"Howl" erschien 1955, im selben Jahr wie Jack Kerouacs "On the Road". Ein leidenschaftliches Luftmachen der Geschlagenen ("Beat"), die zwischen Substanzmissbrauch, Schocktherapie, Sex und Suizid verzweifelt auf der Suche nach einem authentischen Ausdruck in der gefühlten Sinnleere des Nachkriegsamerikas sind. Ihr Geheul machte Ginsberg zu seiner literarischen Stimme.
So schreiben, wie man ist, lautet Ginsbergs Credo, mit dem er sich von Vorbildern befreit, seine Angst vor Andersartigkeit abstreift - und es direkt vor Gericht schafft. Vorwurf: Obszönität. Für die unverblümten Beschreibungen von schwulem Sex musste sich sein Verleger vor einem Richter verantworten. Im Film wird der Prozess samt teils völlig abstrusen Expertenaussagen und der überraschend vehementen Entscheidung des Richters mit ziemlich gewöhnlichen Mitteln amerikanischen Gerichtsfabulierens dargestellt.
In 14 Tagen gedreht
Sonst ist wenig Gewöhnliches an "Howl". Eine Doku scheint dieser in 14 Tagen gedrehte Film sein zu wollen, und rekonstruiert ein Interview mit Ginsberg aus dem Jahr 1957, schneidet schwarz-weiße Reminiszenen zwischen die Schauplätze, vermischt sie mit seinem ersten Vortrag des Gedichts in einem winzigen Cafe und driftet dann immer wieder völlig unvermutet in Animationskino ab.
Die Skizzen dafür stammen vom Ginsberg-Mitarbeiter Eric Drooker, als Ausflug in das Innere des Dichters beschwören sie in expressiven Bildern Monster und Fixer, Liebespaare und Wolkenkratzer, gestrandete Figuren und ihre ewige Jagd durch Großstadt und Krieg herauf. James Franco liest dazu in eindringlichem Tonfall das lange, drastische Poem. Vielleicht ist die Animationskunst ja die moderne Lyrik des Kinos. Als ihre Illustration läuft sie aber Gefahr, das subjektive, suggestive Verstehen der Textkunst zu bevormunden - oder im Vergleich durchzufallen.
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