"Völliges Desaster"

Deutschland wird seine Anleihen kaum noch los

Ausland
23.11.2011 17:19
Investoren verlieren den Appetit auf deutsche Staatsanleihen. Sechs Milliarden Euro wollte der Bund am Mittwoch bei der Versteigerung neuer Papiere mit zehnjähriger Laufzeit einsammeln. Die Anleger boten aber nicht einmal 3,9 Milliarden Euro, sodass für 35 Prozent des angebotenen Volumens die Nachfrage fehlte. Analysten sprachen von einem Desaster, Euro und Aktienmärkte gerieten unter Druck. Regierung und EZB bemühten sich, Zweifel an der Fähigkeit Deutschlands zu zerstreuen, sich ausreichend Geld am Kapitalmarkt zu beschaffen.

"Das Ergebnis der heutigen Auktion spiegelt das äußerst nervöse Marktumfeld wider", sagte ein Sprecher der für das Schuldenmanagement des Bundes zuständigen Finanzagentur. Es bedeute aber "keinerlei Refinanzierungsengpass". Das angestrebte Gesamtvolumen solle nun über Verkäufe am Sekundärmarkt erreicht werden, auf dem Anleihen gehandelt werden.

"Es ergibt sich daraus überhaupt kein Problem", sagte auch der Sprecher des deutschen Finanzministers Wolfgang Schäuble. EZB-Vizepräsident Vitor Constanzio betonte ebenfalls, er hege keine Zweifel an der Refinanzierung.

Experten sprechen von "völligem Desaster"
Experten und Märkte reagierten dagegen schockiert auf das Ergebnis. "Das ist ein völliges Desaster", sagte Analyst Marc Ostwald von Monument Strategies. "Es ist besorgniserregend, dass die beste Bonität Europas sich nicht im geplanten Umfang refinanzieren konnte", sagte Helaba-Analyst Ralf Umlauf. "Wir werten das als Misstrauensvotum gegen die Euro-Zone."

Auch für Österreichs Notenbankgouverneur und EZB-Rat Ewald Nowotny sind die Schwierigkeiten die Deutschland hatte, seine Anleihen unterzubringen, ein "Alarmsignal".

Niedrige Rendite und Schuldenkrise als Ursache
Als Gründe für die schwache Nachfrage gilt nicht nur die niedrige Rendite: Sie fiel mit 1,98 Prozent so niedrig aus wie noch bei der Erstemission einer zehnjährigen Bundesanleihe. Viele Investoren sind in diesem Jahr wegen der Schuldenkrise in die als ausfallsicher geltenden Papiere geflüchtet und haben nun so viele Bundesanleihen im Bestand, dass sie keine Zukäufe mehr planen.

Viele Anleger fürchten zudem, dass Deutschland einen Großteil der Kosten für die Schuldenkrise tragen muss. "Die geringen Renditen sind nicht der Hauptgrund für die geringe Nachfrage", sagte Helaba-Analyst Umlauf. "Schließlich sind die Emission der vergangenen Monate bei ähnlich niedrigen Zinsen problemlos durchgegangen. Im Hintergrund schwingt derzeit die Frage mit: 'Wer soll das bezahlen?' Die letzte Bastion der Euro-Zone wird in Frage gestellt."

Deutschland galt bisher als sicherer Hafen
Deutschland profitierte bisher wegen der Schuldenkrise von seinem Status als sicherer Hafen. Die Kreditwürdigkeit der Bundesrepublik wird wegen vergleichsweise solider Staatsfinanzen von allen großen Ratingagenturen mit der Bestnote AAA bewertet, womit ein Zahlungsausfall als höchst unwahrscheinlich gilt. Investoren waren deshalb lange Zeit bereit, deutliche Abschläge bei den Renditen hinzunehmen.

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