20.12.2020 06:00 |

„Krone“ vor Ort

Die Kinder von Moria

Herbergssuche 2020: Wie Schauspielerin Katharina Stemberger aus Wien und der Tiroler Bischof Hermann Glettler frierenden Mädchen und Buben helfen wollen. Die „Krone“ war auf Lesbos mit dabei.

Sintflutartig peitscht Regen gegen das Zelt. Es donnert. Doch nachts kommen die Flammen. Raus, runter zum Meer! „Mama, wo bist du?“

Wie der kleinen Fatima (Name geändert) in ihrem rosa Strickjackerl geht es vielen Kindern im Flüchtlingslager Kara Tepe, einen Steinwurf vom abgefackelten Camp von Moria entfernt.

Einige der 3000 Mädchen und Burschen verarbeiten den Brand vom September mit wiederkehrenden Albträumen über Feuer. Psychologin Katrin Glatz Brubakk von Ärzte ohne Grenzen spricht von einem Flashback-Phänomen: „Wir hatten deshalb immer mehr junge Schlafwandler, die in der Dunkelheit nicht mehr heimfanden.“

Regierung lieferte Zelte, Decken und Heizstrahler
Hinter den Zäunen offenbaren sich beim „Krone“-Lokalaugenschein auf Lesbos Bilder wie diese: Mütter hängen nasse Kleider auf Stacheldraht auf. Ein Teenager lässt einen Drachen steigen, den er aus Plastiksackerln gebastelt hat. Eine ältere Frau schaut verstört aus einem Verschlag, vor dem ein verrosteter Rollstuhl steht. Bei Niederschlag bilden sich zwischen den Behausungen Sturzbäche. Sanitäranlagen versinken im Schlamm. Meldungen von Rattenbissen machen die Runde.

Schauspielerin Katharina Stemberger will dieses Leid bekämpfen. Sie ist hierhergereist und hat zum Beispiel wärmende Felle mitgebracht.

Aktionismus? Kritiker mögen das behaupten. Ein Tropfen auf den heißen Stein? Vielleicht. Für das Neugeborene einer Familie aus Afghanistan, die vor den Taliban geflüchtet ist, sind sie wichtig in diesem Moment. Das Baby schmiegt sich an die Wolle – und hört auf zu weinen

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Wir können nicht alle retten. Aber ich will, dass sich die Menschen weniger fürchten. Man kann nur aus dem Herzen heraus agieren.

Schauspielerin Katharina Stemberger

Stembergers Aktion „Courage – Mut zur Menschlichkeit“ will viele private Unterkünfte in Österreich ausfindig gemacht haben. 144 Flüchtlinge könnten rasch aufgenommen werden. Ihr Appell: „Wir können nicht alle retten. Aber ich will, dass sich die Menschen weniger fürchten. Man kann nur aus dem Herzen heraus agieren.“

Kirche für Aufnahme von Familien in Österreich
Unterstützung vor Ort erhält die Wienerin auch von der Diakonie und Bischof Hermann Glettler aus Innsbruck. Der Geistliche bezeichnet die Mission als „Herbergssuche im Jahr 2020“.

Die Bundesregierung hat sich, wie berichtet, gegen die Aufnahme von Flüchtlingen aus der Ägäis entschieden. Das offizielle Österreich befürchtet einen Pull-Effekt (verstärkten Nachzug) und Unterstützung des Schlepperwesens. Man habe sich deshalb im Sommer entschlossen, vor Ort zu unterstützen. Die ersten Zelte wurden Ende November aufgestellt. 25 davon dienen im Lager als Corona-Station. Auch Heizstrahler wurden überstellt, außerdem laut Angaben des Innenministeriums 7400 Decken und 2700 Matratzen.

Schauplatzwechsel in den Hafen der Hauptstadt Mytilini: Dort, wo früher Tavernen Gäste anlockten und Ausflugsboote vor Anker lagen, hat die Küstenwache Stellung bezogen. Auf einem Frontex-Schiff, das die Außengrenze Richtung Türkei abschirmen soll, bessert ein Matrose den grauen Lack aus. Auf dem Heck weht eine EU-Flagge am Fahnenmast.

Den Glauben an Europa haben die Bewohner von Lesbos verloren. Zu viel oder, besser gesagt, zu wenig ist in den vergangenen Jahren passiert.

„Wir sind gastfreundliche Menschen“, erzählt ein Fischer. „Aber es gab nur leere Versprechungen.“

Aus den mit Lichterketten verzierten Lautsprechern am Pier dröhnt indes Weihnachtsmusik: „Jingle Bells“, „Stille Nacht“, „Last Christmas“. Doch die lokalen Interpretationen der Klassiker klingen fast wie Hohn. Denn nach Feiern ist in diesem Advent auf der Insel eigentlich fast niemandem zumute.

Das griechische Drama an der Haustüre Europas: Es bleibt für alle Beteiligten auch kurz vor dem Heiligen Abend ein Teufelskreis.

Gregor Brandl, Kronen Zeitung

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