Dramatischer Wandel am Arbeitsmarkt: Seit 2005 sind in Österreich 750.000 Menschen zusätzlich in Beschäftigung gekommen, so die neuen Zahlen der Statistik Austria. Doch wer genauer hinsieht, entdeckt das große Aber – denn das gesamte Arbeitsvolumen ist in 20 Jahren nur minimal gestiegen.
Österreich erlebt einen historischen Beschäftigungsboom – zumindest auf den ersten Blick. 4,5 Millionen Menschen waren 2025 erwerbstätig, um 750.000 mehr als noch 2005. Das entspricht einem Plus von 20,1 Prozent (siehe Grafik unten), während die Bevölkerung im gleichen Zeitraum nur um 11,5 Prozent wuchs. Die Erwerbstätigenquote der 15- bis 64-Jährigen kletterte auf 74,3 Prozent.
Doch die Freude über diese Rekordzahlen bekommt einen Dämpfer, wenn man die tatsächlich geleisteten Arbeitsstunden betrachtet. „Das Arbeitsvolumen ist in 20 Jahren nur um 2,1 Prozent gestiegen“, erklärt Manuela Lenk, Generaldirektorin der Statistik Austria. Die Erklärung für dieses Paradoxon: Der Teilzeit-Boom verändert den Arbeitsmarkt radikal.
Jede dritte Arbeitskraft arbeitet Teilzeit
Waren es 2005 noch knapp über 20 Prozent der Erwerbstätigen, die in Teilzeit arbeiteten, ist es heute bereits jede dritte Person. „Bei Frauen arbeitet mittlerweile fast jede Zweite in Teilzeit“, sagt Matea Paškvan von der Direktion Bevölkerung. Besonders dramatisch: Während in der EU die Teilzeitquote nur um 2,3 Prozentpunkte stieg, legte Österreich um zehn Prozentpunkte zu – nur die Niederlande haben im Europa-Vergleich noch mehr Teilzeitkräfte.
Die Gründe dafür sind stark von Alter und Geschlecht abhängig. Junge Menschen arbeiten neben Ausbildung und Studium, bei den 35- bis 44-Jährigen dominieren Kinderbetreuung und Pflege von Angehörigen – hier geben 64 Prozent der Teilzeitkräfte dies als Hauptgrund an. Bei den über 55-Jährigen ist es schlicht der Wunsch nach weniger Arbeit.
Besonders auffällig: Während bei Männern die Kinderbetreuung nur für 21,5 Prozent ein Teilzeitgrund ist, sind es bei den 35- bis 44-jährigen Frauen stolze 72 Prozent.
Immer weniger Überstunden
Hinzu kommt ein zweiter Effekt: Die Überstunden sind regelrecht eingebrochen. Von 354 Millionen geleisteten Extrastunden 2005 sank die Zahl auf bis 2025 nur noch 170 Millionen – ein Minus von 52 Prozent. Resultat aus mehr Teilzeit und weniger Überstunden: Die tatsächliche durchschnittliche Wochenarbeitszeit aller Erwerbstätigen fiel von 34,8 auf 29,4 Stunden (siehe Grafik).
Wer treibt den Beschäftigungsboom?
Drei Gruppen sind für das Plus von 750.000 Erwerbstätigen verantwortlich:
Dienstleistungsgesellschaft auf Hochtouren
Außerdem schreitet der Strukturwandel zur Dienstleistungsgesellschaft voran: 73,1 Prozent arbeiten mittlerweile im Dienstleistungssektor – vor 20 Jahren waren es 67,2 Prozent. Besonders gefragt: Gesundheits- und Sozialwesen, Bildung, IT und freiberufliche Dienstleistungen. Handel, Gastronomie und Finanzdienstleistungen verloren dagegen an Bedeutung.
Auch die Qualifikation steigt: Der Anteil der Hochschulabsolventen unter den Erwerbstätigen hat sich auf 25 Prozent fast verdoppelt, während jener mit maximal Pflichtschulabschluss auf zwölf Prozent schrumpfte.
Der Wunsch nach weniger Arbeit
Und wie geht es weiter? „Fast 80 Prozent der Erwerbstätigen wollen ihre Arbeitszeit nicht verändern“, so Lenk. 14,5 Prozent wünschen sich sogar weniger Stunden – trotz finanzieller Einbußen. Nur 6,7 Prozent wollen mehr arbeiten. Je höher die Bildung, desto stärker der Wunsch nach Reduktion: Bei Uni-Absolventen sind es 20 Prozent.
Angesichts der alternden Bevölkerung und des prognostizierten Rückgangs der Erwerbspersonen ab 2040 zeichnet sich ab: Der Arbeitskräftemangel wird sich verschärfen. „Trotz steigender Nachfrage werden weniger Arbeitsstunden geleistet“, warnt Lenk.
In Österreich arbeiten also immer mehr Menschen – aber jeder Einzelne immer weniger. Eine Entwicklung, die Politik und Wirtschaft vor große Herausforderungen stellen wird.
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