Das Jahr 2024 beginnt mit dem zweiten spanischsprachigen Album des US-Superstars Kali Uchis. Auf „Orquídeas“ zeigt sich die 29-Jährige gleichermaßen exaltiert wie nachdenklich und schickt als eindeutige Botschaft aus: Die Zukunft des Pop beinhaltet Latin-Elemente.
Die Zeiten sind nicht einfach. Wer als Weißer Reggae liebt, sollte nicht mit Dreadlocks herumlaufen. Black Metal darf möglichst nur aus dem eiskalten Skandinavien kommen und zu Fasching als Pierre Brice im Winnetou-Kostüm durch die Gegend zu laufen kommt in diversen Bobo-Kreisen einer Todsünde gleich. Der latenten Gefahr der ständig präsenten kulturellen Aneignung entkommt man nur noch, wenn man mehrere Reisepässe besitzt. Die 29-jährige Karly-Marina Loaiza, besser bekannt unter ihrem Spitz- und Bühnennamen Kali Uchis, wurde, kolumbianisch-stämmig, im US-Bundesstaat Virginia geboren, verbrachte die Sommer als Teenager aber gerne in der südamerikanischen Heimat ihres Vaters. Dieses ständige Hin und Her führte dazu, dass Uchis in Übersee gleichermaßen Pop- wie Latin-Pop-Superstar ist und sich seit geraumer Zeit auch behände und erfolgreich durch den Musikdschungel beider Genres schwingt.
Großer Durchbruch
Mit ihrem dritten Album „Red Moon In Venus“ gelang der vielseitigen Musikerin letzten Frühling der breitflächige Durchbruch, der sich schon über Jahre hinweg ankündigte. Sie gab früh den Tour-Support für die Gorillaz, Jorja Smith oder Lana Del Rey und kooperierte in ihren Songs mit Größen von Damon Albarn über Little Dragon bis hin zu Rap-Superstar Tyler, The Creator. Mit dem letzten Album gelang dem früheren Indie-Popstar nicht nur musikalisch ein großer Schritt Richtung Mainstream. Ihre US-Headliner-Touren waren 2023 samt und sonders ausverkauft, im Hipster-Festival-Mekka Coachella lieferte sie mit befreundeten Gästen einen der denkwürdigsten Auftritte der letzten Saison. Noch nicht einmal ein Jahr nach dem Erfolgswerk eröffnet Kali Uchis 2024 nun mit ihrem vierten Album „Orquídeas“, dem zweiten, das sie in ihrer Zweitsprache Spanisch eingespielt hat.
Wer dahinter geschicktes Marketing-Kalkül wittert, hat mit Sicherheit recht. Doch Uchis geht es mitnichten nur um den kommerziellen Erfolg am immer Latin-lastigeren Amerikamarkt. Die Wahl-Kalifornierin hat sich schon in den letzten Jahren verstärkt zu ihren kolumbianischen Wurzeln bekannt. Bereits mit dem 2020 veröffentlichten „Sin Miedo“ zeigte sie gelungene Facetten, dass „Orquídeas“ nun trotz der völlig differenten Herangehensweise immer noch sehr gut zu den Ausläufen von „Red Moon In Venus“ passt, beweist nur, dass Uchis genau weiß, was sie tut. Einen ersten Vorgeschmack lieferte der Spätsommerhit „Muñekita“ mit El Alfa und JT, der noch den lahmsten Gaul auf der örtlichen Studentenparty zum grenzenlosen Twerken motivierte. Ein unwiderstehlicher Reggaeton-Groove paart sich mit leichtfüßigen Rhythmen - flotter wurde es letztes Jahr nicht mehr. Auch die neueste, bereits dritte Single-Auskoppelung „Labios Mordidos“ mit Karol G bringt die Tanzflächen zum Quietschen.
Vielfalt der Heimat
Doch Kali Uchis setzt auf ihrem Viertwerk nicht nur auf flotte Banger, sondern vergisst auch nicht die Ausrichtung, mit der sie sich über die letzten Jahre hinweg einen immer größeren Namen machte. R&B, leichte Anleihen am verkrusteten Doo Wop, Bolero-Songs und eine gehörige Portion Vintage-Feeling durchziehen Songs wie das melancholische „Te Mata“, „Me Pongo Loca“ oder „Tu Corazon es Mio“. Die albumtitelspendende Orchidee hat dabei natürlich einen tieferen Sinn. „Sie ist die Nationalblume Kolumbiens. Es gibt hier mehr Orchideenarten als sonst wo“, gab sie in einer Presseaussendung vorab bekannt, „die Orchidee inspiriert das Album mit ihrer zeitlosen, unheimlichen, mystischen, eindrucksvollen, anmutigen und sinnlichen Anziehungskraft. Mit dieser Fülle an frischer Energie möchte ich die Sichtweise auf Latinas in der Musik umgestalten.“
Zwischen Latin-Rap, Indie-Pop und Dancehall schwebend, werden in den Songs auf „Orquídeas“ sämtliche Trennlinien wegradiert, um die größtmögliche Form von Freiheit und Unbefangenheit zu vermitteln. Über die letzten fünf bis sechs Erfolgsjahre hat Kali Uchis merkbar an Selbstvertrauen gewonnen und positioniert sich mit einer angriffigen Selbstverständlichkeit an der Speerspitze jener Hispano-Bewegung, die längst schon im Begriff ist, in den USA dem populären Hip-Hop den Rang abzulaufen. In unseren Breitengraden tut man sich mit dem exaltierten Sound aus Latein- und Südamerika noch immer schwer, doch es ist fast unmöglich, dass man sich der gleichermaßen leichten, wie auch partiell nachdenklichen Instrumentierung von „Orquídeas“ zu entziehen vermag.
Es wird schön langsam
Schon vor eineinhalb Jahren teaserte Uchis auf ihrem Instagram-Profil, dass sie je ein englisch-, sowie ein spanischsprachiges Album fertig in der Schublade hätte. Mit der Veröffentlichung von „Orquídeas“ schließt sich nun also der Ankündigungskreis und verrät uns so einiges über den Hype der 29-Jährigen. Einerseits bewegt sie sich so federleicht wie niemand anders zwischen den zwei wichtigsten Sprachen der Popwelt, andererseits ist vorliegendes „Orquídeas“ der zu Ton gewordene Beweis dafür, dass man mit Gefühl, Talent und Herzblut auch scheinbare Barrieren mühelos überwinden kann. Das für diesen Frühling in der Wiener Stadthalle avisierte Konzert des kolumbianischen Reggaeton-Superstars J Balvin zeigt, dass man sich auch in der „alten Welt“ langsam an Latin-Pop gewöhnt. Kali Uchis ist noch eine Liga darüber zu verorten. Der Populär-Sound der Gegenwart kommt auch 2024 aus Südamerika. Vielleicht sehen das irgendwann auch die hiesigen Konzertbooker so …












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