Sa, 23. März 2019
08.04.2011 23:28

Nukleare Wolke

Ex-Tschernobyl-Direktor warnt vor neuer Katastrophe

25 Jahre nach der Atomkatastrophe von Tschernobyl hat der frühere Direktor des Kernkraftwerks vor einem neuen schweren Nuklearunfall an der maroden ukrainischen Anlage gewarnt. Der damals explodierte Reaktor 4 (Bild) sei in einem "extrem unsicheren" Zustand, sagte Michail Umanez am Freitag in Kiew. Es drohe jederzeit eine Kettenreaktion mit Todesgefahr. "Wir werden alle zu Verbrechern, wenn wir das nicht verhindern", warnte der 73-Jährige auf einer Greenpeace-Tagung zum Jahrestag der Katastrophe.

Das bisher folgenreichste Unglück in der Geschichte der zivilen Nutzung der Atomenergie ereignete sich am 26. April 1986. Der damals notdürftig errichtete Beton-Sarkophag um den Reaktor gilt als einsturzgefährdet. Experten hatten eine "Lebensdauer" bis 2016 errechnet.

"Es droht eine neue nukleare Wolke"
"Die Gefahr, dass die Metall- und Betonkonstruktion einstürzt, erhöht sich aber mit jedem Tag, weil die Radioaktivität die Materialien zersetzt", sagte Umanez. "Es droht eine neue nukleare Wolke, die auch wieder nach Westeuropa ziehen kann."

Auch Greenpeace-Experten mahnten dringenden Handlungsbedarf an. Unter der provisorischen Schutzhülle lagern 190 Tonnen radioaktives Material, sagte der Atomphysiker Heinz Smital. "Im Fall eines Einsturzes könnten mindestens fünf Tonnen radioaktiver Staub, der beim Einatmen tödlich sein kann, freigesetzt werden", so Smital.

"Super-Sarkophag" seit Jahren in Planung
Die damaligen Aufräumarbeiter von Tschernobyl - die so bezeichneten Liquidatoren - forderten bei der Tagung die internationale Gemeinschaft zur Mitfinanzierung eines seit langem geplanten "Super-Sarkophags" auf. Sie beklagten, dass die ukrainische Führung heute nicht einmal mehr einen Zeitplan nenne.

Die verarmte ehemalige Sowjetrepublik will in diesem Monat auf einer weiteren Tschernobyl-Konferenz an die Vereinten Nationen appellieren, einen Teil der erforderlichen 1,6 Milliarden Euro für das Projekt an der Anlage nahe der Geisterstadt Pripyat aufzubringen. Die Staatengemeinschaft zögert angesichts der in der Ukraine verbreiteten Korruption und Instabilität jedoch mit der Vergabe von Mitteln.

Bis zum 28. April 1986 galt die 50.000-Einwohner-Stadt Pripyat als Vorzeigeprojekt für die gesamte Sowjetunion. Techniker und Wissenschaftler rissen sich um einen Job in Tschernobyl, denn das bedeutete, ein Privilegierter zu sein. Pripyat spielte sozusagen alle Stückerln, anders als im Rest des kommunistischen Riesenreiches. Seit der Atomkatastrophe ist die Stadt nur noch ein Standbild - leer, stumm und tot (siehe Reportage in der Infobox).

Kritik an IAEO wegen Fukushima-Unglück
Atomphysiker Smital appellierte bei der nunmehrigen Konferenz auch an die Internationale Atomenergiebehörde IAEO, die Reaktorunglücke im japanischen Fukushima der Katastrophe von Tschernobyl gleichzusetzen. "Es ist politisch unverantwortlich, hier die Stufe 5 aufrechtzuerhalten", betonte er.

Nach der internationalen Ines-Skala (International Nuclear and Radiological Event Scale) erhielt Tschernobyl die höchste Stufe 7. In Fukushima sei inzwischen ein Vielfaches der bei Stufe 7 angesetzten Radioaktivität ausgetreten, sagte Smital. Gleichwohl bleibe der Tschernobyl-Unfall die folgenschwerste Atomkatastrophe, weil die radioaktive Wolke sich auch wegen eines Großfeuers in dicht besiedelten Teilen der Welt ausgebreitet hatte.

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