04.07.2021 09:00 |

„Krone“-Kolumne

Juckt es überhaupt noch jemanden?

Soziologin und Sexualpädagogin Barbara Rothmüller diesmal zum verborgenen Wirken sexuell übertragbarer Infektionen.

Bevor Covid-19 alle Aufmerksamkeit bekommen hat, gab es noch andere Infektionskrankheiten, vor denen man sich bei sexuellen Kontakten mit neuen Partnerinnen oder Partnern fürchtete. Was wurde eigentlich aus Chlamydien, Syphilis, Tripper, Feigwarzen, HIV, Hepatitis B, Filzläusen & Co? Sexuell übertragbare Infektionen sind mit der Corona-Pandemie fast in Vergessenheit geraten.

So wenig Sex, wie es in den letzten eineinhalb Jahren gab, könnte man denken, einschlägige Krankheitserreger wären ausgerottet worden. Immerhin gab es auch nur einen bestätigten Grippefall im letzten Winter. Bei sexuell übertragbaren Infektionen weiß man allerdings nicht genau, ob sie zurückgegangen sind, oder ob sie nur nicht diagnostiziert werden, weil im letzten Jahr kaum jemand darauf getestet wurde. HIV zum Beispiel wurde 2020 um 25 Prozent seltener diagnostiziert als 2019, aber im gleichen Zeitraum auch um ein Drittel weniger HIV-Tests durchgeführt.

Das Problem: Einige Geschlechtskrankheiten machen zu Beginn kaum oder keine Symptome. Obwohl man nichts merkt, kann man sie also übertragen. Vor der Pandemie sind vor allem Syphilis- und Chlamydien-Infektionen stark angestiegen. Auf Partys mit Sex und Drogen fühlen sie sich angeblich besonders wohl. Aber auch dort, wo man am wenigsten damit rechnet, kommt es zu Ansteckungen mit sexuell übertragbaren Krankheiten: in eigentlich treuen, heterosexuellen Zweierbeziehungen, in denen es zu außerpartnerschaftlichen Sexkontakten kommt. In Paarbeziehungen wird eine (mittlerweile sehr gut behandelbare) HIV-Infektion zum Beispiel oft erst in einem späten Stadium entdeckt, weil das Vorurteil besteht, heterosexuelle Paare wären davon nicht betroffen.

Insgesamt ist es nicht so häufig, aber auch nicht ganz unwahrscheinlich, dass man einmal in seinem Leben eine Geschlechtskrankheit hat. Meistens ist eine sexuell übertragbare Infektion auch keine Katastrophe. Als Daumenregel gilt: Wenn es juckt oder ein auffälliger Ausfluss aus der Harnröhre oder Vagina kommt, sollte man sich von einem Facharzt für Haut- und Geschlechtskrankheiten, Frauenärztin (Gynäkologin) oder Männerarzt (Urologen) untersuchen lassen. Und Sexparter schützen, d.h. darüber informieren, dass sie vielleicht auch betroffen sein könnten. Ganz harmlos sind Geschlechtskrankheiten nämlich nicht.

Noch halten sich sexuell übertragbare Infektionen im Hintergrund. Wie es im Herbst mit den Infektionszahlen weitergehen wird, hängt allerdings vom sommerlichen Verhütungsverhalten ab: Eine sexuell übertragbare Krankheit bekommt man nicht, wenn und weil man mit vielen Leuten Sex hat. Sondern dann, wenn man nicht auf safer sex achtet.

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Barbara Rothmüller
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