24.09.2021 21:15 |

Erstaufführung

„Der neue Menoza“: Bedrückend aktuell

Die Komödie von Jakob Michael Reinhold Lenz (1751-1792) feierte am Donnerstagabend ihre Erstaufführung in den Kammerspielen des Salzburger Landestheaters. In knapp drei Stunden wurde das Publikum dabei auf eine Achterbahnfahrt der Gefühle gebracht. Mit einer Komödie an sich hatte das Stück aber wenig zu tun.

„Es wird sich verliebt, verführt, vergewaltigt, getäuscht, gemordet, physisch und verbal bedroht, gewürgt, erpresst, gestohlen, Wort gebrochen, bestochen, vergiftet, geflüchtet, räsoniert, getreten und ausgepeitscht, es kommt zu kalkulierten Drogenpartys en masque mit Fluten von Alkohol und besinnungslosen Furien-Tänzen.“

So beschrieb die Regie-Debütantin und Burgschauspielerin Dörte Lyssewski vorab ihre Inszenierung. Und sie sollte recht behalten: Pure Abneigung, Verzweiflung, Trauer, aber auch Liebe und Zuneigung wurden in über 30 Szenen teils brillant, manchmal auch etwas zu intensiv dargestellt. Das Publikum erlebte eine Achterbahnfahrt der Emotionen und Gefühle, von der man sich erstmal erholen musste. Auch wenn das Stück aus dem 18. Jahrhundert stammt, der Stoff an sich ist aktueller denn je.

Eine Gesellschaft, die nicht mit- sondern gegeneinander lebt
Ein Fremder kommt nach Europa, wird in seiner Hoffnung an die hochgebildete und zivilisierte Gesellschaft des Abendlands bitter enttäuscht. Eine Gesellschaft, die nicht mit- sondern gegeneinander lebt. Niederträchtigkeit, Gier, Verlogenheit - „Der neue Menoza“ hält uns in vielen Szenen klar den Spiegel vor. Trotz der Belastungen ergab sich dennoch ein „Happy End“.

Die Gesellschaft zu Lenz‘ Lebzeiten war definitiv nicht auf eine derart vehemente Kritik an sich selbst vorbereitet. In der bekanntlich so aufgeschlossenen heutigen Gesellschaft kann man von diesen Inszenierungen aber nicht genug bekommen.

Sebastian Steinbichler
Sebastian Steinbichler
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