25.10.2020 12:01 |

AR-Experiment im Test

Rennen unterm Küchentisch mit „Mario Kart Live“

„Mario Kart“ unterm Küchentisch - mit Nintendos neuem Augmented-Reality-Spielsystem „Mario Kart Live“ ist das möglich. Ferngesteuerte Karts mit Kamera übertragen ein Live-Bild der Piste in der heimischen Wohnung, die mit Karton-Markierungen aufgebaut wird, auf die Nintendo Switch. Dort werden Computergegner, Power-ups und Hindernisse hinzugefügt - und fertig ist das „Mario Kart“ in den eigenen vier Wänden. Wir haben das innovative Fun-Racing-Konzept getestet.

Wer im Multiplayer mit bis zu vier Spielern durch die Wohnung düsen will, steht vor einer teuren Einstiegshürde. Einerseits braucht nämlich jeder „Mario Kart Live“-Rennfahrer seine eigene Nintendo Switch, andererseits benötigt auch jeder ein Starter-Kit mit Streckenmarkierungen und dem RC-Kart. Zum Start gibt’s hier Sets mit Mario oder Luigi, die knapp mehr als 100 Euro kosten. Bedeutet bei zwei Spielern eine Investition von etwa 210 Euro, wenn die je 300 Euro teuren Konsolen vorhanden sind.

Grenzen zwischen Videospiel und Realität verschwimmen
„Mario Kart Live“ ist also ein teurer Spaß - aber ein umso beeindruckenderer. Immerhin lässt es die Grenzen zwischen Videospiel und Realität verschwimmen wie wenige Titel zuvor. Es zeigt eindrucksvoll das Potenzial von Augmented Reality (AR) - also der Überlagerung von Aufnahmen der echten Welt mit perspektivisch angepassten digitalen Infos und Dingen, die hier eben aus der Welt von „Mario Kart“ stammen.

Die Ersteinrichtung ist unkompliziert: „Mario Kart Live“ aus dem Nintendo eShop herunterladen, das RC-Kart über das beiliegende USB-C-Kabel aufladen, die Karton-Tore zusammenbauen und im Raum verteilen. Dann scannt man mit der Kamera im Kart einen QR-Code am Display der Nintendo Switch und verbindet den Flitzer mit der Konsole. Nach einem kurzen Tutorial, das alles erklärt, kann man mit dem Mini-Kart eine Strecke zwischen den Toren definieren und diese dann allein gegen die KI, im Zeitfahren oder im Multiplayer-Modus mit anderen abfahren.

Virtuelle Power-ups und Hindernisse auf der realen Strecke
Dass dabei auch wirklich „Mario Kart“-Feeling aufkommt, haben die Entwickler mit dem Einbau der typischen Power-ups und Hindernisse in den Videostream vom Kart erreicht. Es gibt verschiedenste Cups, wie im Original auf der Konsole, die hier allerdings - wenn man nicht dauernd den Streckenverlauf manuell ändern will - keine unterschiedlichen Strecken, sondern unterschiedliche Settings bedeuten. So wird der Kurs durchs Wohnzimmer zur Unterwasserwelt, zur Bowser-Festung mit fiesen Fallen und Ähnlichem. Immer mit anderen digitalen Hindernissen und veränderter Optik - zusätzlich zu dem, was an Hindernissen in der Wohnung herumsteht.

Der Streckenverlauf kann aber eben nur vom Spieler und den räumlichen Gegebenheiten bestimmt werden, was die Möglichkeiten einschränkt. Während „Mario Kart“ auf der Konsole turbulente Abfahrten, Sprungschanzen oder Flugpassagen bietet und Karts gar an den Wänden fahren lässt, hat man es hier letztlich immer mit einem flachen Rundkurs durch die Wohnung zu tun. Ein Ausweichen nach draußen ist keine Option - die ungefederten RC-Flitzer sind für drinnen gemacht.

Trifft der virtuelle Panzer, bleibt das RC-Kart kurz stehen
Auf den AR-Rennstrecken verteilt gibt es „Mario Kart“-typisch Power-ups und Münzen, die man einsammelt und gegen KI-Gegner oder echte Mitspieler einsetzt. Wird hier ein Mini-Kart getroffen, bleibt es kurz stehen. Ein Turbo-Pilz beschleunigt das Mini-Kart, die Power-ups funktionieren also wirklich. Auch neue Items, zum Beispiel einen Sturm, der Karts vom Kurs abbringt, hat Nintendo eingebaut. Sogar das Driften, das in „Mario Kart“ bei guter Umsetzung Turbo-Boosts verleiht, wurde eingebaut - zwar rein virtuell und nicht so actionreich wie auf der Konsole, aber in der Funktion ident.

Bei alledem darf man von den via WLAN mit der Switch verbundenen Kameras in den Karts aber keine Wunder erwarten. Bei schlechtem Licht rauscht das Bild etwas, bei größerer Distanz zum Fahrer oder WLAN-Hemmnissen wie Wänden kommt es mitunter zu Video-Aussetzern und Artefakten. Und die Auflösung - vor allem am großen TV - ist auch ausbaufähig.

Gerade im Handheld-Modus funktioniert das Konzept aber ziemlich gut: Die Perspektive direkt aus den Karts heraus lässt den Spieler die eigene Wohnung mal ganz anders erleben, bei ausreichend Platz kann man mit den vier Karton-Toren darin weitläufige Pisten aufbauen.

Gutes Geschwindigkeitsgefühl am heimischen Parkett
Durch den Verkleinerungseffekt - die Karts sind nicht größer als ein Meerschweinchen - erzeugt die Fahrt durch die Wohnung selbst in der langsamsten 50cc-Klasse ein gelungenes Geschwindigkeitsgefühl für einen Fun-Racer. In höheren Klassen düsen die Karts dann noch einmal deutlich schneller durch die Gegend, entsprechend fordernder fühlt sich „Mario Kart Live“ dann auch noch einmal an.

Die Karts selbst sind auch gut gemacht. Der über eine „Boxenstopp-Klappe“ via USB-C wieder aufladbare Akku lässt sie in der Praxis etwa so lang durch die Wohnung düsen, wie die zugehörige Konsole mit ihren Stromreserven auskommt - das wirkt gut durchdacht. Die Verarbeitung stimmt: buntes Hartplastik, das robust wirkt und Mario und Luigi sauber in Szene setzt. Kleinere Crashs mit Füßen, Kanten oder Tischbeinen überstanden sie unbeschadet. Das Fahrverhalten passt auch: Die RC-Karts sind mit Gummi bereift, haben auf ihrer Tour durch die Wohnung also hinreichend Grip.

Hie und da „wandert“ die Strecke
Die Streckenmarkierungen, also vor allem die Karton-Tore, halten im Gegensatz zu den Karts weniger aus. Nach einigen Spielstunden kann es hier die eine oder andere Blessur geben, die der Funktion aber im Test nicht schadete. Die Tore und Markierungen werden vom Kart zuverlässig erkannt und mit Hindernissen und Leuchteffekten hervorgehoben. Probleme hatten wir allerdings hie und da mit sich im Spielverlauf verschiebenden Streckenverläufen. Die werden zunächst bei einer Proberunde mit dem Kart definiert und für die folgenden Rennen gespeichert. Die kleinen Verschiebungen verlegen Strecken dann mit der Zeit mitunter um ein paar Zentimeter, sodass sich neue Hindernisse auftun.

Fazit: Nintendo erfüllt „Mario Kart“-Fans einen uralten Traum und lässt sie mit den Rennfahrern aus der Welt von Super Mario spannende Rennen durch die eigene Wohnung erleben. Eine Ablöse für „Mario Kart 8 Deluxe“ ist „Mario Kart Live“ trotz gelungener Umsetzung und gut gemachten RC-Autos aber nicht. Dazu sind die Limitierungen beim Streckendesign zu groß und das AR-Erlebnis hat noch seine Schwächen. Trotzdem ist „Mario Kart Live“ eine eindrucksvolle Demonstration des Machbaren, mit der kleine und große Rennfahrer eine Menge Spaß haben können.

Dominik Erlinger
Dominik Erlinger
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