Die österreichischen Indie-Könige Leyya haben eine Livepause auf unbestimmte Zeit angekündigt und verabschieden sich mit der intensiven 6-Track-EP „Longest Day Of My Life“ ins Studio - dort geht es nämlich munter weiter. Frontfrau Sophie Lindinger erzählt uns im Interview von ihren schweren Depressionen und wie sehr diese Zeit die Musik und Zukunft der Band geprägt hat.
Den „Longest Day Of My Life“ haben während der Corona-Pandemie wohl so einige Menschen gefühlt. Erst die Zwangsquarantäne ganz zu Beginn, dann das Unterlassen von sozialen Kontakten und schlussendlich die ständig mitschwingende Unsicherheit, sich und anderen durch Unbedachtheit etwas anzutun, haben ordentlich an der Psyche gekratzt. Doch was passiert erst, wenn zu der gesellschaftlich prekären Situation auch noch eine andere persönliche Hölle hereinbricht? Die Antworten darauf gibt Sophie Lindinger auf der intensiven, aber nichtsdestotrotz hoffnungsfrohen neuen Leyya-EP „Longest Day Of My Life“, wo sie sich in sechs Songkapiteln mit ihrer schwierigen Depression auseinandersetzt. „Depressionen haben die letzten zwei Jahre meines Lebens beeinflusst und beeinträchtigt“, erzählt sie uns im „Krone“-Gespräch, „und genau in diesem Zeitraum haben wir immer wieder Songs geschrieben, die alle möglichen Phasen der Krankheit widerspiegeln.“
Plötzlich anders
Das „wir“ bedeutet im Falle von Leyya Sophie Lindinger und Marco Kleebauer. Die eine profunde Texterin und Sängerin, die auch bei My Ugly Clementine ihre Energien rauslässt. Der andere ist ein musikalischer Tausendsassa, der u.a. noch bei der Alternative-Rap-Band Sharktank trommelt und neben Bilderbuch die halbe Indie-Szene Österreichs produziert. Leyya aber ist ihr wichtigstes gemeinsames Baby, das mit seinem poppigen Alternative-Sound seit 2013 die heimische Szene mit einem ganz neuen und internationalen Sound bereicherte, der sie quer durch Europa führte und hierzulande mit einem Amadeus prämiert wurde. Als die beiden sich neben ihren gefühlt dreihundert Nebenprojekten endlich wieder auf ihre Kernband konzentrieren konnten, merkten sie aber, dass einige der Songs gar nicht auf das geplante dritte Album passen würden. Sie hatten nämlich einen ganz eigenen, düstereren Sound und eine inhaltliche Dramatik: eben Lindingers Depressionen.
„Ich kam nicht aus dem Bett, war extrem traurig und ratlos und hatte das Gefühl, niemand würde mich verstehen. Ohne zu wissen, was das alles genau ist, habe ich diese Symptome niedergeschrieben.“ Daraus entstand der Song „Ordinary“, der zum Grundstein der EP werden sollte. Erst durch diesen Track erkannte die Oberösterreicherin, dass sie Hilfe suchen und mit Leuten kommunizieren musste. „Ich dachte, ich müsse stark sein und wollte nicht zugeben, dass ich in gewissen Bereichen einfach nicht mehr konnte. Ich habe die ganze Zeit geschlafen und hatte keine Energie für irgendwas. Dabei kriegt man dann ein schlechtes Gewissen, weil man raus und arbeiten will, sich nutzlos fühlt. Irgendwann habe ich den Menschen in meinem Umfeld gesagt, dass es einfach nicht geht und realisiert, wie extrem unterstützend und hilfreich sie waren. Andere Menschen um Hilfe zu bitten, sie zu fragen, ob sie mir im Alltag helfen und mich entlasten konnte, war extrem wichtig. Ich hätte es schon viel früher machen sollen.“
Darüber sprechen
Auch wenn das Verständnis für mentale Probleme in Künstler- und Musikerkreisen ein besseres ist als in anderen Sparten - in punkto Toleranz gegenüber Depressionen und ähnlich gearteten Krankheiten gibt es hierzulande noch immer hohen Aufholbedarf. Ein Grund mehr, warum Leyya die EP nicht nur zur persönlichen Seelenreinigung zusammengestellt haben, sondern mit Empathie und Verständnis auch nach außen hin ein Zeichen setzen wollen. „Man spricht heute viel mehr darüber, aber es gibt noch sehr viel Luft nach oben.“ Die Corona-Pandemie war für Lindinger nicht der Auslöser des Problems, aber unweigerlich ein Verstärker. „Ich bin da etwas zwiegespalten. Einerseits war man eingesperrt und konnte sich nicht mit Leuten treffen, was wichtig gewesen wäre. Andererseits gab es keine Konzerte und ich konnte mich ausruhen. Durch die Pandemie waren viele Menschen das erste Mal mit Einsamkeit konfrontiert und merkten, wie schlimm diese Lage ist. Mehr denn je zuvor mussten Leute mit Depressionen umgehen und daraus eröffnet sich hoffentlich eine neue Diskussionskultur.“
Logisch, dass der Sound wesentlich gedämpfter und introvertierter klingt als am farbenfrohen Vorgängeralbum „Sauna“, doch gerade das führte dazu, diese Songs samt der ernsten Thematik als Extra-Karrierekapitel auszukuppeln. „Marco und ich stehen uns extrem nahe. Ich schrieb die Texte und er hatte sofort das richtige Gefühl, wie die Musik dazu klingen sollte. Es war anfangs schwer zu realisieren, dass unsere Musik in eine neue Richtung ging, aber wir arbeiteten sehr homogen. Wichtig ist nur, dass wir die Essenz aus unserer Musik holen. Dieses Mal ist der Sound nicht tanzbar, aber dafür authentisch. Ein Discobeat wie bei ,Lately‘ oder die Drum-&-Bass-artigen Passagen auf ,I’ve Been Down‘ hätten wir vor fünf Jahren noch nicht schreiben können.“ Die Beziehung untereinander hat sich während des Songwritingprozesses intensiviert. „Da ich meine tiefste Dunkelheit offen auf den Tisch legte, haben wir uns definitiv neu kennengelernt. Man verändert sich mit jedem Album aufs Neue, weil es immer ein intensives Auseinandersetzen miteinander ist. Aber in diesem Fall hat die Krise eine ohnehin schon gute Beziehung noch stärker verfestigt.“
Kein Geist für Stress
Nach den beiden Gigs diese Woche in Österreich werden Leyya auf unbestimmt eine Livepause einlegen - was aber nicht bedeutet, dass die Band nie wieder auf die Bühne gehen wird, wie Lindinger betont. „Die letzten Jahre waren sehr stressig und haben viel Energie gekostet. Wir steuern nun wieder alles so, wie wir es für richtig halten. Wir spürten sehr viel Druck von außen und von innen und es geht darum, musikalisch wieder zum Ursprung zu finden. Wir werden weiterhin Musik erschaffen, aber eine Livepause einlegen. Leyya ist uns beiden viel zu wichtig, um Dinge zu machen, mit denen wir uns derzeit nicht wohlfühlen.“ Auf das dritte Studioalbum darf man sich, trotz der famosen neuen EP, aber schon etwas vorfreuen. „Wir machen uns keinen Stress, haben aber schon sehr viel Songmaterial zusammen. Bei uns kommen von 50 geschriebenen Songs im Schnitt fünf ans Tageslicht. Und da wir so viele Lieder haben, die nicht in das EP-Konzept passten, sind wir derzeit schon am Sortieren.“ Das klingt durchaus vielversprechend.
Letzte Liveshows
Leyya spielen ihre vorerst letzten Liveshows am 27. August im Linzer Posthof und am 28. August im Globe Wien. Weitere Infos und Tickets gibt es unter www.oeticket.com.
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