Diagonale in Graz

Wunderbar gefühlsduselige und kitschige Eröffnung

Steiermark
21.03.2023 19:30

In der Grazer Helmut-List-Halle wurde die letzte Diagonale unter Sebastian Höglinger und Peter Schernhuber eröffnet. Zuvor gab es Viktoria Schmids Experiment „NYC RGB“ und danach Patric Chihas „Das Tier im Dschungel“. Dazwischen erhielt Margarethe Tiesel den von Xenia Hausner gestalteten großen Diagonale-Schauspielpreis.

Mit einer durchaus griffigen Rede (auch der auch das Titelzitat stammt) eröffneten Sebastian Höglinger und Peter Schernhuber die letzte von ihnen verantwortete Diagonale. „Gefühlte Wahrheiten sind das Geschäft des Kinos und nicht der Politik“, hieß es da etwa. Und dass das Kino ein politischer Ort ist, steht ohnehin außer Zweifel. Das zeigt sich heuer auf der Diagonale in zahlreichen österreichischen Filmen, die mondän und weltgewandt sind. „Plötzlich ist da eine Vielstimmigkeit, ein Chor der Meinungen.“ Das widerspricht aktuellen politischen Tendenzen, die etwa in Nehammers Rede von der „Spaltung der Gesellschaft“ zum Ausdruck kamen oder im Weg, den man in Niederösterreich eingeschlagen hat.

Zitat Icon

So gefühlsduselig kitschig waren die beiden noch nie, denken Sie vielleicht. Hoffentlich denken Sie das. Und ja, finden wir auch. Ein wenig Wunderlichkeit kann nicht schaden, darf nicht fehlen. Gerade in Zeiten wie diesen.

Eröffnungsrede zur Diagonale

Keine Gnade für die eigene Branche
Doch auch die eigene Branche wurde nicht geschont. Schlagzeilen über (Macht-)Missbrauch und #MeToo haben die schönen Erfolgsmeldungen überschattet. „Die österreichische Filmlandschaft gab sich als gesellschaftlicher Spiegel zu erkennen - als Mitte und nicht als das gern beschworene bessere Korrektiv.“ Die beiden Intendanten richteten aber auch einen Appell an alle, die eigene Blase zu verlassen und nicht nur im eigenen Vokabular zu verharren. Das Aneinandervorbeireden berge viel politischen Sprengstoff.

„Man muss tanzen, das kann uns niemand nehmen“, heißt es in Patric Chihas Eröffnungsfilm. Also wurde an diesem Abend auch gefeiert. Unter anderem Margarethe Tiesel, die heuer den von Xenia Hausner gestalteten großen Schauspielpreis überreicht bekam.

Eröffnungsfilm voller Musik, Sehnsucht und vergebener Chancen
Patric Chiha erzählt in seinem Spielfilm „Das Tier im Dschungel“ (frei nach einer Kurzgeschichte von Henry James) von Sehnsucht, vom unerfüllten Leben, von Musik und Club-Kultur und bedient sich dabei nicht nur einer außergewöhnlichen Ästhetik und eines Spiels mit Farben, Licht und Tempo, sondern beeindruckt auch mit seiner Konsequenz.

Über viele Jahre - genau genommen von 1979 bis 2001 - spannt sich der Bogen, der die beiden Protagonisten May (Anaïs Demoustier) und John (Tom Mercier) jeden Samstag in einem vorerst namenlosen Club zusammenführt. Die beiden haben einen Pakt geschlossen, auf den einen großen, besonderen Moment zu warten. Und während sie das auf dem Balkon des Clubs tun, ziehen nicht nur die Jahre und Moden vorüber, sondern auch das Leben selbst. Freundschaften und Beziehungen bleiben da gerne auf der Strecke. Von der lebensbejahenden und bunten Szene der 1980er-Jahre bis zur eher trostlosen und drogendurchtränkten Techno-Einsamkeit entwickeln sich auch May und John zu immer stärker in der gegenseitigen Abhängigkeit festsitzenden Wesen. Rätselhaft bleibt in Chihas Film aber nicht nur der eine große Moment, rätselhaft bleibt auch die Türsteherin (Béatrice Dalle), die mitunter an den mythischen Charon erinnert, der die Seelen in die Unterwelt führt, und die als Erzählerin geheimnisvoll an den Fäden des Lebens zieht.

Experimentelles Stadt-Porträt
So sinnlich und rauschhaft ist die Diagonale bislang noch nicht eröffnet worden, zumindest nicht auf der Leinwand. Da fügt sich auch Viktoria Schmids experimentelles New-York-Porträt „NYC RGB“ wunderbar ein, das die Stadt durch Mehrfach-Belichtung in die Grundfarben Rot, Grün und Blau zerlegt, und so unsere Wahrnehmung von Vertrautem mit prächtigen Bildern auf die Probe stellt.

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