-Books neuer Bücher archiviert werden sollen, ist auf eine angestrebte Novelle des Mediengesetzes zurückzuführen. Für die Speicherung, bei der auch Cloud-Lösungen geprüft werden sollen, wirft dies neben neuen Rechts- und Sicherheitsfragen auch technische Probleme auf: "Wir werden alle paar Jahre, wenn Hard- und Software wieder überholt sind, den kompletten Bestand auf neue digitale Technologien umkonvertieren müssen", sagte Bettina Kann, Hauptabteilungsleiterin der "Digitalen Bibliothek". "Das ist eine Herausforderung, die Bibliotheken nur gemeinsam bewältigen können."

Autoren: Virtuelle Archivierung viel zu unsicher
Der Vorstand der IG Autorinnen Autoren forderte aus Protest noch am Samstag den Rücktritt von Rachinger. "Bücher bzw. Printmedien als kollektives gesellschaftliches Gedächtnis dürfen keinesfalls ausschließlich in virtueller Form aufbewahrt werden", so die IG in einer Aussendung. Die digitale Speicherung garantiere aufgrund der rasanten technologischen Veränderung keine dauerhafte und verlässliche Archivierung und bleibende Zugänglichkeit.

Buchvielfalt laut Autoren von Privatwirtschaft bedroht
Mit dem geplanten Wegfall der Ablieferungspflicht von Druckwerken vernachlässige die Nationalbibliothek nicht nur ihre gesetzlich vorgeschriebene Kerntätigkeit, sondern liefere sich und damit die kulturellen Bestände "einem privatwirtschaftlichen Oligopol (Google) aus", kritisieren die Autorenvertreter. Durch das Vorhaben, künftig nur noch E-Books zu sammeln, werde zudem eine klare Marktsteuerung zugunsten dieser vorgenommen.

Sorge vor "Willkür" bei Buchauswahl
Als "Zumutung" bezeichnet die IG die Ankündigung der ÖNB, auch künftig genügend echte Bücher zu sammeln, sofern diese einen gewissen haptischen Wert hätten. "Ein solches subjektives Auswahlverfahren öffnet der Willkür Tür und Tor."

Bücherspeicher noch nicht finanziert
Ob die physische Archivierung abgeschafft wird, bleibt abzuwarten. Am Samstag unterstrich Rachinger, dass die Nationalbibliothek den lange geforderten und bisher noch nicht finanzierten Bücherspeicher unter dem Heldenplatz unabhängig davon dennoch benötigen werde. Man spreche mit der Burghauptmannschaft darüber, dies im Rahmen eines ebenfalls geplanten Garagenprojekts verwirklichen zu können.

Näheres soll im Spätherbst bekannt gegeben werden. "Wir sind schon nächstes oder übernächstes Jahr voll. Noch immer erscheinen jährlich an die 50.000 Bücher, die von uns physisch gesammelt werden." Man rechne jedoch damit, dass künftig immer mehr Bücher nur noch digital erscheinen werden.

Zusammenarbeit mit Unternehmen für öffentlichen Zugang
Gemeinsames Agieren wird auch in der Wissenschaftscommunity und bei sogenannten Public-Private-Partnerships eine immer größere Rolle spielen. Schließlich gilt es, die archivierten Daten möglichst gut aufbereitet allen zugänglich zu machen. Verträge mit privaten Unternehmen wie Google (von den zur Digitalisierung geplanten 600.000 Büchern vom frühen 16. bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts sind im Rahmen des "Austrian Books Online ABO"-Projekts bereits 100.000 digitalisiert) sollen nach einer neuen Direktive der EU-Kommission nach einer bestimmten Maximalfrist die allgemeine Verfügbarkeit sichern.

Großteil der Bestände soll online gehen
"Wir stehen für einen freien Zugang zum Wissen, für Innovation, Bildung und Verantwortung", formuliert die Nationalbibliothek ihre Werte, die der "Vision 2025" zugrunde liegen. Dabei legt Rachinger Wert darauf, dass diese Vision "bottom up" erarbeitet wurde und somit "von allem mitgetragen" werde. Künftig soll der Großteil der Bestände online und möglichst in Volltextsuche angeboten werden.

Mehr soziale Vernetzung für Nationalbibliothek
Die Sammlungstätigkeit wird sich stärker als bisher digitalen Publikationen, sozialen Netzwerken, Webinhalten und anderen neuen Formaten widmen. Dabei wird die Anreicherung mit Metadaten und die Vernetzung und Verlinkung mit Zusatzinformationen im Rahmen eines "semantischen Web" (Web 3.0) vorangetrieben und als "Open Data" der Allgemeinheit zur kostenfreien und uneingeschränkten Weiternutzung zur Verfügung gestellt.

2011 besuchten rund 500.000 Menschen die Nationalbibliothek, 62 Millionen Seitenaufrufe und 9,3 Millionen Abfragen in den Onlinekatalogen und Datenbanken wurden verzeichnet. Dieses Verhältnis dürfte sich künftig dramatisch verschieben. "Unser Ziel ist es, die Wissensgesellschaft von morgen aktiv mitzugestalten", so Rachinger. Lesesäle werde es aber auch 2025 geben.

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